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Offizielles Polen und das Gedenken an Auschwitz-Befreiung als Opfer der politischen Konjunktur

Offizielles Polen und das Gedenken an Auschwitz-Befreiung als Opfer der politischen Konjunktur
Offizielles Polen und das Gedenken an die Auschwitz-Befreiung als Opfer der politischen Konjunktur (Archivbild, Warschau, 19. April 2018: Polens Präsident Andrzej Duda bei der Trauerveranstaltung zum 75. Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstandes)
Mit ihren wahnwitzigen Behauptungen zur Befreiung Polens und des Konzentrationslagers Auschwitz, die die Rolle der Roten Armee herunterspielen oder leugnen, macht sich die politische Führung Polens lächerlich, entwürdigt sich selbst. Wo könnten die Gründe dafür liegen?

von Dmitry Gukov

Der Geschichtsrevisionismus der polnischen Elite hat in der westlichen Tradition eine Sonderstellung. Hier wird das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus und die im Namen der Befreiung weiter Landstriche Europas von der braunen Pest gefallenen Soldaten der Roten Armee öfter und eklatanter auf dem Altar der politischen Konjunktur geschlachtet als sonst irgendwo. Hierfür lieferte das Land jüngst gleich zwei Paradebeispiele.

Das erste ist die Weigerung des amtierenden polnischen Präsidenten Andrzej Duda, am Welt-Holocaust-Forum am 22. und 23. Januar in Israel teilzunehmen – und zwar ausdrücklich, weil auf dieser Gedenkveranstaltung neben hohen Vertretern anderer Länder wie Deutschland, Großbritannien, Frankreich und  möglicherweise der USA auch Russlands Präsident Wladimir Putin eine Rede halten werde. Ein Eklat angesichts der selbstverständlichen Tatsache, dass die vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges (und Deutschland mit seiner Verantwortung ebenso das Recht wie die Pflicht haben), ihre hohen Vertreter dort sprechen zu lassen. Darauf machten zum Beispiel Sprecher der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aufmerksam.

Das zweite Beispiel ist die Unterlassung Polens, Russlands Präsidenten Wladimir Putin zur Veranstaltung zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz einzuladen. Dies sollte man sich ruhig auf der Zunge zergehen lassen: den Präsidenten Russlands, also des Nachfolgestaates der Sowjetunion, deren Streitkräfte das KZ-Netzwerk Auschwitz befreiten und dafür eigens den Plan der Offensive von 1944 zur Befreiung Polens änderten und dafür einen Mehraufwand an Zeit, Material und vor allem an Soldatenleben in Kauf nahmen.

Man kann es drehen und wenden wie man will: die geschichtliche Entwicklung in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg und die Politik einzelner Länder bis heute sind eine Sache, über die man unterschiedliche Standpunkte haben kann, welche man zwecks Wahrheitsfindung auch gern ausdiskutieren darf.

Mehr zum Thema – "Verteidigung der historischen Wahrheit": Russland gibt Dokumente zur Befreiung Warschaus frei

Eine andere Sache ist allerdings das Gedenken an die in den polnischen Konzentrationslagern Ermordeten und das Andenken an die Soldaten und Offiziere der Roten Armee, die den noch lebenden Insassen (und ganz Polen allgemein) die Freiheit und das Leben brachten. Hier hat schnöde tagespolitische Konjunkturdenke schlicht nichts zu suchen, und wer gegen diese Regel verstößt, macht sich lächerlich und entwürdigt sich. Warum also versucht gerade Polens politische Elite, Russland auch und gerade in den Belangen der Geschichte und des geschichtlichen Andenkens auszugrenzen?

Der polnische Präsident Andrzej Duda und der israelische Reuven Rivlin beim

Unkenntnis der Geschichte oder Ablenkung von ihrer drohenden Wiederholung?

Möglicherweise geben zwei weitere, etwas ältere Beispiele für den Geschichtsrevisionismus der politischen Elite Polens die Antwort auf diese Frage.

So behauptete im Jahr 2015 der damalige Außenminister Polens Grzegorz Schetyna, das KZ-System Auschwitz sei von ukrainischen Truppen befreit worden. Möglich, dass er sich dabei auf die Tatsache bezog, dass die Befreiung der Lager von den Einheiten der 1. Ukrainischen Front durchgeführt wurde – doch der Name dieses Truppenverbandes sagt lediglich etwas über seinen ursprünglichen Operationsraum aus und nicht über die Zusammensetzung. Die 1. Ukrainische Front setzte sich, wie in der gesamten Roten Armee mit wenigen Ausnahmen üblich, aus Einwohnern aller sechszehn sowjetischer Teilrepubiken, eben aus Menschen verschiedener ethnischer Zugehörigkeit, zusammen. Jedem, der ein Quentchen Ahnung hat, entlocken Aussagen wie die Schetynas bestenfalls ein Lachen. Warum also will Polen sich auf solch plumpe Weise an die heutige Ukraine anbiedern – ist man damit auf außenpolitische Konsolidierung aus, will man damit die Ukrainer von der Besatzung der Westukraine ab den 1920er-Jahren bis 1939 durch Polen ablenken?

Ferner wurde in Polen im Jahr 2018 ein Gesetz erlassen, das unter anderem die öffentliche Anwendung von Formulierungen wie "polnische Todeslager" untersagt. Auch wenn es klar sein dürfte , dass es bei solchen Phrasen um Konzentrationslager auf polnischem Staatsgebiet geht und nicht um dem polnischen Staat unterstellte, kann man den Gedankengang gut verstehen – jedoch nur, solange es um Formulierungen wie die erwähnte und nur im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg geht. Denn: Nun, in Polen gab es sehr wohl Konzentrationslager, die dem polnischen Staat unterstellt waren – und zwar als das Dritte Reich gerade einmal in den Träumen seines späteren Führers Adolf Hitler existierte, der selbst zu dieser Zeit nur ein rechtsdrehender Kneipenredner war. Es waren dies Lager für sowjetische Soldaten und Offiziere, die im Verlauf des als Polnisch-Sowjetischer Krieg bekannten Grenzkonfliktes in polnische Gefangenschaft gerieten. Diese Lager verdienten beide Namen: Konzentrationslager ebenso wie Todeslager. Sowjetische Soldaten wurden dort unter den unmenschlichsten Bedingungen gehalten, die sich einem europäischen Land wie Polen nicht geziemten und gegen das Genfer Abkommen von 1906 verstießen, dem Polen sich im Jahr 1919 anschloss. Infolge von Seuchen, Unterernährung und Unterkühlung starben 16.000 bis 20.000 der insgesamt 110.000 bis 157.000 sowjetischen Gefangenen in diesen Lagern. In den Monaten Februar bis Mai 1921 starben allein im Lager Tuchola 2.561 Gefangene.

Das Konzentrationslager Auschwitz nach der Befreiung durch die Rote Armee am 27. Januar 1945

Der Fairness halber muss hier mit Nachdruck betont werden, dass bei diesem Konflikt beide Seiten brutal vorgingen – und auch, dass die angedeutete Art der Gefangenenbehandlung vom polnischen Staat seitdem kein weiteres Mal in der Geschichte in so großem Stil praktiziert wurde. Doch die unmittelbare historische Nähe zur späteren Außenpolitik Polens, die es schon im Jahr 1934 zum Nichtangriffspakt mit Hitlerdeutschland brachte und nach dem Münchner Abkommen im Jahr 1938 zur Aufteilung Tschechiens auch mit polnischer Beteiligung mündete und deren naives unter der Hand erklärtes Ziel ein Feldzug gegen die Sowjetunion an der Seite Deutschlands war, ist nicht von der Hand zu weisen. Das Polen der 1920er-Jahre, das die sowjetischen Gefangenen unmenschlich behandelte und auf besetztem Gebiet im Westen der Ukraine und Weißrusslands Kolonisierungs- und Polonisierungspolitik betrieb, ist im Wesentlichen dasselbe Polen, das knapp 20 Jahre später erst den Truppen der Sowjets, die bereit waren, vertragsgemäß den Tschechen zur Hilfe zu eilen, den Transit verbot – und dann Tschechien zusammen mit dem Dritten Reich aufteilte. Es ist dasselbe Polen, in dem schon nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, aber noch vor der Umstellung auf die sozialistische Ideologie, im Jahre 1946 die letzten Massenpogrome stattfanden – unter dem Motto "Adolf Hitlers Werk vollenden". Zufällig ist es aber auch jenes Polen, in dessen Nachfolge sich die heutige politische Elite des Landes sieht und positioniert.

Möglicherweise lassen sich die Versuche, Russland aus allen Prozessen des internationalen Zusammenlebens mit derartigen Holzhammermethoden herauszudrängen, eben damit erklären, dass das offizielle Warschau auf diesem Weg zu weit fortgeschritten ist. Damals wie heute lässt der polnische Staat sich und zunehmend auch sein Volk gegen Russland instrumentalisieren – und das heutige Polen wird zu einem erneuten Mitläufer bei einer versuchten Isolations- und Einkreisungspolitik des US-geleiteten Westens gegenüber "dem Feind im Osten". Damit jedoch so etwas funktionieren kann, damit ein Land sich als Brückenkopf für die Militärs eines erneut "geeinten" Europas hergibt, muss allerdings jede Erinnerung an die Geschichte auch und gerade im Land selbst ausgelöscht werden. Deswegen beobachten wir heute, wie aus einer frischgeborenen westlichen Demokratie des Lech Wałęsa und seiner Solidarność-Bewegung eine schlechte Parodie auf das Polen der 1920er und 1930er Jahre wird – und diese sich eben auch außenpolitisch regelmäßig lächerlich macht und entwürdigt, wie Präsident Duda es jüngst vorexerzierte.

Der polnische Präsident Andrzej Duda und der israelische Reuven Rivlin beim

In hehrer Hoffnung auf den gesunden Menschenverstand

Man kommt nicht herum, hier auf den schon erwähnten Friedensnobellpreisträger, Shalom-Preisträger und ersten Präsidenten der Dritten Polnischen Republik Lech Wałęsa zu verweisen. Er ist wohl der letzte Pole, dem man eine überbordende  Freundlichkeit gegenüber Russland oder erst recht der Sowjetunion unterstellen würde. Umso wertvoller sein Standpunkt zu den zwei eingangs erwähnten außenpolitischen Fettnäpfchentritten Polens, den der ehemalige polnische Präsident im Interview an Journalisten des Nachrichtenportals Onet zum Ausdruck brachte.

Wenn die polnische Seite den Präsidenten Putin nicht zum Begehen des 75sten Jahrestags der Auschwitz-Befreiung eingeladen hat, dann war nur zu erwarten, dass [Polens Präsident] Duda in Israel nicht sprechen darf.

Der Ex-Präsident betonte, dass Polen den russischen Präsidenten hätte zu dieser Veranstaltung einladen müssen; man hätte ferner klar zum Ausdruck bringen sollen, dass es die Rote Armee war, die Auschwitz befreite.

Das ist die historische Wahrheit, und niemand wird sie je ändern können. Wenn die polnische Regierung ein eigenes historisches Narrativ schaffen möchte – dann ist das durch und durch unseriös.

Man kann nur hoffen, dass die Dritte Polnische Republik ihrem ehrenwerten ersten Oberhaupt in Zukunft mehr Gehör schenkt.

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