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Das polnische Unbehagen am Holocaust-Gedenken und die Parteinahme der deutschen Journalisten

Das polnische Unbehagen am Holocaust-Gedenken und die Parteinahme der deutschen Journalisten
Ex-Außenminister Radoslaw Sikorski: "Jetzt bedrohen wir Russland durch ein Schlüsselloch." Auf dem Bild: Der polnische Präsident Andrzej Duda bei einer Gedenkveranstaltung im Dezember 2019 in Brüssel
Die Nichtteilnahme des polnischen Präsidenten Andrzej Duda an der Holocaust-Gedenkfeier in Jerusalem wurde zum Politikum. Hintergrund ist der russisch-polnische Geschichtsstreit. Viele Journalisten haben den Schuldigen am Eklat längst ausgemacht: Russland.

Heute halten mehrere Staatschefs Reden in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem. Anlass ist der bevorstehende 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- bzw. Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Roten Armee. In den Kriegsjahren wurden an diesem Ort ca. 1,5 Millionen Menschen umgebracht, davon waren 1,1 Millionen jüdischer Abstammung.

Unter den Rednern sind Vertreter der vier Siegermächte: der russische Präsident Wladimir Putin, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Prinz Charles als Vertreter Großbritanniens und US-Vizepräsident Mike Pence. Auch Frank-Walter Steinmeier erhält das Wort.

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Bis zu 50 Staaten der Welt entsandten an diesem Tag ihre Vertreter zur Teilnahme. Der polnische Präsident Andrzej Duda hat seine Teilnahme im Vorfeld abgesagt, weil er unter den Hauptrednern nicht vorgesehen war. Nach Angaben der Gedenkstätte hat Polens Präsident jedoch seine Teilnahme nie bestätigt und nie angefragt, ob er auf dem Welt-Holocaust-Forum eine Rede halten könne. Israelische Diplomaten sollen Duda Alternativen angeboten haben, doch der Präsident habe darauf gepocht, wie Putin zum Forum zu sprechen.

Offizielles Polen und das Gedenken an die Auschwitz-Befreiung als Opfer der politischen Konjunktur
(Archivbild, Warschau, 19. April 2018: Polens Präsident Andrzej Duda bei der Trauerveranstaltung zum 75. Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstandes)

Deutsche Medien schrieben jedoch, Duda habe befürchtet, dass Putin bei dessen Auftritt seine Version der Geschichte vorträgt und er darauf live nicht reagieren könne. Diese wird in Polen inzwischen als Affront aufgefasst. Polnischen Medien zufolge hat das polnische Präsidialamt sogar einen Krisenstab gebildet, der auf entsprechende Äußerungen des russischen Präsidenten bei seiner Rede operativ reagieren soll.

Putin hat bei seinen öffentlichen Auftritten im letzten Monat polnische Politiker der 1930er-Jahre für ihr Liebäugeln mit dem Hitler-Regime und ihre antisemitischen Pläne scharf angegriffen. Damit wollte er einen Kontrapunkt zur in Polen und teils auch in der EU offiziellen Version der Vorkriegsgeschichte setzen, der zufolge die Sowjetunion durch die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes (in den Medien auch "Hitler-Stalin-Pakt" genannt) dieselbe Verantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges trägt wie die Nazis.

Putin berief sich dabei auf zahlreiche vor Kurzem von russischen Archiven freigegebene Dokumente und versprach, einen Artikel dazu zu schreiben. Der polnisch-russische Geschichtsstreit hat jedoch mehrere wunde Punkte. Da die offizielle polnische Geschichtsschreibung die Sowjetunion Nazideutschland gleichstellt, sind demnach alle Geschichtsereignisse, vor allem jene rund um die Befreiung Polens, insbesondere in den letzten Jahren einer Revision unterzogen wurden.

So hat die polnische Seite den russischen Präsidenten – den Vertreter der Nachkommen der eigentlichen Befreierarmee – mehrmals in Folge nicht zu Gedenkveranstaltungen anlässlich des Jahrestages der Befreiung von Auschwitz vor Ort eingeladen. So auch in diesem Jahr. In Polen wurde im Einklang mir dem antikommunistischen Gesetz die Beseitigung der 500 Denkmäler zu Ehren der Sowjetsoldaten beschlossen. Die Zahl der Soldaten, die auf polnischem Territorium in den heftigen Kämpfen ihr Leben gelassen haben und dort begraben sind, beläuft sich auf 600.000. Die Abrissarbeiten wurden 2018 und 2019 im Eilverfahren im ganzen Land durchgeführt, oft gegen Proteste der Einwohner oder lokaler Behörden. Russische Diplomaten protestierten mehrmals und nannten diesen beispiellosen Akt der Zerstörung barbarisch und unmenschlich.

Das Konzentrationslager Auschwitz nach der Befreiung durch die Rote Armee am 27. Januar 1945

Wie verärgert man in Russland über derartige Schritte ist, zeigen neben dem heftigen diplomatischen Schlagabtausch auch die hochemotionalen TV-Debatten mit polnischen Experten, die das russische Fernsehen veranstaltet. Vor zwei Tagen schaltete sich der polnische Ministerpräsident Mateus Morawiezki mit einem Artikel für das US-Portal Politico in die Debatte ein.

In besagtem Artikel mit dem Titel "Moscow's Holocaust revisionism. Europe must not allow Russia to rewrite its history" (deutsch: "Russlands Holocaust-Revisionismus: Europa darf Russland nicht erlauben, die Geschichte umzuschreiben") nannte er die 45 Nachkriegsjahre "sowjetische Besatzung" und behauptet – ohne Beleg dafür vorzulegen –, dass diese in Polen und Mitteleuropa Millionen von Menschenleben kostete. 

Die Sowjetunion hat Warschau nicht 'befreit', wie die russischen Behörden jetzt behaupten. Die Rote Armee starrte untätig auf die Qualen von Warschau. (…) Während die Warschauer hoffnungsvoll auf Hilfe warteten, befahl Josef Stalin der Roten Armee nie, einzugreifen", schrieb er über den Warschauer Aufstand. 

Er warf der sowjetischen Militärführung auch vor, Auschwitz nicht schon Monate früher befreit zu haben. Außerdem würdigte der polnische Premier nur die Leistungen der von den Briten unterstützen Partisanenorganisation Armia Krajowa und schwieg zum Kampf der von der Sowjetunion ausgerüsteten und ausgebildeten 1. und 2. Armee des Polnischen Heeres. 

Russland hat sich angesichts der Entwicklungen in der Geschichtspolitik in Polen, aber auch in den baltischen Staaten und der Ukraine zunehmend der eigenen Darstellung der Geschichte angenommen und öffnete die Archive, die den verlustreichen Kampf der Sowjetunion gegen Hitlerdeutschland auch auf polnischem Territorium dokumentieren. Im Netz findet man nun die Scans der Berichte, die u.a. Hilfe an die Aufständischen in Warschau dokumentieren.

Waffenbruderschaft: Ein Soldat der Polnischen Armee (links) hisst am 17. Januar 1944 im befreiten Warschau die polnische Nationalfahne. Rechts stehen Soldaten der Roten Armee.

Deutsche Medien: Putin verbreitet Unwahrheiten

Die deutsche Presse hat dennoch die Sichtweise des offiziellen Warschaus übernommen, zumindest größtenteils. So strahlte der Deutschlandfunk ein Interview mit einem Historiker aus, der behauptete, die Vorwürfe Putins seien aus Sicht der Geschichtswissenschaft "Humbug". Für den Sender n-tv gibt es keinen Zweifel: Es ist Putin, der die Geschichte verzerrt. Auch die Journalistin der Zeit Alice Bota ist sich sicher: Putin verbreitet Unwahrheiten, gegen die sie den polnischen Staatschef in Schutz nimmt.

Der polnische Präsident kommt nicht – ihn brachte das Ganze in ein Dilemma: Seit Wochen greift Wladimir Putin Polen an und behauptet Unwahrheiten über Polens Rolle in WWK2. Duda hätte also dasitzen und zuhören müssen, ohne reagieren zu können", schreibt sie auf Twitter.

Der Abriss der Denkmäler für die gefallenen Soldaten, die Leugnung der massiven sowjetischen Aufbauhilfe an Polen und die komplette Umdeutung der Nachkriegsperiode in eine angebliche "Sowjetbesatzung", obwohl die Volksrepublik Polen als Nationalstaat existierte: All das wird von Bota und gleichgesinnten Journalisten nicht erwähnt. Auch von den zahlreichen antirussischen Initiativen polnischer Abgeordneter im EU-Parlament, die im Endeffekt zu geschichtsrevisionistischen Beschlüssen führen, ist bei ihnen keine Rede. Für sie betreiben Russland und Putin Geschichtsrevisionismus.

"Bedrohen Russland durch ein Schlüsselloch"

Bei dieser einseitigen Parteinahme bleiben sogar kritische Stimmen innerhalb des polnischen Politik zur derzeitigen Geschichtsspolitik der Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość (deutsch: "Recht und Gerechtigkeit") unbemerkt. So kritisierte der Ex-Außenminister Polens und jetzige EU-Abgeordnete Radosław Sikorski während eines Presseauftritts mit Vizeparlamentssprecherin Małgorzata Kidawa-Błońska die derzeitige Führung für ihre unnötige Streitsucht und die Abschottung Polens. 

Polen lege sich aktuell nicht nur mit Russland an – was ein klarer Fall sei –, sondern auch mit Deutschland, Frankreich, teilweise mit den USA, der EU und Israel. Laut Sikorski betreibt Polen "Publizistik im Ausland".

In der Außenpolitik geht es nicht darum, Fremde zu bedrohen, sondern darum, Ziele zu erreichen, Polen sicher und wohlhabend zu machen und in der Hierarchie der Nationen zu steigen", so Sikorski.

Er erwähnte, dass Polen während der Regierungszeit der Platforma Obywatelska (deutsch: "Bürgerplattform") aktives Mitglied des Weimarer Dreiecks war – neben Deutschland und Frankreich – und somit im Namen der gesamten EU effektiv mit Russland kommunizieren konnte.

Und heute bedrohen wir Russland durch ein Schlüsselloch", sagte der ehemalige polnische Außenminister.

Laut Sikorski war es besser für Polen, als der russische Präsident Putin auf der Westerplatte zugab, wo der Zweite Weltkrieg begann und seine ersten Opfer forderte, oder als er am 7. April 2010 als erster russischer Staatschef das Andenken der polnischen Kriegsgefangenen (die Erschossenen von Katyń – Anm. der Red.) ehrte. "Und heute verlieren wir sogar das deutsche Nazi-Konzentrationslager in Auschwitz als Ort, an dem einmal im Jahr das Andenken der Opfer dieser Verbrechen geehrt wird", schloss der EU-Abgeordnete. 

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