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Sachsen-Anhalt: Grundschüler müssen mit Bundeswehr turnen

Sachsen-Anhalt: Grundschüler müssen mit Bundeswehr turnen
Die Grundschule in Letzlingen.
Die Grundschule in Letzlingen kooperiert eng mit der Bundeswehr. Beim jährlichen Sportfest auf dem Truppenübungsplatz lässt sie Soldaten aushelfen. Die Kinder sind im Rahmen der Schulpflicht zur Teilnahme verpflichtet. Gewerkschafter und Friedensaktivisten sind entsetzt

von Susan Bonath

Eigentlich ist es "nicht erlaubt, Schüler – mit welchen Mitteln auch immer – im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln." Das besagt der "Beutelsbacher Konsens". Diese Vereinbarung aus dem Jahr 1976 verbietet es, Kinder politisch zu indoktrinieren. Sie gilt als Standard in Schulen. Besser gesagt: Sie sollte Standard sein. Denn in der Grundschule im sachsen-anhaltischen Letzlingen kümmert das offenbar niemanden. Zum fünften Mal in Folge hatte Schulleiterin Silvia Lehmann das Sportfest für die Sechs- bis Zehnjährigen in das nahe Gefechtsübungszentrum (GÜZ) Altmark verlegt. Bundeswehrsoldaten betreuten verschiedene Stationen. Das jährliche Sportfest ist aber nur eins von zahlreichen gemeinsamen Events von Grundschule und Truppe. Das Landesministerium für Bildung hält das für völlig harmlos. 

Bundeswehr als "Patin" für Grundschüler

Hintergrund ist eine "Patengemeinschaft", die der GÜZ-Anrainer-Ort mit rund 1.500 Einwohnern, ähnlich wie zahlreiche andere Gemeinden und Städte in der Gegend, vor vielen Jahren mit der 2. Kompanie des Heeres besiegelt hatte. Begründet wurde dies damals vor allem wirtschaftlich: Die Bundeswehr, die auf dem 232 Quadratkilometer großen und europaweit modernsten Militärgelände ihren Soldaten den letzten Schliff für Kriegseinsätze im Ausland verpasst, sorge für Arbeitsplätze, Kaufkraft und Aufschwung in der ansonsten strukturschwachen Altmark.

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Ob Tage der offenen Tür, Stadt- oder Dorffeste: Die Bundeswehr ist somit immer mittendrin. Auch die Grundschule nutzt eifrig deren Angebote. Das Militär beteilige sich nicht nur aktiv am Sportfest und überlasse den Kindern dafür seinen Trainingsplatz, erklärte Oberstleutnant Philipp Graneis gegenüber der Lokalzeitung Volksstimme. Die Kompanie lade die Schüler auch zum Weihnachtsmarkt ein und mache mit beim Projekt Waldschule sowie beim Vorlesewettbewerb. Nach Informationen der Autorin initiierte die Bundeswehr in der Vergangenheit auch regelmäßig Biwak-Sommercamps für die Erst- bis Viertklässler.

Sportfest mit dem Militär fällt unter Schulpflicht

Während Freizeit- und Ferienangebote mit der Bundeswehr freiwillig sind, fällt allerdings die Teilnahme am Sportfest im GÜZ unter die Schulpflicht. Das stellte Michael Schulz, Sprecher des Bildungsministeriums, auf Nachfrage der Autorin klar. Es finde auf dem Militärareal statt, weil "der Schulsportplatz wegen seiner geringen Größe keine auskömmlichen Voraussetzungen bietet", sagte er. Das aktive Mitmischen der uniformierten Soldaten hält er für unbedenklich. Es gehe lediglich "um die Nutzung des optimalen Geländes."

Jeder Verdacht der politischen Indoktrination sei daher "völlig abwegig", so Schulz. Denn die Bundeswehr werbe dabei ja nicht um Nachwuchs. Auch gebe es bisher keine Beschwerden von Eltern, versicherte der Sprecher. Damit halte sich die Schule auch an einen Erlass seines Ministeriums aus dem Jahr 2015. Danach dürfen Soldaten im Unterricht nicht aktiv um Nachwuchs werben. Schulen müssten darüber hinaus eine Gegenmeinung etwa von Friedensinitiativen präsentieren.

"Bundeswehr ist kein Arbeitgeber wie jeder andere"

Auf den Erlass verwies auch Eva Gerth, Landesvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaften (GEW), im Gespräch mit der Autorin. "Ich sehe es sehr kritisch, wenn so junge Kinder einseitig mit der Bundeswehr in Kontakt gebracht werden", mahnte sie. Die Bundeswehr sei "eben kein Arbeitgeber wie jeder andere."

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Es sei "unglaublich, dass sich das Ministerium auf die Strukturschwäche der Gegend beruft", sagte Gerth weiter. Die Gewerkschafterin sieht auch die Schule in der Verantwortung. Lehrer sollten nach ihrer Meinung "viel kritischer mit der Bundeswehr umgehen." Doch die Grundschule sowie ihr Träger, die Stadt Gardelegen, reagierten auf eine Anfrage der Autorin in der vergangenen Woche bisher nicht.

"Viel Geld für Aufrüstung, keins für Schulsportplatz"

Die Bundeswehr betreibe "Schleichwerbung" und die Schule mache mit, sagte Malte Fröhlich im Gespräch mit der Autorin. Er gehört der Bürgerinitiative (BI) Offene Heide an, die sich seit 25 Jahren für eine zivile Nutzung des Truppenübungsplatzes in der Colbitz-Letzlinger Heide einsetzt. Die Truppe, so Fröhlich, "erweckt hier den Eindruck, dass sie in einer Mangelsituation uneigennützig aushilft." Man müsse sich fragen, warum aktuell neben den laufenden Kosten 140 Millionen Euro oder mehr in die Kriegsübungsstadt Schnöggersburg auf dem Gelände fließen, "aber die Schule keinen vernünftigen Sportplatz bekommt."

Entweder ist das Ausdruck miserabler Politik oder man organisiert bewusst Mangel, um der Bundeswehr 'positives Handeln' in den Alltag hinein zu ermöglichen",

kritisierte der Friedensaktivist. Besonders "perfide" sei es, dass Kinder mit dem Instrument der Schulpflicht zu solchen Aktionen mit Soldaten gezwungen würden. Fröhlich appellierte auch an die Eltern, kritischer mit der Bundeswehr umzugehen. In dieser Richtung erlebe er in seiner Region eine "teils haarsträubende Verharmlosung". Natürlich würden sechs- bis zehnjährige Kinder einseitig beeinflusst, wenn Soldaten sich ihnen als harmlose Action-Animateure präsentierten, sagte er. "Jeder, der Kinder hat, muss sich bewusst machen, dass die deutsche Armee Teil eines imperialistischen Kriegsbündnisses ist und anderswo Menschen, auch Kinder, tötet", so Fröhlich.

Soldaten gehen in vielen Schulen ein und aus

In Sachen frühzeitiger militärischer Beeinflussung von Kindern ist die Grundschule Letzlingen kein Einzelfall. Immer mal wieder waren ähnliche Vorkommnisse an die Öffentlichkeit geraten. So erregte etwa vor sieben Jahren ein Fall im nordrhein-westfälischen Gummersbach Aufsehen. Auch eine dortige Grundschule war eine Kooperation mit der Truppe eingegangen. Die Schüler einer zweiten Klasse bastelten sogar "Schutzengel" für Soldaten, die in Afghanistan eingesetzt waren und besuchten Veranstaltungen der Truppe. Die GEW bezeichnete das schon damals als "skandalös". Hier würden Kinder einseitig beeinflusst, erklärte Dorothea Schäfer vom Landesvorstand NRW der Gewerkschaft gegenüber den Medien.

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An Haupt- und Realschulen, Gymnasien und Berufsschulen ist die Bundeswehr aber noch viel aktiver. Ihr exzessives Bemühen um jugendliche Rekruten dokumentiert eine Antwort der Bundesregierung an die Linksfraktion vom Mai dieses Jahres. Demnach erreichten Jugendoffiziere im vergangenen Jahr mit rund 3.500 Vorträgen fast 90.000 Schüler ab der achten Klasse aufwärts. Darüber hinaus veranstalteten Karriere-Berater des Heeres über 7.000 Vorträge zur gezielten Anwerbung in und außerhalb von Schulen vor insgesamt 174.000 meist noch minderjährigen Jugendlichen. Hinzu kommen 32 Podiumsdiskussionen sowie 740 Seminare und Rollenspiele mit Schülern, 144 Truppenbesuche und über 100 sonstige speziell auf diese Altersgruppe abzielende Veranstaltungen.

"Nein sagen erfordert oft Mut"

Insgesamt, so geht aus der Antwort hervor, erreichte die deutsche Armee im Jahr 2018 mit ihren Werbeaktionen fast 300.000 Schüler. Wie von der GEW zu erfahren war, dürfte das vor allem an den Schulleitungen liegen. Denn sie könnten durchaus intervenieren. In der Tat gibt es Schulen, die sich dagegen entscheiden, Jugendoffiziere an die Schulen zu holen. Das Gymnasium in der Börde-Kreisstadt Haldensleben in Sachsen-Anhalt ist nur ein Beispiel dafür.

Friedensaktivist Malte Fröhlich erklärte, dass Schulen oft erst auf Druck von Eltern die Zusammenarbeit mit dem Heer beendeten. Mütter und Väter, die ihren Nachwuchs nicht militärisch beeinflussen lassen wollen, dürften sich nicht von den Befürwortern der Bundeswehr unter Druck setzen lassen, mahnte er. "Das erfordert manchmal auch Mut", weiß Fröhlich. Schließlich biete sich auch die Bundeswehr von sich aus in den oft an Personalmangel leidenden Schulen an. Das Bundesverteidigungsministerium stockte den Etat für Nachwuchswerbung vergangenes Jahr um 1,1 auf 35,2 Millionen Euro pro Jahr auf.

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