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Neues aus den Unterklassen: Deutschlands Straßenkinder

Neues aus den Unterklassen: Deutschlands Straßenkinder
Jugendlicher Obdachloser in Dortmund
Streetworker warnen vor einem massiven Anstieg der Jugendobdachlosigkeit in Deutschland in den kommenden drei Jahren. Besonders Heimkinder seinen betroffen. Das Bundesfamilienministerium allerdings fühlt sich nicht für sie verantwortlich.

von Susan Bonath

Die wachsenden sozialen Verwerfungen treffen die Schwächsten zuerst. Immer mehr Minderjährige und junge Erwachsene fallen durchs deutsche Sozialnetz buchstäblich auf die Straße. Oft sind sie nicht krankenversichert, leben ausschließlich vom Betteln, manchmal von Prostitution. Sozialarbeiter warnen nun vor einem drastischen Anstieg der Jugendobdachlosigkeit in den kommenden drei Jahren. Bis 2021 dürfte die Zahl Betroffener von aktuell rund 40.000 auf 100.000 steigen, prognostiziert die Stiftung Off Road Kids. Betroffen seien vor allem Heimkinder. In Berlin scheint das niemanden zu interessieren. Den Vorwurf, der Staat lasse Straßenkinder im Stich, wies das Bundesfamilienministerium gegenüber der Autorin zurück.

Nach gesamteuropäischen Messstandards lebten in Deutschland  im vorvergangenen Jahr rund 7,3 Millionen Frauen unterhalb der sogenannten Armutsgefährdungsgrenze. Laut dem Paritätischen Gesamtverbandes lebte zuletzt jedes fünfte Kind in der Bundesrepublik unter der Armutsgrenze.

"Nahezu 100 Prozent der Heimkinder stürzen ab"

Stiftungsvorstand Markus Seidel spricht von "regelrechten Wellen an Straßenjugendlichen", welche vor allem die Großstädte bereits ab diesem Jahr zu erwarten hätten. Viele der bereits heute Betroffenen hätten eine Heimkarriere hinter sich. Das habe zwei Ursachen, sagte Seidel im Gespräch mit der Autorin. Erstens nähmen die Jugendämter sie viel zu früh, oft schon mit 16 Jahren, aus den Einrichtungen, um sie zu verselbständigen. "Das ist ein einziger Irrsinn", so Seidel, "denn die Mädchen und Jungen sind noch gar nicht in der Lage, ihr Leben mit Wohnung, Ausbildung, Behörden und Bürokratie zu managen."

Das liege vor allem an einer "völlig unterfinanzierten und überlasteten Jugendhilfe". Diese ist Sache der Bundesländer. Die haben die Aufgabe auf die Kommunen abgewälzt. Und die sind meist knapp bei Kasse. Es gebe zu wenige gut ausgebildete Sozialarbeiter, es mangele an der Ausstattung und Konzepten. Seidel schlussfolgert:

Darum sollen die Jugendlichen früh raus. An ihrem 18. Geburtstag endet die Hilfe ganz, wenn sie nicht vorher selbständig und von sich aus beantragen, sie fortzuführen. Doch welcher 18-Jährige tut das schon? Man kann sagen: Aktuell stürzen nahezu 100 Prozent aller Heimkinder ab."

Hinzu komme, erläuterte Seidel, dass Heimkinder auf dem angespannten Wohnungsmarkt kaum eine Chance hätten, eine Bleibe zu finden. Viele kämen mit ihren geringen Ausbildungsvergütungen oder Sozialleistungen nicht klar oder wüssten gar nicht, was sie überhaupt wo beantragen könnten. "Wenn dann so ein 18-Jähriger keine Eltern hat, die ihm mal unter die Arme greifen, fangen sie halt an, zu betteln oder sich anders Geld zu beschaffen, oft in Gemeinschaft mit schon länger Betroffenen." Dies sei "der Anfang vom Abstieg". "Je länger einer da drin ist, desto schwerer kommt er wieder heraus", weiß Seidel.

"Das Ministerium kann man knicken" 

"Die Prognose der Stiftung Off Road Kids kann ich nur bestätigen", stimmte Jörg Richert den Worten Seidels im Gespräch mit der Autorin zu. Richert ist Vorsitzender des Berliner Vereins KARUNA, der sich um Straßenkinder in der Hauptstadt und umliegenden Gebieten kümmert. Die Situation dort sei "sehr besorgniserregend", erklärte er und führte aus:

Das sind so viele Betroffene, und die sind oft in einem schlimmen gesundheitlichen Zustand. Die Regierung weiß das, aber sie gibt sich seit Jahren völlig ahnungslos. Die haben da überhaupt keinen Zugang, kein Bewusstsein, keinen Plan. Das Ministerium kann man einfach knicken."

Zuletzt habe Richert vor drei Monaten mit der Abteilung Jugendhilfe im Ministerium zu verhandeln versucht. Er habe die Verantwortlichen dabei auch vor der massiven Verschlimmerung der Lage gewarnt. "Aber sie schieben es immer wieder auf die Kommunen", kritisierte er und erläuterte: Insgesamt seien wohl mindestens 6.000 Einraumwohnungen in der Hauptstadt nötig, um die Jugendlichen unterzubringen.

Ergänzend dazu bräuchte es Projekte, wie etwa ein Modell "Wohnen und Freizeit". Doch seine Vorschläge seien verhallt. Möglicherweise, weil viele obdachlose Jungen und Mädchen gar nicht auffallen, wie Richert erklärt. "Sie kommen hier und da bei Bekannten unter, betreiben also eine Art Couch-Hopping."

Darum habe Richert sich entschlossen, aus Vereinsmitteln selbst Wohnungen zu errichten. Bisher sei dies an der Finanzierung gescheitert. "Wir bräuchten eine Anschubförderung, mindestens eine Bürgschaft vom Staat", so Richert. Doch nicht einmal dazu sei die Bundesregierung bereit. Aktuell verhandele er daher selbst mit einem privaten Investor um möglichst lange Rückzahlungsfristen.

 "Jugendämter sind völlig überlastet"

Wachende Defizite im Jugendhilfesystem sieht auch die Deutsche Kinderhilfe. Die Ämter seien finanziell und strukturell am Ende, warnte der Verein zu Wochenbeginn unter Verweis auf eine von ihm beauftragte Studie. Danach gibt es bundesweit 13.400 Sozialarbeiter. Dies seien aber viel zu wenige. Sie seien zudem nur mangelhaft ausgestattet und müssten sich um so viele Fälle kümmern, das vieles unter den Tisch falle. Insgesamt, resümierten die Wissenschaftler der Universität Koblenz in dem Papier,

zeigen die Ergebnisse, dass derzeitige Rahmenbedingungen im System der Kinder- und Jugendhilfe eine professionelle sozialpädagogische Arbeit behindern".

So dürfe sich ein Sozialarbeiter zum Beispiel höchstens um 35 Fälle kümmern. Tatsächlich seien es oft 100 oder gar mehr. Zeit für Hausbesuche gebe es kaum, schon allein, weil die Betreuer rund 63 Prozent ihrer Arbeitszeit mit dem Dokumentieren ihrer Tätigkeiten verbringen müssten. Viele Berufsanfänger verließen darüber hinaus den Job bald wieder, weil sie schlicht überfordert seien. Teils hätten sie nur drei Monate Zeit, sich einzuarbeiten. Das genüge bei einer solchen Verantwortung nicht, mahnen die Autoren.

Ministerium: "Wir haben nur Anregungsfunktion"

Ein Obdachloser in Berlin im Jahr 2012 - aufgrund verfehlter Politik und der hohen Zahl an Zuwanderern in kurzer Zeit hat er bald viel Gesellschaft. Die düstere Zukunftsprognose: Über eine Million Menschen sollen bis zum Jahr 2018 in Deutschland ohne Wohnung sein.

Dem Bundesfamilienministerium gibt die Entwicklung offensichtlich nicht zu denken. Auf Anfrage der Autorin berief sich dessen Sprecherin Susanne Gütte auf eine Studie, die das Deutsche Jugendinstitut (DJI) vor rund anderthalb Jahren herausgegeben hatte. Danach, so versuchte Gütte die Warnungen scheinbar herunter zu spielen, "gibt es in Deutschland ca. 37.000 Straßenjugendliche". Minderjährige machten dabei "nur" einen Anteil von 17,6 Prozent, rund 7.500 Betroffenen, aus. Und nur ein Prozent sei jünger als 14 Jahre.

Die Verantwortung der Bundesregierung wies die Sprecherin indes von sich. Die Kommunen allein seien zuständig, teilte sie mit. Ihre Behörde habe lediglich eine "Anregungsfunktion". Und immerhin fördere ihr Ministerium verschiedene Projekte, darunter etwa die Erhebung einer neuen umfassenden Statistik.

Gütte erklärte zudem, dass selbst der geschätzte Anteil von mehreren Tausend unbetreuten unter 18-Jährigen, die immerhin eine Kleinstadt füllen könnten, "keine Grundrechtsverletzung" sei, "weil der örtliche Träger der kommunalen Jugendhilfe für junge Menschen mit Hilfebedarf zur Verfügung steht". Und schließlich habe ihr Ministerium gute Vorsätze: Es wolle die Jugendhilfe "weiterentwickeln" und "modernisieren". Nur wie genau dies erfolgen solle, erwähnte die Sprecherin nicht. 

"Straßenkinder haben keine Lobby" 

Darum hält Jörg Richert die Eigeninitiative seines Vereins KARUNA für den einzigen Ausweg. Betteln beim Ministerium will er nicht mehr. "Ich mache das schon etliche Jahre, und uns fehlt die Zeit für immer neue Sinnlos-Debatten." Versuche, die Regierenden zu überzeugen, gab es viele. KARUNA hatte mehrfach eine Straßen- und Flüchtlingskinderkonferenz organisiert. Denn auch letztere seien wie Heimkinder überproportional von Obdachlosigkeit bedroht, betonte er.

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So sprachen Richert und Betroffene beispielsweise im Jahr 2015 im Zuge dieser Konferenz bei der damaligen Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) vor. Sie legten ihr etwa dar, wie schon 16-Jährige von Kinderheimen "mit Sack und Pack vor die Tür gesetzt" würden, wenn sie bestimmte Auflagen des Jugendamtes nicht erfüllten. Was ist seither passiert? "Nichts", antwortet Richert.

Auch Markus Seidel von Off Road Kids winkte ab: "Man muss da dicke Bretter bohren, und es passiert kaum etwas." Seit 25 Jahren erlebten er und seine Streetworker das nicht anders. "Straßenjugendliche, insbesondere Heimkinder, haben nun mal keine Lobby", sagte er. An Betroffene in Not, die sich helfen lassen wollen, appellierte er, sich notfalls online an die Plattform "sofahopper.de" zu wenden. Dort erreichten sie rund um die Uhr "Sozialarbeiter, die gemeinsam mit den Jugendlichen individuelle Lösungen finden".

 

 

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