UNICEF-Chefin nach Besuch im Jemen: Es gibt keine Rechtfertigung für dieses Blutbad

UNICEF-Chefin nach Besuch im Jemen:  Es gibt keine Rechtfertigung für dieses Blutbad
Nur eine der 5.000 aus Hudaida vertriebenen Familien in nur zwei Wochen
UNICEF-Chefin Henrietta Fore mahnt nach Jemen-Besuch, Frieden sei dringender denn je. Die humanitäre Katastrophe verschlimmere sich mit den Kämpfe um Hudaida. Mehrere Tausend Tote sind zu beklagen, Verletzte und Hungernde, Kinder und Babies brauchen Hilfe.

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF sinkt der Jemen immer tiefer in eine humanitäre Katastrophe. In der umkämpften Hafenstadt Hudaida hätten in den vergangenen zwei Wochen weitere 5.000 Familien vor den Kämpfen fliehen müssen, berichtete UNICEF-Chefin Henrietta Fore am Dienstag nach der Rückkehr aus dem Jemen in Genf. Läden und Bäckereien seien geschlossen, die Vorräte an Mehl, Öl und Brennstoff gingen zur Neige, der Strom sei fast überall ausgefallen und Wasserleitungen so stark beschädigt, dass die Wasserknappheit täglich schlimmer werde. Die Menschen lebten in weiten Teilen des Landes am Abgrund: ohne erschwingliche Nahrungsmittel, Trinkwasser, gesundheitliche Versorgung und soziale Dienste.

Mindestens 2.200 Kinder seien in dem Konflikt bereits getötet worden, 3.400 Kinder seien verletzt worden und Millionen könnten keine Schule besuchen.

22 Millionen bedürftige Menschen - das ist eine außergewöhnlich große Zahl - und davon sind 11 Millionen Kinder. 80% der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, 8,4 Millionen sind akut von einer Hungersnot bedroht und alle zehn Minuten stirbt ein Kind."

Fore betonte

Es gibt keine Rechtfertigung für dieses Blutbad."

Chronische globale Gleichgültigkeit und die Folgen für Kinder

Ich komme gerade aus Aden und Sanaa und habe gesehen, was drei Jahre intensiver Krieg nach Jahrzehnten der Unterentwicklung und chronischer globaler Gleichgültigkeit für Kinder bedeuten können: Von der Schule genommen, zum Kämpfen gezwungen, zur Heirat abgegeben, hungrig, an vermeidbaren Krankheiten sterbend. Heute benötigen 11 Millionen Kinder im Jemen - mehr als die gesamte Bevölkerung der Schweiz - Hilfe bei der Beschaffung von Nahrung, Behandlung, Bildung, Wasser und sanitären Einrichtungen", mahnt Fore.

Weiter schildert sie grauenhafte Eindrücke aus einem Krankenhaus in der Hauptstadt:

In Sanaa ... sah ich ein acht Monate altes Kind mit dem Gewicht eines Neugeborenen. Auf einer Neugeborenen-Intensivstation sah ich winzige Babys in Inkubatoren, die um Luft ringen. Unter ihnen lag ein Paar zusammengewachsener Zwillinge, die operiert werden müssen, um zu überleben - eine Operation, die sie im Jemen nicht bekommen können. Die Klinik im Hauptkrankenhaus der Stadt verfügt über keine Notstromversorgung und ist bei Stromausfällen auf Diesel-Generatoren angewiesen. Aber Stromausfälle sind häufig und Kraftstoff ist knapp und teuer."

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Sie habe "engagiertes, überfordertes Gesundheitspersonal" getroffen, das viele Leben gerettet und womöglich dazu beigetragen habe, die noch größere Ausbreitung des schlimmsten Cholera-Epidemie in der Geschichte einzudämmen, "aber es wurde seit zwei Jahren nicht mehr entlohnt".

Und doch geht der Konflikt weiter."

Mahnung zu Frieden im Jemen 

In Hudeida seien in den vergangenen zwei Wochen 5.000 Familien aus ihren Häusern geflohen. Die UNICEF-Teams vor Ort berichteten, dass Geschäfte, Bäckereien und Restaurants in der Stadt weitgehend geschlossen und Waren auf dem Markt kaum verfügbar sind. Die Vorräte an Grundnahrungsmitteln wie Weizenmehl, Pflanzenöl und Kochgas gehen zurück, Preise für Weizen und Pflanzenöl stiegen in der letzten Woche um 30 Prozent, für Kochgas um 50 Prozent. 

In Hudeida, wie im Rest des Landes, war die Notwendigkeit von Frieden nie dringender. Alle Konfliktparteien und diejenigen, die Einfluss auf sie haben, sollten sich hinter die diplomatischen Bemühungen stellen, um eine weitere Verschlechterung der Lage im ganzen Land zu verhindern und die Friedensverhandlungen wieder aufzunehmen.

Am vergangenen Donnerstag sagte der UN-Gesandte Martin Griffiths nach Gesprächen mit Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi in der südlichen Stadt Aden und Mohammed Abdul-Salam, Chefunterhändler der Huthi-Gruppe, dass beide Seiten ihre Gesprächsbereitschaft bekräftigt hätten. Er wolle sie in dieser Woche zusammenbringen und hoffe, dass der UNO-Sicherheitsrat tagt, so dass ein Plan zu den Gesprächen vorgelegt werden könnte.

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Allerdings sind nicht alle externen Akteure mit eigenen Interessen in die Friedensverhandlungen eingebunden. Die von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) geführte Koalition hat den Angriff auf die Hafenstadt Hudeida gestartet; Anfang Mai entsandten die VAE vier Militärflugzeuge und mehr als 100 Soldaten in das jemenitische UNESCO-Weltkulturerbe Sokotra.

Trotz der bereits vor Jahren geäußerten Forderungen nach einem Waffenembargo gegen Saudi-Arabien versorgen westliche Länder, darunter Großbritannien und Deutschland, das Königreich weiter mit schweren Waffen. Darüber hinaus fließt unter anderem deutsche Expertise in den Aufbau eines staatlichen saudischen Rüstungskonzerns SAMI. 

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