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Teures ARD-Sprachregelungs-Manual: Auch das dahinterstehende Institut ist wohl "geframed"

Teures ARD-Sprachregelungs-Manual: Auch das dahinterstehende Institut ist wohl "geframed"
Die ARD veröffentlichte eine "Klarstellung" zum viel diskutierten "Framing-Manual". Darin wird dieses zum Teil gerechtfertigt, der Sender distanziert sich aber auch von einigen Inhalten.
Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Elisabeth Wehling empfahl der ARD als Reaktion auf öffentliche Kritik eine gelenkte Debatte durch Framing. Außer dem Ratschlag wirft der Name des dahinterstehenden Instituts Fragen auf – nicht zuletzt die nach Ehrlichkeit.

von Elena Nadeschda Schmitt

Der Begriff "One-Woman-Show" könnte mit Gleichberechtigung oder neudeutsch "Empowerment" assoziiert und somit von einigen als moralisch wertvoll erachtet werden. Und ob etwas nun gut und richtig oder nicht gut und falsch klingt, darauf kommt es scheinbar an. Das zumindest vermittelt das "Berkeley International Framing Institute", wie seit Bekanntwerden des "Framing Manuals" öffentlich wurde, deutschen Medien- und Meinungsmachern.

Mit dem Manual, das auch Arbeitsunterlage oder Gutachten genannt wird, und einer Reihe von Workshops hat die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling im Jahr 2017 Mitarbeitern der ARD Sprechschablonen an die Hand gegeben, um so auf die seit Jahren zunehmende Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sendern zu reagieren.

Reparatur am Logo des ARD-Hauptstadtstudios, November 2007

Die Absolventin der renommierten Hochschule in Kalifornien hat zu dem Thema bereits ein Buch veröffentlicht "Politisches Framing – Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht" und ihre Expertise auf der re:publica in einem Vortrag geteilt: "Die Macht der Sprachbilder – Politisches Framing und neurokognitive Kampagnenführung". Es geht demnach beim Framing darum, 

wie durch das Setzen von sprachlichen Deutungsrahmen eine Debatte in eine bestimmte Richtung gelenkt werden kann.

So könnten die Öffentlich-Rechtlichen als "Staatsfunk", "öffentlich-rechtlicher Sender" oder aber als "gemeinsamer freier Rundfunk ARD", wie Dr. Wehling empfiehlt, bezeichnet werden. Demgegenüber könnten Privatsender als "medienkapitalistischen Heuschrecken" "geframed" werden.

Das vor zwei Jahren verfasste, aber erst seit diesem Jahr öffentlich bekannte Framing-Manual hat eine große Debatte über den Umfang der Manipulation in öffentlich finanzierten Medien nach sich gezogen, in sozialen Medien wurde es auch als "Manipulationshandbuch" bezeichnet und der ARD "totalitäres Denken" vorgeworfen.

"Völlig übertrieben" befand die "Aufregung um das Papier" hingegen der ARD-Vorsitzende und Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), Ulrich Wilhelm.

Denn das "Manual", was sich ins Deutsche zwar als "Leitfaden", "Handbuch" oder im militärischen Bereich auch als "Dienstvorschrift" übersetzen lässt, sei keinesfalls eine Handlungsanweisung an die ARD-Mitarbeiter. Auch ARD-Generalsekretärin Dr. Susanne Pfab betonte im Interview mit Meedia, dass es keine "Mitarbeiteranweisung" sei. Vielmehr sei es ein Angebot und jedem Mitarbeiter selbst überlassen, die Anregungen von Sprachbildern zu nutzen oder nicht. 

Die ARD-Generalsekretärin verweist in einer Klarstellung auch darauf, dass es im begleitenden Workshop-Angebot für Mitarbeitende darum gehe, "für den verantwortungsvollen Umgang mit Sprache zu sensibilisieren".

Das menschliche Gehirn sucht stets nach einem Rahmen, der auch eine Deutung ermöglicht.

Mit dieser Rechtfertigung widerspricht sich Dr. Pfab im Hinblick auf ihre vorhergehende Unterscheidung zwischen der Bezeichnung "öffentlich-rechtlicher Rundfunk", die "keinerlei inhaltliche Aussage" enthalte, außer die rechtliche Organisationsform zu benennen, oder "Unser gemeinsamer freier Rundfunk" hingegen, welche "auf den gemeinwohlorientierten Auftrag der ARD für die gesamte Gesellschaft" hinweise.

Somit liegt es wohl nicht nur in der Natur des menschlichen Gehirns, ob man die bestehende Bezeichnung "öffentlich-rechtlicher Rundfunk" mit der alternativen, umständlichen und an die Kalte-Kriegs-Propaganda des Radio Free Liberty anklingenden Formulierung "unser gemeinsamer freier Rundfunk" bedeutend aufzuwerten versucht. 

Immerhin sei bei den Workshops auch der Inhalt des Framing-Manuals kritisch diskutiert worden – das wiederum diente der ARD als Rechtfertigung, das Manual trotz großen öffentlichen Interesses nicht zu veröffentlichen, könne es doch nur eingebettet in Workshops richtig verstanden werden. Die Internetseite netzpolitik hingegen hat einen anderen Anspruch an Transparenz sowie Teilhabe von Beitragszahlenden und veröffentlichte das Handbuch.

Die ARD-Generalsekretärin selbst distanziert sich öffentlich von einigen im Manual vorgeschlagenen Begriffen. So schreibt Pfab, sie lehne Begriffe wie "medienkapitalistische Heuschrecke", "Profitzensur" oder "ungezügelter Rundfunkkapitalismus" zur Bezeichnung von Privatsendern ab und meint auch, diese seien von keinem ARD-Mitarbeiter genutzt worden.

"Kein Skandal" – aber überflüssig

ARD-Chefredakteur Rainald Becker sagte in dieser Woche zu der Debatte um das Framing-Manual, er könne da "keinen Skandal entdecken, wie einige das getan haben".

Wir haben niemanden unter Mindestlohn bezahlt, wir haben niemanden unterdrückt. Ich finde das eine künstlich aufgeblasene Diskussion.

Jedoch fügte er hinzu:

Ich persönlich hätte dieses Papier aber nicht gebraucht.

Im Grunde bietet das Manual in vielen Punkten nur noch einmal eine auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zugeschnittene Theorie dessen, was nicht erst seit zwei Jahren von Politik, Medien und Militär angewendet wird – die moralische Aufwertung durch Nutzung bestimmter, positiv konnotierter Sprachetiketten – Begriffe wie Menschenrechte, Demokratie oder "humanitär" werden seit langem durch die missbräuchliche Anwendung ausgehöhlt.

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Wie Wehling selbst in einer einer Klarstellung zu dem Thema betont: "Sprache schafft Bewusstsein." Dabei maßt die Framing-Expertin sich jedoch an, Fakten ganz neu zu definieren:

In jeder Debatte der Demokratie geht es um Fakten. Diese werden von unterschiedlichen Seiten durch Worte unterschiedlich interpretiert – je nach Standpunkt. Die Worte, mit denen das getan wird, sind stets mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen. Ein bewusstes Einordnen und Verwenden von Sprache ist damit zentral für eine klare Kommunikation der eigenen Einordnung von Fakten.

In der FAZ hingegen wird Wehlings Rat an die ARD als "semantische Gehirnwäsche" bezeichnet und der Sender hart kritisiert, was laut Meedia für den Autor Michael Hanfeld keine Ausnahme darstellt.

Wehling selbst jedenfalls meint:

Eine Kommunikation der Prinzipien ist nicht nur maximal wirkkräftig. Sondern es ist auch maximal ehrlich, authentisch und demokratisch, diese Prinzipien zu kommunizieren.

Der von der Berkeley-Absolventin empfohlene Umgang mit Kritik geht so weit, auch jene, die den Sender lediglich als zu aufgeblasen empfinden und eine "Verkleinerung" anregen, geradezu zu dämonisieren, lässt das Framing-Manual – zumindest ohne Workshop, aber in selbstgewissem Schwarz auf Weiß – doch keinen Zweifel am binären Unterschied zwischen Gut und Böse, richtig und falsch:

Wer die ARD 'verkleinern' möchte, der stellt das Recht der Bürger auf eine umfassende und gründliche Rundfunkversorgung infrage. Die Forderung nach einer Teilversorgung ist in Wirklichkeit eine Forderung nach weniger Demokratie, weniger Teilhabe und weniger Fürsorge.

Kritiker sind also gleichzeitig gegen Demokratie und Fürsorge. Als "finster" hingegen erwies sich, was bei einer Suche nach Transparenz des Instituts an sich herauskam, wie Johannes C. Bockenheimer auf Salonkolumnistenbefindet.

Teuer, demokratiefern und nicht einmal mit Berkely verbunden

Zwar sei der Auftraggeber des Manuals, der MDR, einem Sprecher zufolge überzeugt, dass "Dr. Elisabeth Wehling sich mit der Sprache, der Sprachwirkung und der zugehörigen Deutungsrahmen an ihrem Institut in Kalifornien beschäftigte.“

Die Internetpräsenz der Autorin des Framing-Manuals scheint entsprechend beeindruckend, Wehling nennt zahlreiche Veröffentlichungen, Stipendien und Auszeichnungen. Doch ist die vermeintliche Einrichtung mit dem hochtrabenden Titel "Berkeley International Framing Institute" nicht nur ein Eine-Frau-Betrieb, sondern steht in keiner Weise mit der renommierten Universität in Zusammenhang, wie eine Berkeley-Sprecherin auf Anfrage von Salonkolumnisten mitteilte. Zwar sei Wehling weiterhin als Postdoc an Berkeleys Linguistik-Fachbereich aktiv, ihr Institut habe aber gar keine Verbindungen mit der Universität Berkeley.

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Für Wehling scheint der Begriff "One-Woman-Show" nicht genügend positiv besetzt zu sein, daher bot sich alternativ offenbar an, diese als "Institut" in Verbindung mit einer Universität mit weltweit positiver Reputation zu "framen".

Ganz abgesehen davon, dass die ursprüngliche Kritik an der ARD beispielsweise wegen  tendenziöser Berichterstattung oder aber Vergeudung von Beitragsgeldern für fragwürde Sendungen, Serien- und Filmproduktionen sich nunmehr kaum mindern dürfte, hat das Handbuch auch andere Faktoren für die eigentliche Krise kaum angerührt. Stattdessen degradiert Wehlings Ansatz Beitragszahlende zu formbarer Masse, deren Kritik mit teils grotesken Euphemismen abgeschmettert wird, mit denen alles besser klingen soll, sich aber nichts ändern muss, wird schon keiner merken. Wie "demokratiefern" ist das?

Darüber hinaus scheint das Manual auch das von Wehling nahegelegte Ziel komplett zu verfehlen. Denn offenbar haben auch die ARD-Mitarbeiter das von der Neurolinguistin erstellte "Angebot" abgelehnt – bisher jedenfalls scheint kaum eine der umständlichen, unehrlichen Neusprech-Formulierungen in den alltäglichen Sprachgebrauch der Rundfunkmitarbeiter eingegangen zu sein.

Möglicherweise wäre ein Manual oder eine "Arbeitsunterlage" mit oder ohne Workshops zum verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichen Geldern angemessen, immerhin wurden Recherchen von Meedia zufolge rund 120.000 Euro für das Framing-Manual und die dazugehörigen Workshops ausgegeben.

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