Skripal und die Fake-News: Was der Nowitschok-Entwickler wirklich gesagt hat

Skripal und die Fake-News: Was der Nowitschok-Entwickler wirklich gesagt hat
Forensiker stellten am Mittwoch ein Fahrzeug in Gillingham, Grafschaft Dorset sicher.
Wil Mirsajanow hat nach eigenen Angaben das Nervengift "Nowitschok" zu Sowjetzeiten mitentwickelt. Nur Moskau könne deshalb hinter dem Anschlag stecken, schreiben Medien unter Berufung auf ihn. Eine entscheidende Aussage des Russen unterschlagen sie dabei.

Seit Tagen geistert der Begriff "Nowitschok" durch alle Medien. Mit dem von der Sowjetunion entwickelten Nervengift soll der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal mitsamt Tochter im britischen Salisbury vor elf Tagen vergiftet worden sein.

Die Existenz des Nervengifts hat Wil Mirsajanow bereits Anfang der 1990er Jahre bekannt gemacht. Der inzwischen in den USA lebende Russe war nach eigener Aussage selbst an der Entwicklung des Kampfstoffes beteiligt. Er veröffentlichte 2008 das Buch "State Secrets: An Insider's Chronicle of the Russian Chemical Weapons Program", in dem die bis dahin streng geheime Formel des tödlichen Nervengifts sogar aufgeführt wird.

Verständlicherweise ist Mirsajanow nun ein gefragter Mann in den Medien. Aus seinen Aussagen zum Fall Skripal entstanden Schlagzeilen wie: "Nur Moskau konnte den Anschlag in Salisbury durchführen, sagt der russische Wissenschaftler, der die Welt vor dem nicht heilbaren Nervengift warnte" (Telegraph). Auf Reuters lautete die Schlagzeile: "Nur Russland kann hinter dem Giftanschlag in Großbritannien stehen, so der Mitentwickler des Gifts".

Die Nachrichtenagentur zitiert Mirsajanow mit den Worten:

Ich war schockiert. Selbst in meinen schlimmsten Träumen hätte ich mir nicht vorstellen können, dass diese chemische Waffe, die ich mitentwickelt habe, als Terrorwaffe eingesetzt werden würde.

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Zudem sagte der Exil-Russe: "Natürlich streitet der Kreml alles ab, wie alle Kriminellen – es bedeutet nichts." Diese Aussage griff auch Spiegel-Online am Mittwoch in einem Videobeitrag auf. Für Mirsajanow "steht außer Frage, wer hinter dem Anschlag auf Skripal steckt", heißt es in darin, bevor der Mann selbst zu Wort kommt:

Natürlich streitet der Kreml alles ab, wie alle Kriminellen. Auch nur einem Wort von Putin zu trauen, ist ein Fehler. Nowitschok wurde erfunden, untersucht und Tonnen davon hergestellt - ausschließlich in Russland. Niemand außerhalb des Landes wusste etwas davon. Niemand sonst besaß diese Chemikalie.

Die Vergiftung Skripals bestätige, dass "Russland ein terroristisches Land" sei, so Mirsajanow.

Skripal und die Fake-News: Was der Nowitschok-Entwickler wirklich gesagt hat
Wil Mirsajanow auf seinem Anwesen in den USA.

Chemiewaffenexperten: Nichts Genaues weiß man nicht

Welch wichtige Rolle Mirsajanow im Zusammenhang mit Nowitschok spielt, beleuchtet ein im Jahr 2016 erschienener Artikel in einem von der britischen Royal Society of Chemistry herausgegebenen Wissenschaftsmagazin. Dessen Verfasser Dr. Robin Black leitet das Erkennungs-Labor in Porton Down. Die bei Salisbury gelegene Forschungseinrichtung ist das Zentrum der britischen Chemie- und Biowaffenforschung. Dort wurde Nowitschok nach Angaben Londons als das Nervengift identifiziert, das gegen Skripal zum Einsatz gekommen sei. Black schrieb in seinem Artikel:

In den letzten Jahren wurde viel darüber spekuliert, dass in Russland eine vierte Generation von Nervengiften, 'Nowitschoks' (Neulinge), entwickelt wurde, was in den 1970er Jahren im Rahmen des 'Foliant'-Programms mit dem Ziel begann, Abwehrmaßnahmen zu unterlaufen. Die der Öffentlichkeit zugänglichen Informationen über diese Verbindungen sind rar und stammen größtenteils von einem Dissidenten, dem russischen Militärchemiker Wil Mirsajanow. Eine unabhängige Bestätigung der Strukturen oder der Eigenschaften solcher Verbindungen wurde nicht veröffentlicht.

Der Leiter des Föderalen Sicherheitsdienstes, Oberst Nikolai Kowaljow, im Jahr 1996. Er leitete die Sicherheitsbehörde von 1996 bis 1998 und war damit der Vorgänger Wladimir Putins, der im Jahr 1998 das Amt kurzzeitig übernahm. Zurzeit ist Kowaljow Duma-Abgeordneter und in mehreren Gremien aktiv.

Und im Jahr 2013 schrieb der Wissenschaftliche Beirat (SAB) der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW):  

Der Name 'Nowitschok' wird in einer Publikation eines ehemaligen sowjetischen Wissenschaftlers verwendet, der über die Erforschung einer neuen Klasse von Nervenwirkstoffen berichtete, die für den Einsatz als binäre chemische Waffen geeignet sind. Der SAB stellt fest, dass er über keine ausreichenden Informationen verfügt, um die Existenz oder die Eigenschaften von 'Nowitschok' zu kommentieren.

Die OPCW zeigte sich derart skeptisch hinsichtlich der Frage, ob Nowitschok jemals erfolgreich zu Ende entwickelt wurde, dass die Substanz nicht ihrer Liste der Nervengifte aufgeführt ist. Zurecht stellt der ehemalige britische Botschafter Craig Murray die Frage, wie denn Porton Down angesichts solcher Wissenslücken überhaupt in der Lage war, Nowitschok eindeutig zu identifizieren. Auf seiner Webseite schreibt Murray:

Es ist eine wissenschaftliche Unmöglichkeit für Porton Down, russisches Nowitschok testen zu können, wenn sie noch nie eine russische Probe besessen haben, mit der es verglichen werden kann. Sie können bei einer Probe analysieren, ob sie der Formel von Mirsajanow entspricht, aber das ist kein Beweis für die russische Herkunft, da Mirsajanow die Formel vor zwanzig Jahren der ganzen Welt zugänglich machte. Wenn Porton Down es synthetisieren kann, dann können das auch viele andere, nicht nur die Russen.

Mirsajanow und die manipulative Berichterstattung

Murray weist darauf hin, was Mirsajanow selbst im Oktober 1995 über das Nervengift schrieb:

Man sollte bedenken, dass es sich bei den chemischen Komponenten oder Vorläufern von A-232 oder seiner binären Version Nowitschok-5 um gewöhnliche Organophosphate handelt, wie sie in kommerziellen Chemieunternehmen fabriziert werden können, die Produkte wie Düngemittel und Pestizide herstellen.

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Demnach kommt nicht nur Russland, sondern auch jeder andere Akteur mit den entsprechenden Kapazitäten als Produzent des Nervengifts in Frage. Doch warum behauptet Mirsajanow nun laut den eingangs zitierten Medienberichten, nur Moskau komme als Urheber in Betracht? Tatsächlich tut er das nicht. So heißt es in einem am Mittwoch erschienenen AFP-Artikel:  

'Nur die Russen entwickelten diese Klasse von Nervengiften', sagte der Chemiker. 'Sie haben es geheim gehalten und tun das weiterhin.' Die einzige andere Möglichkeit, sagte er, wäre, dass jemand die Formeln seines Buches benutzte, um eine solche Waffe herzustellen.  

Mirsajanow sagt also explizit nicht, dass nur die Russen es gewesen sein können. Bezeichnenderweise erschien der AFP-Artikel dennoch unter der Überschrift: "Es sind die Russen, sagt der Chemiker, der die Existenz von 'Nowitschok' aufdeckte."

Den entscheidenden Hinweis von Mirsajanow gänzlich zu unterschlagen, wonach nicht nur Russland als Täter in Betracht kommt, ist eindeutig ein Fall manipulativer Berichterstattung, die Moskau in Verruf bringen soll. Nicht viel besser ist es, wenn wie bei AFP dieser Hinweis quasi im Kleingedruckten in einem Artikel untergebracht wird, der mit einer reißerischen Überschrift aufmacht, in der genau das Gegenteil dessen behauptet wird, was Mirsajanow wirklich gesagt hat.

Der Fall Skripal ist ein erneutes Beispiel dafür, wie mit verfälschenden Schlagzeilen der öffentliche Diskurs in eine bestimmte Richtung gelenkt werden soll. Oder anders gesagt: wie gezielt antirussische Fake-News verbreitet werden.

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