Der Titel macht's: Mediale Stimmungsmache zu nordkoreanischen Chemiewaffen-Lieferungen an Syrien

Der Titel macht's: Mediale Stimmungsmache zu nordkoreanischen Chemiewaffen-Lieferungen an Syrien
UN-Chemiewaffenexperten nehmen Proben nach einem angeblichen Chemiewaffeneinsatz im Damaszener Vorort Ein Tarma (August 2013).
Glaubt man den Schlagzeilen wichtiger englischsprachiger Leitmedien, hat Nordkorea jüngst Chemiewaffen nach Syrien geliefert. Die vermeintliche Quelle ist dabei ein nicht-öffentlicher UN-Bericht. Doch dieser gibt für solche Schlagzeilen gar keinen Anlass.

Nicht wenige Medienkonsumenten belassen es dabei, sich einen Nachrichtenüberblick alleine anhand von Überschriften zu verschaffen. Laut einer Studie der Columbia University in New York teilen gar sechs von zehn Twitter-Nutzern Artikel, ohne diese überhaupt selbst gelesen zu haben.

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"Die Leute sind eher bereit, einen Artikel zu teilen als zu lesen", sagte ein Mitverfasser der Studie gegenüber der Washington Post. Die oberflächliche Meinungsbildung anhand von Schlagzeilen und Artikel-Zusammenfassungen sei "typisch für den modernen Informationskonsum".

Wer sich allein auf Überschriften verlässt, der müsste nun – zumindest als Konsument angloamerikanischer Medien – mit einer akuten Eskalation des Syrien-Konfliktes und des Streits um das nordkoreanische Atomprogramm rechnen. Denn seit Dienstag machen Schlagzeilen wie folgende die Runde:

"UN-Bericht: Nordkorea liefert Chemiewaffen nach Syrien", lautete die Überschrift eines CNN-Berichts am Mittwoch. Der britische Independent titelte am gleichen Tag: "Laut Vereinten Nationen liefert Nordkorea Chemiewaffen-Material nach Syrien". Am Vortag hatte bereits die BBC mit der Schlagzeile aufgemacht: "Nordkorea 'stellt Material für syrische Chemiewaffenfabriken zur Verfügung'".

Den Anfang machte aber am Dienstag die New York Times (NYT), laut der "die UN Nordkorea mit dem syrischen Chemiewaffen-Programm in Verbindung bringt". Doch bereits der erste Satz des NYT-Artikels – man beachte den verwendeten Konjunktiv – relativiert die gerade zitierten Überschriften:

Nordkorea hat Materialien an die syrische Regierung geliefert, die zur Herstellung chemischer Waffen verwendet werden könnten, behaupten Experten der Vereinten Nationen.

Die New York Times bezieht sich auf einen nicht-öffentlichen UN-Bericht, der sich mit Verstößen gegen die wider Nordkorea verhängten Sanktionen beschäftigt und den das Blatt einsehen konnte. Wie der UN-Sprecher Stéphane Dujarri erklärte, stehe noch nicht fest, ob der an die US-Zeitung geleakte Bericht überhaupt veröffentlicht werden wird.

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UN-Bericht: Spekulation statt Beweise

Konkret wird Nordkorea darin vorgeworfen, unter Umgehung der UN-Sanktionen "säurebeständige Fliesen, Ventile und Thermometer" nach Syrien geliefert zu haben. Die Fliesen wurden demnach im Januar 2017 in einer Schiffsladung entdeckt. Im August 2016 seien im Rahmen eines Besuchs nordkoreanischer Raketentechniker in Syrien "spezielle Widerstandsventile und Thermometer, die für den Einsatz in chemischen Waffen bekannt sind", übergeben worden.

Was die Bauteile speziell für den Einsatz in Chemiewaffen prädestinieren soll, dazu machte der Bericht jedoch keine Angaben, wie die NYT bemerkte. Es handelt sich also in erster Linie um eine Spekulation der Verfasser des Berichts.

Laut der Zeitung seien die "möglichen Chemiewaffen-Komponenten" Teil von mindestens 40 bisher nicht gemeldeten Transporten von Nordkorea nach Syrien zwischen den Jahren 2012 und 2017 gewesen, die Materialien enthielten, die "sowohl für militärische als auch für zivile Zwecke verwendet" werden können. Die NYT schreibt weiter:

Der Bericht hebt die potenzielle Gefahr hervor, die von einem solchen Handel zwischen Syrien und Nordkorea ausgeht, der es Syrien ermöglichen könnte, seine chemischen Waffen aufrechtzuerhalten und gleichzeitig Nordkorea mit Bargeld für seine Nuklear- und Raketenprogramme ausstatten könnte.

Syrien war unter russischer Vermittlung 2013 der Chemiewaffen-Konvention beigetreten, die den Besitz und die Entwicklung derartiger Waffen verbietet. Unter Aufsicht der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) vernichtete die syrische Armee ihre Chemiewaffenbestände.

"Bestätigt alles, was wir gesagt haben"

Washington äußerte seitdem wiederholt den Verdacht, Damaskus habe nicht sämtliche Chemiewaffen abgegeben. Erst vor zwei Wochen behaupteten US-Vertreter, die syrische Regierung arbeite insgeheim weiter an deren Entwicklung. Den Beweis dafür blieben sie allerdings schuldig.

Syrien, Chan Scheichun, 4. April 2017: Ein Mann trägt ein Kind in seinen Armen, das Opfer des Giftgaseinsatzes wurde.

Die NYT zitiert nun die ehemalige Mitarbeiterin des US-Außenministeriums Mallory Stewart, die unter Präsident Barack Obama mit der Abwicklung des syrischen Chemiewaffenprogramms betraut war:   

In der letzten Regierung haben wir versucht, das gesamte Chemiewaffenprogramm abzubauen, von dem wir wissen, dass sie [die Syrer] es nie getan haben.

Der geleakte UN-Bericht "bestätigt alles, was wir gesagt haben", so Stewart. Doch gerade das tut er nicht, wie die NYT selbst einräumt. Die von ihr zurate gezogene Experten sagten, der Bericht enthalte "keinen definitiven Beweis dafür, dass es eine aktuelle, fortwährende Zusammenarbeit zwischen Nordkorea und Syrien im Bereich der Chemiewaffen" gibt.

Es ist bezeichnend, wie bedeutende Medien in ihren Schlagzeilen den im UN-Bericht verwendeten Konjunktiv in einen Indikativ überführen, also eine Möglichkeit ("könnte", "potenziell") zu einer bereits feststehenden Tatsache erklären – und damit eine argumentative Rechtfertigung für Militärschläge gegen Syrien liefern.  

Die ganze Angelegenheit nimmt sich aus wie eine Neuauflage ähnlicher Medienberichte vor einem halben Jahr. Auch damals war ein "vertraulicher UN-Bericht" der Ausgangspunkt für Schlagzeilen wie "Nordkorea wurde dabei erwischt, wie es Chemiewaffen an Syrien liefert". Und wie im aktuellen Fall gab auch der damalige Bericht nichts her, was solche Schlagzeilen rechtfertigen würde.

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