Die Geschichte einer Vertuschung: Fälle von Missbrauch in US-Kirche fast alle verjährt

Die Geschichte einer Vertuschung: Fälle von Missbrauch in US-Kirche fast alle verjährt
Dunkle Wolken ziehen am 14. August über eine römisch-katholische Kirche in Pittsburgh, Pennsylvania. Die Katholische Kirche in den USA sieht sich erneut mit erschütternden Missbrauchsvorwürfen konfrontiert.
Es ist die bislang größte Sammlung von Missbrauchsvorwürfen in der Katholischen Kirche der USA: Ermittler in Pennsylvania haben Anschuldigungen gegen rund 300 Priestern aus 70 Jahren zusammengetragen. Kleriker bis in den Vatikan sollen vieles vertuscht haben.

Ermittlungsbehörden im US-Bundesstaat Pennsylvania haben erschütternde Details über das Ausmaß von mutmaßlichem sexuellem Missbrauch und dessen Vertuschung in der Katholischen Kirche der USA ans Licht gebracht. Die Behörden beschuldigen mehr als 300 namentlich genannte katholische Priester, sich des sexuellen Missbrauchs von Kindern schuldig gemacht zu haben - bis hin zur Vergewaltigung.

Obwohl die Liste von Priestern lang ist: Wir denken nicht, dass wir alle gekriegt haben", sagte der Generalstaatsanwalt von Pennsylvania, Josh Shapiro.

Dennoch sei dies der umfassendste Bericht zu mutmaßlichem Kindesmissbrauch innerhalb der Kirche, der jemals in den USA veröffentlicht worden sei. Er kommt mehr als 15 Jahre, nachdem in Boston die Geschehnisse um den Priester John Geoghan in der Öffentlichkeit für einen Skandal gesorgt hatten. Auch dort war herausgekommen, dass die Kirchenführung mithilfe massiver Vertuschungsaktionen versucht hatte, Geschehnisse, die einen möglicherweise groß angelegten Missbrauch vermuten ließen, weitestgehend unter der Decke zu halten.

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Die Vorwürfe erstrecken sich über einen Zeitraum von 70 Jahren

Der Erzbischof von Washington und frühere Bischof von Pittsburgh im Bundesstaat Pennsylvania, Donald Wuerl, hatte bereits am Montag in einem Brief an den Klerus davor gewarnt, der Bericht werde "in grundlegendem Maße erschreckend" sein.

Der Bericht wird eine Erinnerung an schwere Verfehlungen sein, die die Kirche anerkennen muss und für die sie um Vergebung bitten muss", heißt es in dem Schreiben des Erzbischofs.

Er widersprach jedoch der Darstellung, die Kirche habe nichts gegen die Vorkommnisse unternommen. Er selbst sei nach Rom gefahren und habe erfolgreich die Wiedereinstellung eines Priesters verhindert, schrieb der heutige Erzbischof. Gleichzeitig seien auch Maßnahmen zum Opferschutz und zur Hilfe für Betroffene ergriffen worden.

Die Vorwürfe erstrecken sich über einen Zeitraum von 70 Jahren und auf das Gebiet von mindestens sechs Diözesen auf dem Gebiet des Erzbistums Philadelphia. Generalstaatsanwalt Josh Shapiro, der die bisherigen Ermittlungsergebnisse am Dienstag in einem fast 900 Seiten starken Bericht vorstellte, geht von tausenden Opfern aus. Er glaube, dass viele von ihnen sich nicht gemeldet hätten. Etwa tausend seien identifiziert worden.

Priester haben kleine Jungen und Mädchen vergewaltigt und die Männer Gottes, die für sie verantwortlich gewesen wären, haben nicht nur nichts getan - sie haben alles versteckt", heißt es in dem Bericht. "Die Kirche hat ihre Institutionen geschützt - kostete es, was es wolle", heißt es in dem Papier weiter.

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Durch die Vertuschung kaum einer der Fälle noch strafrechtlich zu verfolgen

Shapiro sprach von einer "jahrzehntelangen Vertuschung" durch ranghohe Kirchenobere in Pennsylvania und bis in den Vatikan. Dies habe dazu geführt, dass kaum einer der Fälle heute noch strafrechtlich verfolgt werden könne - fast alle der Taten seien verjährt. Straffällig gewordene Priester seien routinemäßig in andere Gemeinden versetzt worden. Die Gemeindemitglieder seien nicht in Kenntnis gesetzt worden.

In einem Fall habe ein Priester Jungen unter dem Vorwand begrapscht, einen "Krebstest" vorzunehmen, heißt es in einer Pressemitteilung der Justizbehörden. In der Diözese Pittsburgh habe sich eine Gruppe von vier Priestern gemeinsam an Jungen vergangen - einen sollen sie gezwungen haben, in einem Pfarrhaus nackt die Pose Jesu am Kreuz einzunehmen.

Dem Bericht zufolge vergewaltigten und schwängerten Priester auch junge Mädchen. In einem Fall sei sogar eine Abtreibung arrangiert worden. Der zuständige Bischof habe anschließend sein Mitgefühl ausgedrückt - nicht mit dem Opfer, sondern mit dem Priester. "Es muss eine sehr schwere Zeit für Sie sein."

Mehrere Geistliche wehrten sich gegen die Veröffentlichung ihres Namens

Zu dem Bericht haben auch eine halbe Million Dokumente beigetragen, die bislang in den Geheimarchiven der Bistümer unter Verschluss gehalten worden waren. Die Ermittler in Pennsylvania haben sich mithilfe juristischen Drucks Zugang verschafft. Mehrere der identifizierten Geistlichen hatten sich gegen die Veröffentlichung ihres Namens gewehrt, was die Publikation des Berichts verzögert hat. Insgesamt stehen mehr als 400 Priester unter Verdacht.

Unter den Tatverdächtigen sind nach Angaben von Shapiro auch hochrangige Kirchenvertreter. Erst vor wenigen Wochen hatte Papst Franziskus den Rücktritt von Kardinal Theodore McCarrick, dem früheren Erzbischof von Washington, angenommen und ihm unter dem Eindruck von Missbrauchsvorwürfen zudem auch Hausarrest verordnet.

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Über das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche berichtete RT Deutsch schon früher. Hier ein älterer Beitrag zu Missbrauchsfällen in Kanada:

(dpa/rt deutsch)

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