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Jede Aggression ist ein Verbrechen - Historikerin Natalia Lebedeva im RT-Interview [Video]

Jede Aggression ist ein Verbrechen - Historikerin Natalia Lebedeva im RT-Interview [Video]
Bilder der frierenden und hungernden deutschen Kriegsgefangenen stehen symbolhaft für das ruhmlose Ende der Schlacht um Stalingrad. Der Umgang mit ihnen entsprach jedoch internationalem Recht. Auf dem Bild: Januar 1943, Stalingrad: Begegnung mit Stabsoffizieren der 62. Armee.
Die Historikerin Natalia Lebedeva kommentiert die jüngste Stellungnahme der Bundesregierung, wonach das Vorgehen der Wehrmacht nur "einzelfallbezogen" als verbrecherisch einzustufen sei. Die Expertin für den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess kommt jedoch zu einem anderen Schluss.

Kann der Angriff auf die Sowjetunion als verbrecherisch bezeichnet werden?

Natürlich! Keine Frage! Das war reine, unprovozierte Aggression. Das Interessanteste ist, dass noch am Tag des Angriffs Deutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni, um fünf Uhr morgens ein riesiger Eisenbahnzug mit Lebensmitteln, Erdöl usw. nach Deutschland geschickt wurde. Stalin war also bis zum Schluss seinen Beziehungen zu Hitler als Verbündetem treu. Eine andere Frage ist, warum er diesen Angriff nicht vorhergesehen hat. Das ist seine größte Sünde an unserem Volk. Obwohl…

Hier ist ein interessantes Detail. Bis März 1941 wurden sehr viele Menschen verhaftet, weil sie schlecht über Hitler gesprochen und geschrieben hatten. Und ab März wurde man verhaftet, wenn man Hitler positiv bewertete. Im März war also schon klar, dass eine reale Gefahr von Hitler ausgeht und dass es wahrscheinlich zu einer Konfrontation kommen wird. Dennoch hat man noch versucht, sich von ihm loszukaufen, sich als nützlich darzustellen, um einem Krieg zu entgehen. Und so schickte man noch am Tag des Angriffs auf die Sowjetunion einen riesigen Militärzug mit allem, was man unter anderem zur Kriegsführung braucht - Erdöl usw.

Es war also ein verbrecherischer Akt?

Jede Aggression ist ein Verbrechen! Umso mehr, wenn diese nicht provoziert ist. Und sie war unprovoziert. Stalin hat Hitler, wie gesagt, alles Mögliche geschickt. Mit allem, was man unter anderem für den Krieg braucht. Hitler wurde also nicht provoziert. Das ist der Kriegsverbrecher Nummer Eins auf der ganzen Welt.

Die Deutschen sind fast bis Moskau vorgedrungen. Wie viele Menschen gestorben sind! Wie viele in Kriegsgefangenschaft endeten! Wie viele Dörfer und Städte zerstört wurden! Wie viele sind dieser furchtbaren Besatzung erlegen!

Kann man den Angriff auf die Sowjetunion allgemein als verbrecherisch bezeichnen? Wurden beim Nürnberger Prozess nur Einzelpersonen verurteilt oder das Regime als solches?

Symbolbild - Hinrichtung gefangener sowjetischer Partisanen, Januar 1943

Man hat die Regierungsart als Ganzes verurteilt. Das Regime an sich. Das war sehr wichtig. Und Moskau hat diesen Prozess noch im Jahr 1942 initiiert. Es hat einen Vorschlag gemacht, der später verwirklicht wurde. Lange Zeit waren sowohl Großbritannien als auch die USA gegen die Durchführung dieses Prozesses. Es hat lange gedauert, bis sie dem russischen Vorschlag zugestimmt haben. Noch bei der Konferenz von Jalta hat der britische Premierminister Winston Churchill darauf bestanden, dass nur einige Leute – nicht mehr als 20 – auf Verwaltungsbeschluss hingerichtet werden. Man hätte einfach ein paar Menschen hingerichtet und das wäre es gewesen. US-Präsident Franklin D. Roosevelt sagte: „Na gut, machen wir einen Prozess, der ein paar Tage dauert und zu dem keine Journalisten und Fotografen zugelassen sind.“

Das wäre also auch nicht der Nürnberger Prozess gewesen, den Moskau gewollt hat. Und erst bei der Gründung der UNO hat Roosevelt den US-Richter Samuel Rosenman damit beauftragt, die Prozessdurchführung mit dem russischen Außenminister Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow zu besprechen, der ebenfalls angereist war. Das vereinigte Königreich hat sich zwar weiterhin noch etwas widersetzt, aber da Russland und die USA sich auf die Durchführung eines richtigen Prozesses geeinigt haben, hat sich Großbritannien angeschlossen. Und in diesem Moment haben alle drei Seiten angefangen, sich auf eine ordentliche Prozessdurchführung zuzubewegen. Das war auch nicht einfach, da vieles abgestimmt werden musste: die Prozessordnung, die Anklageschrift. Es mussten viele Kompromisse eingegangen werden, um zu einem Einklang zu kommen.

Wie wurden Kriegsverbrechen beim Nürnberger Prozess klassifiziert?

Die Anklageschrift hatte vier Unterteilungen. Erstens: Verschwörung. Das sind also nicht einzelne Verbrechen, sondern ein ganzes Verbrechenssystem. Ein ganzer Komplex aus zusammenhängenden Verbrechen. Verschwörung also. Zweitens: Verbrechen gegen Frieden. Drittens: Kriegsverbrechen. Und Viertens: Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das sind Verbrechen aufgrund religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit. Die Vernichtung eines Volks, der Juden, zum Beispiel.

Wie ist die Verantwortung eines Einzelnen im Krieg? Eines Soldaten, zum Beispiel.

Begrüßung der Rotarmisten, die die faschistische Wehrmacht in Stalingrad belagerten.

Wenn ein Soldat auf Befehl seines Kommandanten kämpft, einfach nur kämpft, macht er sich nicht strafbar. Wenn er aber Zivilpersonen oder Menschen in Konzentrationslagern tötet, ist das ein Verbrechen. Es ist die Pflicht eines Soldaten zu kämpfen, wenn ein bewaffneter Gegner angreift. Wer die Regierung auch sei, ein Soldat ist ihr unterstellt. Doch er hat kein Recht, gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen. Dann wird er zum Verbrecher. Wenn das Land ihn schickt, gegen einen - egal wie - bewaffneten Gegner zu kämpfen, ist das seine Pflicht. Doch wenn er ein ganzes Dorf auslöscht, Kinder, Alte und Frauen tötet… Und es blieben ja nur solche. Männer mussten an der Front kämpfen. Es blieben also nur sehr alte Männer, Kinder und Frauen. Und die Vernichtung von solchen Menschen, solchen Dörfern – das ist ein Kriegsverbrechen.

Daran Beteiligte wurden festgenommen und gerichtlich zur Verantwortung gezogen. Es gab sehr viele Kriegsverbrechen: Auschwitz und andere Konzentrationslager, eine riesige Anzahl von Konzentrationslagern, eine riesige Anzahl von niedergebrannten Dörfern, eine kolossale Anzahl von rechtswidrigem Vergehen. 

Was können Sie über die Schlacht bei Stalingrad erzählen?

In der Schlacht von Stalingrad haben die Sowjets beeindruckende Kraft, Mut und Ausdauer gezeigt. Zunächst sind sie unter schrecklichen Zuständen bis zu den Vororten Stalingrads vorgedrungen und haben dann langsam die Stadt befreit. Im November 1942 sind sie gekommen und haben einen Gegenangriff gestartet. Und im Sommer 1943 wurde Stalingrad dann befreit. Da wurde auch General Paulus – Kommandeur der 6. Armee in Stalingrad - gefangen genommen. Er hat dann später beim Nürnberger Prozess ausgesagt. Er hat verstanden, dass Hitler auch für Deutschland ein furchtbarer Mensch ist. Obwohl er am Anfang ja alles eingenommen hat, Polen, Norwegen, Frankreich etc., und es schien, dass Deutschland die ganze Welt besiegen könne. Doch dann hat Paulus verstanden, dass Hitler auch sein Volk in schreckliches Elend gestoßen hat. Deshalb hat er beim Nürnberger Prozess vollkommen ehrlich und aufrichtig gegen Hitler und allgemein gegen die Kriegsführung der Nazis ausgesagt.

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Er war einer der überraschendsten Zeugen bei dem Prozess. Alle dachten, er sei tot. Die Deutschen hatten bekannt gegeben, er sei als Held gefallen. Und er hat eine sehr wichtige Aussage darüber gemacht, wie der Angriff auf die Sowjetunion geplant wurde und welche Entscheidungen dabei getroffen wurden. Sein Auftritt war sehr beeindruckend und sehr wichtig.

Wie viele Opfer hat Stalingrad gefordert?

Eine riesige Anzahl. Es sind enorm viele gestorben, schätzungsweise 180.000 Zivilisten. Der Krieg hat uns monströse Verluste gebracht. Wie viel vernichtet wurde…

Und trotzdem, als wir Stalingrad befreit haben, gab es von unserer Seite keine rechtswidrigen Handlungen gegen die Gefangenen. Darüber schreibt auch Paulus. Dass sie über die menschliche Herangehensweise unserer Soldaten erstaunt waren. Sie waren alle am Verhungern und bekamen von den Russen Essen. Von November 1942 bis zum Sommer 1943 haben sie ja unter furchtbaren Umständen gelebt. Sie haben natürlich gehungert. Die Bevölkerung hungerte und sie hungerten auch. Sie waren ja alle umzingelt. Und als unsere Truppen gekommen sind, haben sie ihnen allen zu Essen gegeben. Zuerst den Frauen und den Kindern und dann auch den Kriegsgefangengenen. Das ist menschlich.

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