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Die Ballerina: Telefonat eines syrischen Flüchtlings in seine Heimat

Die Ballerina: Telefonat eines syrischen Flüchtlings in seine Heimat
Majd Abbouds 13-jährige Nichte beim Ballett-Tanzen.
Seit acht Jahren tobt in Syrien ein vom Westen und regionalen Verbündeten angefachter Krieg für einen Regime Change. Doch in der Kulturnation regiert nicht nur die Gewalt. Manche Syrer tanzen sogar Ballett – wie die Nichte von Majd Abboud.

Ende 2015 flüchtete der syrische Zahnarzt Majd Abboud nach Deutschland. Für größere Aufmerksamkeit sorgte er Anfang dieses Jahres mit einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zuvor war Abboud bereits durch seine Kritik an der deutschen Flüchtlingspolitik aufgefallen, deren Anspruch auf Integration oftmals an der Wirklichkeit scheitere, dass viele syrische Flüchtlinge nicht zur Integration gewillt seien. Im folgenden Text schildert Majd Abboud seine Gedankengänge während eines Telefonats mit seiner Nichte, die weiterhin in Syrien lebt und dort dem Ballett nachgeht.

von Majd Abboud 

Von den

Ihre Stimme kommt durch das Telefon aus einer vertrauten Welt herüber; wie ein Lichtstrahl lockt sie mich aus meiner Lethargie; eine ausgestreckte Hand, wie die Nachrichten dieser Tage aus Syrien, vielversprechend und hoffnungsvoll. Mein Land wird wieder eins, das Zusammenleben wird wieder möglich.

"Onkel, wann ist der Krieg endlich zu Ende?"

Ich denke: Wenn Menschen aufhören, sich gegenseitig zu hassen. Wenn sie weniger egoistisch, weniger mit Ideologien gesättigt wären. Wenn sie sich mit ihrer Menschlichkeit wieder versöhnen würden.

Was ist das für eine Welt, in der unsere Kinder groß werden müssen?

Als ich ein Kind war, habe ich das Jahr nach den feierlichen Anlässen datiert, in denen ich Geschenke bekam. Weihnachten feierte ich mit einem Teil meiner Familie, Zucker- und Opferfest mit dem anderen Teil. Am meisten freute ich mich auf Silvester, da feierten wir das neue Jahr mit der gesamten Familie.

Ein besonderer Tag, auch für meinen Vater. Mit einem lachenden Gesicht und weißem langen Bart zog er samt einer großen Tüte voller Geschenke aus seinem Geschäft durch die alten Gassen und verteilte Freude in der ganzen Gegend.

Jahre vor dem Krieg schloss er die Augen und ist in Frieden eingeschlafen. Das Leiden des Krieges ist ihm erspart geblieben.

Ich sage ihr: "Bald, meine Liebe, bald."

Das sage ich ihr aber schon seit Jahren. Ob sie mir das noch glaubt?!

"Ach, der Winter ist wiedergekommen, hier ist es ziemlich kalt geworden, und der Strom fällt die ganze Zeit aus. Ich kann auch deshalb nur selten Musik hören. Warum hassen uns die anderen so sehr?"

Der Strom fällt aber nicht nur in den zerstörten Gebieten aus, sondern auch in manchen Gehirnen. Das Kleinhirn ist von Hass schwarz verfärbt, das Herz von Feindseligkeit zerfressen.

"Kennst du meine beste Freundin Hiba? Sie ist immer traurig, sie vermisst ihren Vater. Auch Sahra vermisst ihre Cousinen. Sie kommen aber wieder, wenn der Krieg vorbei ist."

Symbolbild

Hibas Vater wurde Anfang des Krieges von den Rebellen in Homs entführt. Für seine Befreiung wurde eine hohe Summe verlangt. Und tatsächlich bekam ihn die Familie zurück, allerdings nur in Stücken. Das Video seiner Enthauptung wurde ins Internet gestellt. Sahras Onkel hat seine Familie und dann sich erschossen, als die Rebellen die Arbeiterstadt Adra einnahmen, um der Familie die Versklavung und Vergewaltigung zu ersparen.

Man erzählte Sahra aber nicht die Wahrheit, denn sie war zu klein, sie wartet immer noch auf die Rückkehr ihrer Cousinen.

Menschen, die mit dem Krieg weggingen, werden aber nie wieder zurückkommen. Hinterlassen haben sie unerfüllbare Lücken in den Familien und ebenso im Gewissen dieser Welt. Khaled, der Archäologe; Samir, der Briefträger; Nidal, der Bauer, dessen Frau gerade schwanger war; Mohammed Ramadan, der Imam, der in der Moschee ermordet wurde. Von ihnen sind nur Wandbilder und ihre leeren Plätze beim Abendessen übriggeblieben. Ihre Namen werden jahrelang die Glocken der Trauer in unseren Erinnerungen schlagen.

Mir gehen plötzlich Bilder von Kindern durch den Kopf, Kinder in Idlib, die von Terroristen rekrutiert wurden, die in Syrien vor dem Terror fliehen, die im Krieg im Jemen verhungern.

Wenn ich nur etwas daran ändern könnte. Ich würde alles dafür geben. Doch im Krieg habe ich schon fast alles verloren.

Ich versinke in Hilflosigkeit.

Ihre Stimme holt mich wieder zurück: "Bist du da?"

Ich sage nur: "Dich kann niemand hassen, meine Kleine."

Sie lacht, und mein Herz schlägt ein paar Takte schneller.

"Ist Europa schön, Onkel?"

"Ja, ist es, aber nicht so schön wie du, Kleine."

Sie lacht wieder und macht damit die Welt schöner.

"Onkel, hassen uns die Europäer? Ich habe Papa sagen hören, dass sie die Terroristen unterstützen, dass sie uns bestrafen."

Ich denke, man muss immer zwischen Politik und dem Volk unterscheiden.

Die Europäer sind in ihrem eigenen Hamsterrad gefangen.

Manche sind mit sich selbst zu beschäftigt, um sich über uns Gedanken zu machen. Manche sind davon besessen, dem Geld hinterherzurennen, sodass sie überhaupt keine Zeit haben, sich über etwas anderes Gedanken zu machen. Manche denken, sie sind uns überlegen und wollen uns Vorschriften machen. Manche sind von ihrer eigenen Geschichte zu belastet. Manche denken: Syrien! Ach, das ist weit weg ...

Den Fehler haben wir auch gemacht, als der Krieg in Afghanistan und später an unseren Grenzen im Irak ausbrach. Wir dachten, sicher zu sein.

Krieg ist wie eine schlimme Krankheit. Man denkt, das passiert nur den anderen.

Ich sage: "Uns hassen sie nicht, sie kennen uns nur noch nicht so gut."

"Na, dann lernen sie uns durch dich kennen, Onkel. Erzähl ihnen von uns."

"Darum bemühe ich mich, Kleine. Ich habe hier auch viele wunderbare Menschen kennengelernt."

"Eines Tages möchte ich auch nach Europa kommen und sie kennenlernen."

Bei uns in Syrien ist Europa seit langem hoch angesehen. Doch das heutige Europa der militärischen Einsätze ist nicht mehr das der 70er-Jahre. Einen großen Fehler macht man zudem, wenn man die Europäer idealisiert, da erwartet man von ihnen zu viel. Auch sie können manipuliert werden und auf Propaganda hereinfallen. Gerade in Europa ist die Täuschung groß, denn die Europäer sind eine wichtige Zielgruppe der Kriegsmaschinerie.

Vor vier Jahren legte ich eine strapaziöse Strecke zurück, um das Übel hinter mir zu lassen, und stellte dabei fest, wie verbreitet dessen Freunde und Förderer sind. Nun sitze ich allein in meinem Zimmer, und mir fehlt die Kraft, dagegen weiterzukämpfen.

Ich bin müde, ich lege mich hin.

Ihre Stimme unterbricht meine Gedanken erneut:

"Du, ich muss jetzt tanzen gehen! Pass gut auf dich auf! Mama macht sich Sorgen um dich, sie sagt: Die Welt ist nicht ungefährlich."

Die Kleine tanzt auf Zehenspitzen, während die Welt auf einer heißen Platte tanzt.

Die Nachrichten melden: "Bei Erdoğan lagern noch 50 US-Atombomben."

Pass auf dich auf, Kleine, der Planet ist mit Sprengstoff gespickt.

Ein kalter, angenehmer Zug gelangt durch das gekippte Fenster, zieht langsam die Wärme aus meinem erschöpften Körper, verführt mich zum Schlaf und verspricht meiner Seele Frieden. Doch bevor ich die Augen schließe, werde ich mich einmal zusammenreißen und mir etwas ausdenken. Ich werde alles für dich regeln.

Ich habe eine Zeitmaschine, ich stelle sie um acht Jahre zurück. Gerade haben wir ein schön verziertes Paket geschickt bekommen, in dem der 3. Weltkrieg steckt.

Ich sage: Nein danke, wir lassen uns nicht für dumm verkaufen. Ich male ein lachendes Gesicht darauf und schicke es dorthin zurück, wo es geschnürt wurde: nach London, nach Washington, nach Riad, nach Ankara und Tel Aviv.

Ich schließe die Tür und beobachte sie von Weitem, während sie vor Wut platzen.

Nun wird alles wieder gut.

Gute Nacht, Kleine. 

(Hinweis: Der redaktionell leicht überarbeitete Text erschien zuerst auf KenFM)

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