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Korea-Gipfel, Song Contest, Venezuela: Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund

Korea-Gipfel, Song Contest, Venezuela: Ein Wochenrückblick auf den medialen Abgrund
Auch der "Eurovision Song Contest" offenbarte einen Blick in den medialen Abgrund.
Der Eurovision Song Contest, der Gipfel zu Nordkorea und der geplante Putsch in Venezuela: Vor allem diese Themen boten den Mainstreammedien in dieser Woche Anlass zu verzerrender Berichterstattung.

Von Thomas Schwarz

Die Aussage, dass der "Eurovision Song Contest" (ESC) eine unpolitische Veranstaltung sei, war wohl noch nie zutreffend. Im Gegenteil: Mit offensichtlicher und aufreizender Ungerechtigkeit wird gegenüber politischen Konkurrenten des Westens auf diesen unpolitischen Charakter gepocht, während etwa 2016 die siegreiche ukrainische Sängerin Jamala einen mutmaßlichen politischen antirussischen Propaganda-Song vortragen durfte. In unangenehmer Erinnerung ist auch die Haltung der Veranstaltungs-Regie, die 2014 die ungerechten Pfiffe gegen die russischen Künstler nicht angemessen unterbunden hat.

Die ukrainische Sängerin Anna Korsun (MARUV)

Der Song Contest wird ebenso politisch benutzt wie der Sport

Wie andere als reine "Kultur"-Events verkaufte Großveranstaltungen des Westens hat also auch der ESC schon lange jenen Grad der Instrumentalisierung erreicht, der auch etwa den Sport erfasst hat. Aus diesem Grund sind die aktuellen Irritationen um die ukrainische Teilnahme am Song Contest wenig überraschend. Ebenso wenig überraschend sind die antirussischen Knebelverträge, zu denen die Ukraine "ihre" Künstler drängen wollte. Gute Übersichten über den jüngsten ESC-Vorgang und über das fragwürdige Verhalten ukrainischer Offizieller und lieferten neben RT zum einenTelepolis und zum anderen die NachDenkSeiten.  Die im Fokus stehende Sängerin Hanna Korsun alias Maruv ließ in einer Erklärung an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig:

Ich bin eine Bürgerin der Ukraine, zahle Steuern und liebe die Ukraine aufrichtig. Doch ich bin nicht bereit, mit Losungen aufzutreten, die meine Anwesenheit beim Wettbewerb in eine Promo-Aktion unserer Politiker verwandeln. Ich bin Musikerin und kein Schläger in der politischen Arena.

Der Song-Contest und die "annektierte" Krim

Dass viele große Medien wie der Spiegel hier oder die FAZhier den ESC-Vorgang nutzten, um einmal mehr die "von Russland annektierte" Krim zu skandalisieren überrascht nicht. Die skandalöse Deutlichkeit, mit der sich Irving Wolther auf der deutschen ESC-Webseite gegen Maruvs richtige und mutige Entscheidung positioniert und die Perspektive der Ukraine übernimmt, überrascht dagegen schon:

"Und so stellte Jurymitglied Jamala als Lackmustest für Maruvs patriotische Gesinnung vor laufenden Kameras die Frage, ob die Krim für die umstrittene Sängerin zur Ukraine gehöre. Das eher zögerliche 'Ja' dürfte die Kritiker kaum überzeugt haben." Daraufhin habe sich, laut Wolther, die UA:PBC "dazu gezwungen gesehen", Maruv nach ihrem Vorentscheidungssieg "vertraglich zu bedingungsloser Solidarität mit dem eigenen Land zu verpflichten" und ihr die Zusage abzuringen, "nicht mehr in Russland aufzutreten".

ESC-Website: Maruv "stilisiert sich zum Opfer"

Diese "Verpflichtung zu bedingungsloser Solidarität" mit der höchst umstrittenen ukrainischen Regierung ist laut Wolther und ESC scheinbar von der "unpolitischen" Philosophie des ESC gedeckt – ebenso wie pauschale Diffamierungen Russlands. Als "unglücklich" bezeichnen Wolther und ESC dagegen Maruvs Reaktion:

Maruv entschied sich dann allerdings auf Facebook, die Klauseln des Dokuments öffentlich zu machen und sich zum Opfer politischer Einflussnahme zu stilisieren.

Korea-Gipfel: In Asien nichts Neues – in den Medien auch nicht

Es ist schade, dass der Korea-Gipfel mit US-Präsident Donald Trump und seinem nordkoreanischen Pendant Kim Jong-un gescheitert ist. Dies nicht nur, weil eine Chance auf Verständigung in einem lange eingefrorenen Konflikt nicht ergriffen wurde – zumindest dieses Mal noch nicht. Sondern auch, weil ein greifbares Ergebnis des Gipfels der von Arroganz und Häme geprägten Berichterstattung über Trump und Kim einen Dämpfer verpasst hätte.

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Zwei mediale Stoßrichtungen waren vor und während des Gipfels zu beobachten: Zum einen wurden in bekannter Form die Diffamierungen von Äußerlichkeiten und anderen persönlichen Eigenschaften der Staatsmänner wiederholt. Das haben neben vielen großen Medien auch kleinere wie das Mindener Tagblatt praktiziert, das feststellt: "Donald Trump dagegen hat die ganze Welt einmal mehr dabei zusehen lassen müssen, dass seine angebliche Geheimwaffe – er selbst – nur Schaum schlagen kann." Oder die Mittelbayerische Zeitung, die schreibt: "Der angebliche Meister der Verhandlungs-Kunst steht am Ende dieser Woche als Meister des Desasters da." Oder der Südkurier, der Trumps Worte als "großspurig" und die Inszenierung des Gipfels als "üppig" charakterisiert.

Denuklearisierung! Mindestens!!

Auf der anderen Seite wurde versucht, den Gipfel im Vorfeld medial mit unrealistischen Erwartungen zu überfrachten, um ihn garantiert nicht gelingen zu lassen. So sei eine "Denuklearisierung" Nordkoreas das Mindeste, um von einem Erfolg sprechen zu können. Diesen Vorgang bringt die Allgemeine Zeitung treffend auf den Punkt:

Ersetzen wir Trump doch einmal durch dessen Vorgänger Barack Obama; würden wir dann auch so skeptisch auf das abermalige Treffen schauen? Würden wir auch dann deutliche Fortschritte und die Denuklearisierung Nordkoreas fordern, und alles darunter wäre ein Misserfolg des US-Präsidenten, reines Gipfeltheater? Oder würden wir nicht viel eher das Geschick Obamas loben, der nach vielen Jahren der Zuspitzung, in denen ein Raketentest Nordkoreas auf den nächsten folgte, einen Dialog eingeleitet hat? Der wiederum die Chance auf tatsächliche Entspannung bietet? Ob man Trump nun mag oder nicht – es ist ihm bis auf Weiteres gelungen, den Konflikt mit Nordkorea zu entschärfen. Das ist für den Rest der Welt großartig.

Die Neue Osnabrücker Zeitungverbindet beide Elemente – persönliche Diffamierung und Lob: Zunächst unterstellt die Zeitung Trump die übliche Geltungssucht als alleiniges Handlungsmotiv: "Trump möchte in die Geschichte eingehen als Präsident, der die Befriedung der Koreanischen Halbinsel vorangebracht hat. Das Verlangen, eines Tages den Friedensnobelpreis in Händen zu halten, darf man dem US-Präsidenten getrost unterstellen. Es passt zu seinem Naturell. Think big, groß denken, das ist Trumps Prämisse, das Unmögliche möglich zu machen." Aber die Journalisten sehen auch: "Mit dem zweiten Präsidenten-Treffen in Hanoi hat Trump mehr erreicht als seine Vorgänger. Trump hat die Spirale der Eskalation auf unkonventionelle Weise durchbrochen. So viel Dialog mit Pjöngjang war nie."

Medien zu Trump: "Show-Wert", "Spieler", "Steinzeit"

"Show-Wert weltklasse, Ergebnis niederschmetternd", urteilt dagegen die Volksstimme aus Magdeburg. Sie kommt zu einer bemerkenswert anderen Einschätzung als die zuvor zitierte Zeitung und sieht durch die Entwicklung vor allem den US-Präsidenten geschwächt: "Der Spieler Trump glaubte den Deal schon in der Tasche zu haben. Sein neuer Freund Kim Jong-un hat ihm die Tour vermasselt. Amerikas Präsident wurde vom Diktator aus Nordkorea zum Hanswurst gemacht. (…) Im Nordkorea-Konflikt droht ein Rückfall in die Steinzeit." Zur Frage der Entwaffnung schreibt die Zeitung jedoch wiederum zutreffend: "Kim und seine Clique denken nicht daran, sich nuklear zu entblößen. Die Atomraketen sind die Lebensversicherung des Regimes."

Wie sehr diese Aussage von der "Lebensversicherung" zutrifft, hat der russische Außenminister Sergei Lawrow laut RT verdeutlicht:

Wie kann man Menschen entwaffnen lassen? Und was dann? Schon einmal entwaffneten sie Saddam Hussein durch die betrügerischen Tricks, die der ehemalige britische Premierminister Tony Blair erst nach 15 Jahren gestanden hatte. Dann wurde Gaddafi entwaffnet, und wir wissen, wie alles geendet hat. Nur ein schrittweiser Ansatz, der positive Aktionen als Reaktion auf positive Aktionen der Demokratischen Volksrepublik Korea beinhaltet, kann funktionieren.

Venezuela: Auch im Süden nichts Neues

Das Thema Venezuela ist seit Wochen der dominierende propagandistische Dauerbrenner in den deutschen Medien. Der politische und mediale Umgang mit einem offen geforderten Umsturz kann nur als beschämend bezeichnet werden. Da sich im Tenor und in der Intensität dieser völkerrechtswidrigen Berichterstattung nur Graduelles ändert, sei hier auf die Kernaussage einer früheren Ausgabe dieser Kolumne verwiesen:

Medienkonsumenten, die sich noch nicht zu abgebrühten Zynikern entwickelt haben, können sich angesichts des Umsturzversuchs in Venezuela nur die Augen reiben: zum einen wegen der ganz offenen politischen Einmischung in ein souveränes Land. Zum anderen wegen der medialen Begleitung: Die geht ebenso offen vonstatten. Es wird nicht einmal mehr versucht, den Anschein eines demokratischen Prozesses zu erwecken – weder auf politischer noch auf medialer Ebene.

Propaganda auf engstem Raum

Beim Thema Putsch in Venezuela nehmen sich große und kleine Medien in Deutschland nicht viel, es gibt kaum Ausreißer – dieser starke und destruktive Herdentrieb erinnert an den medialen Rausch westlicher Redakteure während des Maidan-Putsches in der Ukraine 2014. Darum soll hier nur noch ein stellvertretendes Negativbeispiel genannt werden. Im folgenden Absatz der Rheinischen Postverbinden sich auf engstem Raum mehrere aktuell großflächig praktizierte Verzerrungen: der nicht genannte Wirtschaftskrieg gegen Venezuela als ein wichtiger Grund für den Mangel. Die Umdeutung von strategischer Einmischung zu "ersehnter Nahrung". Die distanzlose Übernahme der Schlagworte von den "Millionen Flüchtlingen" und der "in Brand geschossenen Hilfslieferungen". Der "skrupellose Präsident", das "heruntergewirtschaftete" Land und der angeblich oppositionell eingestellte "Großteil" der Bevölkerung:

Niemand hat das Recht, mit den Lebensgrundlagen von Menschen zu spielen und ersehnte Nahrung in Brand zu schießen. Das einst reiche Land ist heruntergewirtschaftet, mehr als drei Millionen Menschen haben bereits Zuflucht im Ausland gesucht. Maduros Politik ist skrupellos. Da ist es verständlich, dass sich ein Großteil der Bürger gegen ihn stellt.

Vorwärts in die venezolanische Katastrophe!

Diese Sätze sind bereits infam. Geradezu gefährlich sind aber die Worte, die dann folgen: Dass die Menschen bei ihrem Kampf gegen die Regierung "auf eine hochgerüstete Armee treffen" würden, das mache ihren Kampf zwar "gefährlich", so die Rheinische Post, "aber nicht aussichtslos". Das ist ein direkter und mutmaßlich illegaler Aufruf zu einer blutigen und mutmaßlich eben doch aussichtslosen Konfrontation mit den Sicherheitskräften. Man stelle sich solche Aufrufe ausländischer Medien an die deutsche Bevölkerung vor! In welcher Katastrophe die von deutschen Journalisten herbeigesehnte venezolanische Eskalation münden könnte, beschreibt ausgerechnet die Süddeutsche Zeitung mutmaßlich zutreffend:

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Sowohl Venezuela als auch das Maduro-feindliche Nachbarland Kolumbien unterhalten aufgepumpte Militärapparate; dazu kommen allerlei Milizen. Im kolumbianischen Grenzgebiet operieren Guerilla und Drogengangster, an der Grenze zu Brasilien kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen venezolanischem Militär und Indigenen. Und auf der anderen Seite der Grenze regiert der Maduro-Gegner und rechtsradikale Gewaltverherrlicher Bolsonaro. Kurz: Die südamerikanische Karibik hat das Zeug zum großen Konfliktherd.

Propaganda verwirrt auch manche "Linke"

Welche starke Wirkung trotz solch drohender Horror-Szenarien die Propaganda gegen die venezolanische Regierung bis hinein in "linke" Kreise entfaltet, mussten gerade Teile der Linkspartei erfahren, die beim jüngsten Parteitag Solidarität mit dem bedrängten Land gefordert haben. Sie ernteten einen inner- und außerparteilichen Shitstorm, wie die NachDenkSeitenhier beschreiben. Das Medium stellt klar, dass die Ablehnung des Putsches auch bei möglichen politischen Differenzen mit der Regierung Maduro Bestand haben muss:

Wenig bis keinen Bewertungsspielraum gibt es jedoch bei der Frage, ob der drohende Putsch gegen die Regierung Venezuelas zu verurteilen ist. Ebenso wenig gibt es diesen Spielraum bei der Frage, ob die venezolanische Regierung in dieser Situation der Bedrängnis die Solidarität 'linker' Parteien 'verdient' hat: Die Antwort auf beide Fragen sollte ein klares 'Ja' sein. Darum kann die geradezu feindliche Reaktion in Teilen der Partei nur als befremdlich bezeichnet werden.

Es war nicht alles schlecht: Schicken wir Godzilla nach Venezuela!

Die gefährliche Rolle großer Medien im Allgemeinen und der Tagesschau im Besonderen beim Thema Venezuela fassen gewohnt pointiert die Medienkritiker Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam zusammen. Sie verweisen zudem auf das große und durch die Berichterstattung maßlos enttäuschte Interesse der Konsumenten:

Während die Ereignisse in Lateinamerika auf breites Interesse der deutschen Bevölkerung stoßen, haben unsere Massenmedien über die staatsrechtlichen Zusammenhänge und Probleme faktisch nichts oder nur irreführend und tendenziös berichtet. Die Tagesschau hatte im Rahmen der medialen Desinformationskampagne Vorreiterfunktion.

Ein Bild, oder auch zwei, sagen mehr als tausend Worte.

"Der Zahnarzt des Kollegen meines Bruders ist Venezolaner …"

Welche interessante Einsichten sich ergeben, wenn man in der Venezuela-Debatte das Wort "US-Armee" durch "Godzilla" ersetzen würde, hat Caitlin Johnstone in diesem Beitrag (auf Englisch) sehr amüsant demonstriert. Wir haben die ersten Sätze des fiktiven Dialogs übersetzt:

Person A: Wow, die Dinge sehen in Venezuela im Moment wirklich schlecht aus.

Person B: Ja.

Person A: All diese Armut und Unruhe!

Person B: Ich weiß, es ist schrecklich.

Person A: Weißt du, was wir tun sollen?

Person B: Bitte sagen Sie jetzt nicht, dass wir Godzilla reinschicken sollten.

Person A: Was? Warum nicht??

Person B: Weil er die Dinge immer schlimmer macht! Das weißt du doch! Jedes Mal, wenn wir Godzilla schicken, um zu versuchen, Probleme in der Welt zu lösen, zertrampelt er einfach die ganze Stadt, reißt Gebäude nieder und tötet Tausende von Menschen mit seinem atomaren Wärmestrahl.

Person A: Vielleicht wäre es diesmal anders!

Person B: Warum in Gottes Namen sollte es dieses Mal anders sein? Sie sagten, es wäre im Irak, in Libyen, in Syrien anders. Was ist dort passiert?

Person A: Er trampelte durch die Städte, riss Gebäude nieder und tötete Menschen mit seinem atomaren Wärmestrahl.

Person B: Genau! Also, was lässt Sie denken, dass das Entsenden von Godzilla diesmal anders abliefe?

Person A: Nun, wir können nicht einfach nichts tun!

Person B: Nichts zu tun wäre unendlich viel besser als Godzilla zu schicken, um das zu tun, was er buchstäblich immer tut.

Person A: Hey, Untätigkeit hat Konsequenzen! Du redest wahrscheinlich nicht mal mit den Venezolanern. Der Zahnarzt des Kollegen meines Bruders ist Venezolaner, und er sagt, dass Godzillas Vandalismus genau das ist, was sie brauchen. Du solltest auf die Venezolaner hören.

(…)

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