"Antideutsche": Rassismus für Intellektuelle

"Antideutsche": Rassismus für Intellektuelle
Demonstranten während einer Kundgebung in Berlin am 25. April 2018.
Der Leipziger Süden gilt als linksradikale Bastion. Doch längst beherrschen "Antideutsche" einen Großteil der dortigen Kulturszene. Sie loben die AfD, den Front National und die FPÖ - antiarabische Hetze, Sozial-Chauvinismus und Verteidigung imperialistischer Staaten inklusive.

von Susan Bonath

Die AfD sei die erste antisemitismus-kritische Partei im Bundestag. Eine tolle israel-freundliche Rede habe deren Vorsitzender Alexander Gauland jüngst gehalten. Und zurecht habe seine Parteikollegin Beatrix von Storch Viktor Orbans repressive Flüchtlingspolitik gelobt. Die AfD mache damit eine "antifaschistische Volksfront überflüssig". Denn der wahre Antifaschismus heiße Antiislamismus. Und bei allem: Gegen Kolonialismus könne man doch wohl nichts haben.

Nachdem Reichspräsident Paul von Hindenburg General Kurt von Schleicher (links) zum Reichskanzler ernannt hatte, strebte Schleicher eine Zusammenarbeit der Reichswehr mit rechtsgerichteten Sozialdemokraten, dem ADGB und dem

Diese Worte fielen weder auf einem AfD-Parteitag noch bei einer Pegida-Kundgebung oder einem NPD-Konzert. Thomas Maul trug sie vergangene Woche im Rahmen der laufenden Veranstaltungsreihe "70 Jahre Israel" ausgerechnet im "Conne Island" vor. Den bunt besprühten Szeneclub wollte Bundesinnenminister Thomas de Maizière nach den G20-Protesten 2017 schließen – und zwar wegen "linksextremer" Umtriebe. Danach klingt es nicht. Kein Wunder: Thomas Maul gehört zum harten Kern der "Antideutschen", die längst nicht mehr so genannt werden wollen. Er ist Redakteur bei deren Propaganda-Zeitschrift Bahamas.

Organisator ist das gleichnamige Bündnis "70 Jahre Israel". Die Vorträge im Rahmen der Reihe kündigte es auf einer Webseite ohne Impressum namens "gegen-antizionismus.de" an. Auf Facebook wird man fündig: Mitglieder sind unter anderem die offiziell "linken" Clubs Conne Island, Kulturraum Leipzig und ein räumlich in letzteren integriertes Institut für Zukunft (IfZ). Das IfZ ist ein Beatclub unter Leitung einer Eventfirma, der nach eigenen Angaben mit dem bekannten Leipziger Technoclub Distillery und der Plagwitzer Szenekneipe Felsenkeller kooperiert. In letzterer tagte Anfang Mai die Bahamas-Konferenz.

Rassisten referieren in "linken Bastionen"

Maul, der auch für Henryk M. Broders neokonservativen Blog "Achse des Guten" schreibt, ist nicht der einzige Protagonist im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe aus dem Bahamas-Umfeld. Auch die Redner Sebastian Voigt, Stephan Grigat, Alex Feuerherdt und Florian Markl sind dort zugange und vertreten ähnliche Positionen.

Voigt ist daneben Mitbegründer des Bundesarbeitskreises BAK Shalom. Das ist ein Netzwerk innerhalb der Linkspartei, das gegen antiimperialistische und klassenkämpferische Positionen zu Felde zieht und für Verleumdungs-Kampagnen bekannt ist. Grigat initiierte die Kampagne "Stop the Bomb" mit. Dieser Zusammenschluss von "Antideutschen" und Neokonservativen richtet sich gegen die laut westlichen Darstellungen angeblich vorhandene iranische Atombombe, die notfalls durch "gezielte und wiederholte Militärschläge" gegen den Iran aus der Welt geschafft werden müsse. So heißt es dort.

Das Musikunternehmen BMG hatte die Kooperation mit den beiden Rappern Kollegah und Farid Bang vorerst gestoppt.

Was die Öffentlichkeit kaum ahnt: Die Bahamas-Akteure sind seit Jahren in vermeintlich linken Hochburgen in Leipzig, Halle, Dessau und andernorts unterwegs. Auch der ehemalige Chef des Conne Island, Sören Pünjer, arbeitet für das Blatt. Sein Interview mit einem "antideutschen" Portal brachte schon vor Jahren seine Positionen auf den Punkt: Antirassistische Haltungen seien eine "Menschen verachtende Ideologie des Multikulturalismus" erklärte er darin zum Beispiel, ganz auf Linie mit der "Neuen Rechten".

Weder links noch "anti-deutsch"

"Antideutsche" sind eine seltsam anmutende Spezies. Sie fordern unbedingte Solidarität für Israels rechte, teils rassistische Regierungspolitik. Bei manchen Demos sieht man sie am Rande stehen. Sie tragen Sonnenbrillen auf der Nase sowie Israel- und US-Flaggen vor sich her. Die einen protestieren gegen die AfD, die anderen loben sie in höchsten Tönen. So redete kürzlich im Dezember deren Wortführer Justus Wertmüller in Berlin auf einer AfD-Demonstration.

Manchmal sieht man Protagonisten, die "Bomber Harris" noch mal über Dresden fliegen sehen wollen. Viele Medien werfen alles in einen Topf, erklären sie zu "Linksextremisten", die gegen Deutschland seien. Dabei wollen die meisten nicht mehr "antideutsch" genannt werden und verteidigen den deutschen Rechtsstaat als zivilisatorische, gar antifaschistische Bastion. Der Begriff hat sich überlebt. Er passt nicht mehr.

Die Bahamas-Fraktion bezeichnet sich selbst auch gar nicht als links. Im Gegenteil: Sie sieht sich, wie andere Gruppen auch, als "ideologie-kritisch" - ein pseudointellektueller Begriff, mit dem kaum jemand etwas anfangen kann. Sie will gar, nach eigener Auskunft, "gegen den linken Mainstream" halten.

"Antideutsche" stören gerne linke Veranstaltungen, initiieren die eine oder andere Hetzkampagne, zum Beispiel gegen Friedensaktivisten oder Kommunisten. Und doch tingeln ihre meist studierten Vortragsredner durch als linksradikal geltende Clubs, um über Antisemitismus und das, was sie dafür halten, zu referieren. Allerdings: Die Allermeisten, auch selbst erklärte Linke, wissen nicht mal ansatzweise, was es mit "den Antideutschen" auf sich hat.

Früher Studenten gegen "Wiedervereinigung"

Vorab: Der Versuch von Staatsorganen, politische Bewegungen aller Spektren zu unterwandern, psychologisch zu beeinflussen und zu verwirren, ist nicht neu und bereits dutzendfach aufgeflogen.

Die "Antideutschen" traten erstmals mit dieser Selbstbezeichnung nach dem Mauerfall 1989 in Erscheinung. Sie rekrutierten sich aus Studentengruppen, die sich selbst als linksradikal sahen und dem intellektuellen Bürgertum. Deren Befürchtung war einst durchaus nachvollziehbar: Sie wollten den Anschluss der DDR an die BRD stoppen, um ein erneutes imperialistisches Erstarken Deutschlands zu verhindern. Es ist ja inzwischen Realität: Heute ist Deutschland einer der ökonomisch stärksten und aggressivsten Staaten in Europa, der seine wirtschaftliche Vormachtstellung zulasten Süd- und Osteuropas sowie der "Dritten Welt" mit Hilfe der NATO sichert.

Jugendlicher Obdachloser in Dortmund

Vorarbeit für das Ideenwerk der "Antideutschen" leistete die "Frankfurter Schule". Sie verkaufte Studenten die Philosophien von Theodor Adorno und Max Horkheimer als neue "linke" Richtlinien. Auf dieser Grundlage gründeten die "Antideutschen" um deren Hauptagitator Justus Wertmüller 1992 ihr Blatt Bahamas.

Heute für Imperialismus und gegen die Unterschicht

Nach und nach manifestierten sich wirre pseudowissenschaftliche Thesen. Man reduzierte den deutschen Faschismus auf seinen Antisemitismus und die daraus resultierende industrielle Ermordung der Juden. Die Alliierten-Mächte hätten, hieß es, Deutschland von diesem Faschismus befreit, weil ihre bürgerlichen Demokratien fortschrittlich, ja die wahren Vorreiter im Kampf gegen drohenden Faschismus gewesen seien.

Folglich erklären die "Antideutschen" bis heute das "ungebildete Proletariat" als Hort allen faschistischen Übels. Sie negierten, dass Faschismus ebenso wie die bürgerliche Demokratie, eine Herrschaftsform im Kapitalismus ist und war, die seinerzeit Teile des Kapitals während der Wirtschaftskrise zu ihrem eigenen Vorteil anstrebten.

Indem sie die "antikapitalistisch" anmutende Propaganda der Nazis instrumentalisieren, verdrehen sie Klassenkampf von unten zur faschistischen Hauptgefahr. Ja, Antikapitalismus und Antiimperialismus – klassische linke Haltungen also – führten gar zwangsläufig zu Faschismus. Dass die Nazis gar nicht meinten, was sie sagten, als sie sich als Sozialisten verkauften, wie sich am Ende herausstellte – Nebensache.

Kriegshetze im Mantel der "Religionskritik"

Nach Ansicht der "Antideutschen" könnten also nur die bürgerlichen Nationalstaaten mit repressiven Mitteln gegen ein erneutes Aufflammen von Antisemitismus als angeblich einziges Faschismus-Kriterium halten. Der Westen sei ein Hort der Zivilisation, die islamischen Länder dagegen rückständig. Da letztere den Antisemitismus in sich trügen, heißt es, seien sie heutzutage die einzige faschistische Gefahr.

Nicht nur in Deutschland ist das Bedingungslose Grundeinkommen ein Thema. Das Bild zeigt eine Aktion in Genf, Schweiz. Das riesige Plakat auf dem Boden fragt:

Mehr noch: Teile der "Antideutschen" verklärten den nach 9/11 im Jahr 2001 zuerst von den USA erklärten "Krieg gegen den Terror" gar zu einem antifaschistischen Projekt. In diesem Sinne rechtfertigte die Bahamas auch Angriffe auf den Irak, auf Libyen und Syrien. Kurz gesagt: Vom Westen geführte Kriege gegen die islamische Welt seien sinnvoll, progressiv und nützlich. Die westliche Zivilisation sei das Heil schlechthin.

"Antideutsche" Gruppen verkaufen das gerne als "Religionskritik". Kritik an allen Religionen und ihrem Missbrauch durch die herrschende Klasse als ideologisches Machtinstrument ist seit jeher ein wichtiges Element linker Programmatik. Doch genau um die Komponente der Eigentums- und Machtverhältnisse hinter den fraglos besonders patriarchalen Strukturen in islamisch geprägten Ländern geht es den "Antideutschen" nicht. Im Gegenteil: Sie blenden dies vollkommen aus und schieben die Verantwortung vor allem den vielfach selbst darunter Leidenden in die Schuhe.

Neoliberale Verachtung der Armen

Damit verfallen "Antideutsche" in jenen neoliberalen Sozialchauvinismus, der in westlichen Demokratien vielfach anzutreffen ist. Nicht nur die Verschärfung des Asylrechts und das nun geplante Wegsperren aller Flüchtlinge vor der Entscheidung über ihren Asylantrag in sogenannten "Ankerzentren" fällt darunter.

Die Verachtung der Armen und aus dem Lohnarbeitsmarkt Outgesourcten manifestiert sich ebenso im deutschen Hartz-IV-Sanktionssystem. So bürdet man den Erwerbslosen statt dem kapitalistischen Wirtschaftssystem die alleinige Schuld für ihre Lage auf. Wer nicht bereit ist, für noch so niedrige Dumpinglöhne zu arbeiten – der Mindestlohn gilt für Hartz-IV-Bezieher nicht –, dem dürfen Jobcenter das absolute Minimum für die elementarsten Grundbedürfnisse wie Essen und Wohnen streichen. Damit werden die Armen schlechter behandelt, als jeder Schwerverbrecher im Gefängnis.

Somit verleugnen "Antideutsche" die imperialistischen Machtstrukturen hinter patriarchaler Rückständigkeit und religiöser Radikalisierung. Sie verkehren Symptome zur Ursache und hetzen untere Schichten ethnisch gegeneinander auf. Damit liegen sie auf einer Linie mit CDU, CSU, FDP, AfD, NPD und anderen rechten Parteien. Und sie erledigen den Job der Herrschenden perfekt.

Verwirrung stiften und leichter lenken

Wie diese Ideologie in den Teilen des vom Selbstverständnis her links orientierten Bildungsbürgertums greifen konnte, lässt sich nur vermuten. Sicher trug die "politisch korrekte" Indoktrination künftiger staatstragender Protagonisten in den Hochschulen dazu bei. Hinzu kommt die Tendenz in den Reihen dieser privilegierten "Mode-Linken", auf das "ungebildete Proletariat" herabzublicken. Die meisten von ihnen geben wohl auch nur ungern zu, diverse Thesen, wie die in sich selbst unlogischen Ergüsse der Antideutschen, nicht zu verstehen. Letztlich greift wahrscheinlich die schlichte Moralkeule: "Antisemitismus ist böse".

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Man kann weiter spekulieren: Während die neue Rechte vor allem junge Arbeiter für autoritäre Lösungen zu begeistern versucht, docken die "Antideutschen" bei der intellektuellen Jugend an. Die Botschaften beider Fraktionen indes gleichen sich wie ein Ei dem anderen: Antimuslimischer Rassismus, aufgebaut auf Sozial-Chauvinismus und Lobhudelei auf den westlichen Kapitalismus, verkleidet  mit dem Anschein von Aktivismus und der Simulation von Konkurrenz gegen die jeweils andere Seite derselben Medaille.

Und ziemlich sicher gibt es einen lachenden Dritten bei all der produzierten Verwirrung und Empörung durch die sogenannten "Antideutschen", die tatsächlich weder "antideutsch" noch "linksextrem" sind. Eins dürfte klar sein: Politisch Verwirrte sind leichter zu lenken.

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