75 Jahre Stalingrad: Die Schlacht, die das Ende des Nazismus besiegelte

75 Jahre Stalingrad: Die Schlacht, die das Ende des Nazismus besiegelte
Begrüßung der Rotarmisten, die die faschistische Wehrmacht in Stalingrad belagerten.
Hitlers Wehrmacht galt als unbesiegbar - bis Stalingrad. Dort widersetzte sich das sowjetische Volk heldenhaft den faschistischen Aggressoren und schlug sie entscheidend. Das ermöglichte letztendlich die Befreiung ganz Europas von der braunen Pest.

von Igor Ogorodnew

Am 2. Februar jährt sich zum 75. Mal die deutsche Kapitulation in Stalingrad. Die fünfmonatige Schlacht bleibt ein Symbol des Zweiten Weltkriegs. Dabei verdient ihre praktische Bedeutung für die Niederlage der Nazis mehr Aufmerksamkeit. Es folgen fünf Auswirkungen von Stalingrad auf den weiteren Kriegsverlauf.

1. Vernichtende Verluste für Nazi-Deutschland

Stalingrad war die größte und blutigste Schlacht in der Geschichte. Die Schätzungen variieren, sicher ist aber: Die Kämpfe zwischen August 1942 und Februar 1943 haben mehr als einer Million Menschen das Leben gekostet und weitere Hunderttausende wurden verwundet.

Während Hitler die Wehrmacht bis zum Verderb weitertrieb, weil er unbedingt die Stadt, die den Namen seines größten Widersachers trug, einnehmen wollte, hatte der sowjetische Führer Josef Stalin kurz zuvor den Befehl Nr. 227 erlassen, der es sowjetischen Truppenteilen verbot, sich ungeordnet und ohne Einwilligung der Armeeführung zurückzuziehen.

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"Nach Osten!" - "Nach Westen!"

Schlachtfeld waren die zerbombten Ruinen der Stadt. Sie boten die Bühne für die berüchtigsten Straßenkämpfe der Geschichte (in Deutschland immer noch als "Rattenkrieg" bekannt), bei denen es ebenso gefährlich war, von einem Scharfschützen abgeknallt, über die Straße gelockt oder nachts in einem Abwasserkanal bajonettiert zu werden. Letzteres war eine von den Rotarmisten favorisierte Taktik, die sicherstellen sollte, dass die vorrückende Armee ständig schlaflos und verängstigt war.

Dies war ein Zermürbungskrieg, den sich Nazideutschland weitaus weniger leisten konnte als die Sowjetunion.

2. Erste entscheidende Niederlage der faschistischen Wehrmacht

Stalingrad wurde im Rahmen der Operation Blau angegriffen, die die sowjetischen Streitkräfte spalten und Deutschland den Zugang zum wertvollen kaukasischen Erdöl ermöglichen sollte. Aber als sich die Schlacht immer mehr zu einem Blutbad entwickelte, hielt die deutsche Armeeführung stur - angetrieben durch Hitler - am Ziel der Einnahme der Stadt fest, die außerhalb jeglicher operativer Logik stand.

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Marschall Georgi Konstantinowitsch Schukow plante zusammen mit anderen Sowjetgenerälen die Operation, die die deutsche Wehrmacht in Stalingrad einkesselte.

Als Marschall Georgi Schukow seine Zangenbewegung zur Einkreisung der geschwächten deutschen Streitkräfte erfolgreich durchführte, war dies die größte und offensichtlichste Niederlage, die der Wehrmacht seit Kriegsbeginn zugefügt wurde. Zum Vergleich: Die Verluste bei dem zu Recht gefeierten zeitgleichen Sieg der Alliierten in El Alamein in Nordafrika waren mindestens zehnmal kleiner.

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Katjuschas bzw. "Stalin-Orgeln"

In Moskau im Jahr 1941 wurden die Deutschen zurückgeworfen, hier wurden sie zerstört. Vorher konnten sie sagen, dass dies ein vorübergehender Rückstoß war, aber hier befahl Hitler, die 6. Armee von Grund auf neu aufzubauen - das war keine Niederlage, die man verbergen konnte", sagt Konstantin Salesski, ein prominenter Historiker.

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Die sowjetische Armeeführung in Stalingrad (1. v.l. - Nikita Chruschtschow).

Nach den verheerenden Verlusten nur 18 Monate zuvor konnte die Rote Armee in Stalingrad ihre Überlegenheit über die faschistischen Eindringlinge beweisen. Das war sowohl ein Resultat verbesserter Doktrin und Taktik als auch eine Plattform für zukünftige Gewinne, und letztendlich auch ein bemerkenswerten Triumph an sich.

3. Stalingrad als Hoffnung für die ganze Welt

Ungewollt sprechen diejenigen, die heutzutage Stalingrad als "symbolisch" bezeichnen, eher abstrakt und ikonographisch. Aber für diejenigen, die den Zweiten Weltkrieg durchlebten und in ständiger Angst vor der faschistischen Aggression und dem Tod waren, war die Bedeutung des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland in Stalingrad viel unmittelbarer.

Es gab das Gefühl, dass, wenn die Stadt fällt, alles verloren gehen würde", sagt der Historiker Jochen Hellbeck und erklärt, dass in Großbritannien schon damals die Größe der Schlacht jedem Radiozuhörer klar war.

Die Stalingrad-Schlacht hatte auch Auswirkungen für die Deutschen: Umgekehrt war Stalingrad ein

Schock für die deutsche Bevölkerung", sagt Salesski.

Für viele Deutsche war dies die erste Erkenntnis, dass das, was bisher ein triumphales Auslandsabenteuer war, vor ihrer Haustür landen konnte, und dass jeder Akt der Barbarei bestraft werden würde - wie es tatsächlich geschah.

Im Gegenzug wurde die deutsche Propaganda bald dunkler, und nur zwei Wochen später hielt Joseph Goebbels seine apokalyptische Sportpalastrede, in der er darauf bestand, dass das Überleben des deutschen Volkes in der Schwebe sei, und fragte sein Publikum:

Wollt Ihr den totalen Krieg? Wollt Ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?"

4. Stalingrad zeigte Hitler die Grenzen seiner Macht

Das Problem war, dass Hitler so viel Propaganda in die Eroberung von Stalingrad investiert hatte (selbst Goebbels war besorgt darüber, wie viel investiert wurde), dass es eine Frage des Stolzes, der Eitelkeit war", sagt der Kriegshistoriker Anthony Beevor.

Aber das Problem geht tiefer. Hitlers rasanter Aufstieg, sowohl politisch als auch militärisch, beruhte auf seinem manischem Selbstvertrauen und Optimismus, die 1941 direkt in die Operation Barbarossa getragen wurden. Schon vor Stalingrad, nachdem sich die Sowjetunion geweigert hatte, sich zu ergeben, war dem Führer - vielleicht unbewusst - klar, dass zum ersten Mal das Endspiel nicht vielversprechend aussah.

Anstatt seine Verluste zu minimieren und um Frieden zu bitten, verdoppelte er seinen Einsatz und sehnte sich nach dem großen Sieg. Als die Schlacht begann, tat er das gleiche immer wieder, auch als die Einnahme der Stadt militärisch gesehen keine reale Option mehr wahr.

Die Bewusstwerdung der Stalingrad-Niederlage, dessen Auswirkungen er freiwillig zugab, verwüstete Hitler. Ab Stalingrad war schluss mit seiner natürlichen Überschwänglichkeit und den Wagner-Sitzungen mit dem Wehrmachts-Oberkommando, stattdessen gab es nun regelmäßige Amphetamin-Injektionen und er bekam eine Depression, die ihn sogar daran hinderte, wichtige Reden an die Nation zu richten.

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Hitler in Warschau, 1939.

So beschrieben zwei seiner persönlichen Helfer, Otto Günsche und Heinze Linge, den sowjetischen Behörden, die sie gefangen nahmen und befragten, seinen Geisteszustand zu dieser Zeit:

Die Anfälle nervöser Irritationen nahmen zu. In einem Moment war Hitlers Kragen zu eng und stoppte seinen Kreislauf; im nächsten Moment war seine Hose zu lang. Er beschwerte sich, dass seine Haut juckte. Er vermutete Gift überall, im Toilettenspülkasten, in der Seife, in der Rasiercreme oder in der Zahnpasta, und verlangte, dass diese genauestens analysiert werden. Auch das Wasser, mit dem er sein Essen zubereitete, musste untersucht werden. Hitler kaute seine Fingernägel und kratzte sich an Ohren und Hals, bis sie bluteten. Weil er an Schlaflosigkeit litt, nahm er jede erdenkliche Schlaftablette."

In den nächsten zwei Jahren zog er sich weiter zurück in seine Welt des Wahns und der Verzweiflung - buchstäblich bis zu seinem unterirdischen Bunker.

5. Der Anfang des Endes für den Nazismus

Einige Historiker argumentieren gerne, dass es der Dezember 1941 war - als Hitler an den Rändern Moskaus gestoppt wurde und die Vereinigten Staaten nach dem Angriff auf Pearl Harbor in den Krieg eintraten -, der über den Ausgang des Zweiten Weltkriegs entschied.

Aber wenn in diesem Monat die Waffen geladen wurden, wurden sie bei Stalingrad gefeuert. Dank der oben genannten Faktoren änderte es buchstäblich die Richtung des Krieges.

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Sieg in Stalingrad.

Die Nazis konnten ab Stalingrad nie wieder eine erfolgreiche strategische Offensive gegen die Sowjetunion durchführen. Tatsächlich haben sie, nachdem sie zuvor kaum verloren hatten, nach Stalingrad fast keine weitere Schlacht an der Ostfront gewonnen, abgesehen von der Dritten Schlacht von Charkow im März 1943. Sie konnten an keinem Frontabschnitt auch nur eine einzige erfolgreiche Kampagne durchführen.

Der Sieg in Stalingrad rettete nicht nur Millionen Russen vor Hitlers Besatzung, sondern auch Millionen im Ausland, was den Krieg wahrscheinlich um Monate oder Jahre verkürzte.

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