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"Amazoned", "microsofted", "starbucked" – bizarrer Wettbewerb um Firmenstandorte und die Folgen

"Amazoned", "microsofted", "starbucked" – bizarrer Wettbewerb um Firmenstandorte und die Folgen
Sieger im Wettbewerb um die Standorte der "Big Player" wie Amazon und Co? Häufig bleiben leere Kassen und lange Gesichter vor Ort.
Der US-Handelsriese Amazon baut ein neues Hauptquartier in den Vereinigten Staaten. Nicht eins, sondern zwei. Ein Grund also für doppelte Freude der Gewinner im Standortwettbewerb? Dem gängigen Bieterzirkus um Steuervorteile folgen oft leere Kassen und Gentrifizierung.

Und der Gewinner ist? Amazon!

Das findet zumindest die Neue Züricher Zeitung in ihrem Kommentar zur Entscheidung im Bieterkampf darum, wo der Handelsgigant Amazon aus Seattle sein neues Hauptquartier in Nordamerika aufschlägt. Wie der Konzern in einer Pressemitteilung am Dienstag mitteilte, werden gleich zwei zusätzliche Hauptquartiere errichtet, eins in Long Island City (New York City) und eins in National Landing in Arlington (Virginia). Insgesamt 238 Städte und Regionen bewarben sich als Standort für das zukünftige Zweit-Hauptquartier (HQ2), nachdem Amazon im September 2017 angekündigte hatte, zusätzlich zu seinem Stammsitz in Seattle ein neues, zweites Hauptquartier zu bauen. Der Konzern lud in ganz Nordamerika lokale und regionale Regierung ein, sich als Standort zu bewerben. Für den Sieger verspricht er "Milliarden von US-Dollar an Vorabinvestitionen und laufenden Investitionen sowie Zehntausende von hochbezahlten Arbeitsplätzen". Mit günstigen Gegenleistungen könnten die Bewerber die Gunst von Amazon gewinnen, gab der Alles-Verkäufer den Teilnehmern bei ihrem Wettlauf mit auf den Weg:

Anreize, die vom Staat, der Provinz und den lokalen Gemeinschaften angeboten werden, um die anfänglichen Investitionskosten und die laufenden Betriebskosten auszugleichen, werden wichtige Faktoren im Entscheidungsprozess sein. (Business Insider Deutschland)

Was mit einem spannenden bis bizarren Schaulaufen begann, fand in den Augen der NZZ dann ein etwas langweiliges Ende. Denn bei den beiden Gewinnern handele es sich um "zwei bereits etablierte Wirtschaftsmetropolen an der Ostküste". Es stelle sich also die Frage, "warum Amazon erst so ein Riesentheater veranstaltet, um sich letztlich in bekannten Wirtschaftszentren niederzulassen". Im Ergebnis sehe diese Art der medienwirksamen "öffentlichen Ausschreibung" nach einem so gigantischen wie gelungenen PR-Coup für Amazon aus.

Mehr Geld für viel Arbeit – neue Zeiten bei Amazon?

Schließlich müsse sich der Handelsriese oft genug Vorwürfe gefallen lassen, Arbeitsplätze zu vernichten und in seinen Lagerhäusern nur mäßig bezahlte neue Jobs zu schaffen. Dafür habe sich der Konzern nun monatelang als "künftiger Arbeitgeber von Tausenden überdurchschnittlich gut bezahlten Angestellten" präsentieren können. Aus dem "Arbeitsplatzvernichter" sei ein von allen umworbener "Heilsbringer" geworden.

Der Gewinner von Amazons Städtewettbewerb sei damit – Amazon selbst. Und ob die Rechnung für die neuen Firmenstandorte aufgehe, müsse sich erst noch zeigen. In ein paar Jahren werde man Bilanz ziehen können.

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"Wo große Firmen normale Bürger verdrängen"

So titelt die Süddeutsche Zeitung zu dem Ganzen und zieht bereits im Hier und Jetzt eine kritische Bilanz, sie schreibt:

Wer wissen möchte, wie Gewinner aussehen, der sollte mal nach Sparks fahren.

Die Kleinstadt im US-Bundesstaat Nevada sei ein Anschauungsbeispiel für Gigantomanie und die damit einhergehenden Selbstüberhöhungen angesichts der Konzernriesen, die sich dort angesiedelt haben, wie unter anderem Tesla, Google, Panasonic, FedEx und Walmart. Ebenfalls besichtigen ließen sich dort die riesenhaften Schatten, die solche Giganten auf ihre Umgebung werfen. Denn in den vergangenen fünf Jahren seien die Lebenshaltungskosten in Sparks immens gestiegen, da die örtliche Infrastruktur nicht mit dem Aufschwung durch die bekannten Firmen mithalten könne. Die Mieten sind innerhalb eines Jahres um mehr als zehn Prozent gestiegen, lokale Kneipen und Boutiquen weichen den Filialen gigantischer Ketten und hippe Restaurants gibt es für die, die es sich leisten können, beschreibt die SZ die Situation vor Ort. Kurzum: "So sieht Gentrifizierung aus." Die Verlierer dieser Entwicklung landeten häufig in einer Sackgasse:

Es gibt Tage, da kann ich mir nichts zu essen kaufen. Es ist deprimierend, weil die Menschlichkeit verschwunden ist. Ich kann aber auch nicht weg, weil ich mir den Umzug nicht leisten kann. So geht es vielen hier.

Eine weiteres Beispiel sei die Heimatstadt von Amazon selbst, Seattle. Eine Stadt, die "amazoned" sei, und ebenso "microsofted" und "starbucked". Denn auch die Giganten Microsoft und Starbucks sitzen in Seattle. Mit ihnen kamen die hochqualifizierten und hochbezahlten Leute, Ingenieure, Programmierer und Manager, "und die wollten das Geld, das sie verdienten, auch ausgeben". Mit solch zahlungskräftiger und konsumfreudiger Kundschaft lässt sich also sehr gutes Geld verdienen. Entsprechend kräftig steigen daher auch die Preise. Nur können sich dann Normalverdiener wie Taxifahrer, Kellner und Putzkräfte das alles nicht mehr leisten, wenn etwa ein 50-Quadratmeter-Zimmer in dieser Stadt mittlerweile knapp 2000 Dollar kostet, wie die SZ vorrechnet (weitere Details zu "amazoned" Seattle finden sich etwa hier).

Es sei ein Kuhhandel, den viele Städte und Bundesstaaten mit diesen Unternehmen eingehen. Denn die Konzerne kommen genau aus den Gründen, die Amazon den Bewerbern für den Standort seines künftigen zweiten Hauptquartiers als hilfreiche "Anreize" auf seinen Wunschzettel geschrieben hatte. Das heißt, vor allem unmittelbar profitable Vorteile durch Steuerleichterungen, Subventionen, günstiges Bauland und weitere Annehmlichkeiten locken bzw. fordern die Konzerne. Anreize in entsprechend gigantischen Größenordnungen, die die SZ beziffert:

Amazon (...) soll von den Bundesstaaten New York und Virginia mehr als zwei Milliarden US-Dollar an Steuererleichterungen bekommen (...) Tesla soll in Nevada etwa 1,3 Milliarden US-Dollar erhalten (...) Wisconsin gar 4,8 Milliarden US-Dollar.

Neben der Schaffung neuer, hochbezahlter Jobs und einem "Magneteffekt" für die Gründung und Ansiedlung weiterer Unternehmen im Umfeld solcher Firmengiganten sind auch zukünftige höhere Steuereinnahmen eine gern genannte Rechtfertigung für diese Ausgaben und Steuererleichterungen im Voraus. Fällt schon die Bilanz hinsichtlich des "Jobmotors" und "Magneteffekts" für die jeweiligen Standorte zumindest durchwachsen aus, so muss einem das Argument "höherer Steuereinnahmen" mehr als nur fragwürdig erscheinen, angesichts der notorischen Steueroptimierungspraktiken global operierender Konzerne.

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Zwar verspricht Amazon die finanzielle Föderung von lokalen öffentlichen Schulen, Infrastrukturprojekten und Grünanlagen speziell für seinen neuen Standort in Long Island City. Doch die Problematik ist eine grundsätzliche: Statt öffentliche Leistungen durch eine demgemäße ordentliche Besteuerungen zu garantieren, wird ihre Finanzierung in das graue Feld privat-öffentlicher Vertragsvereinbarungen verschoben. Entsprechend kritisierte der Sprecher des New Yorker Stadtrats Corey Johnson:

Amazon ist eines der reichsten Unternehmen der Welt, aber man kann den Beitrag der Gesellschaft, der während des gesamten Prozesses gefehlt hat, nicht mit einem Preis belegen. Ich finde diesen Mangel an Engagement und die Tatsache äußerst beunruhigend, dass der Stadtrat – der von den New Yorkern gewählt wird, um Landnutzungsprojekte im Hinblick auf die Gemeinden zu leiten – bei den Verhandlungen ausgeschlossen wurde. Ich verstehe auch nicht, warum ein so reiches Unternehmen wie Amazon fast zwei Milliarden US-Dollar an öffentlichen Geldern für seine Expansionspläne benötigen würde, zu einer Zeit, in der New York dringend Geld für bezahlbares Wohnen, Transport, Infrastruktur und Bildung braucht. Ich werde mich immer für die wirtschaftliche Entwicklung und die Beschäftigung in New York einsetzen, aber ich werde skeptisch sein, wenn der Prozess hinter verschlossenen Türen durchgeführt wird, ohne Beteiligung der Gesellschaft und mit fast zwei Milliarden US-Dollar an Subventionen für einen globalen Riesen.

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