icon bookmark-bicon bookmarkicon cameraicon checkicon chevron downicon chevron lefticon chevron righticon chevron upicon closeicon v-compressicon downloadicon editicon v-expandicon fbicon fileicon filtericon flag ruicon full chevron downicon full chevron lefticon full chevron righticon full chevron upicon gpicon insicon mailicon moveicon-musicicon mutedicon nomutedicon okicon v-pauseicon v-playicon searchicon shareicon sign inicon sign upicon stepbackicon stepforicon swipe downicon tagicon tagsicon tgicon trashicon twicon vkicon yt

Staatsbürgerkunde für Fußballprofis: Wenn das Meinungsfenster zur Schießscharte wird

Staatsbürgerkunde für Fußballprofis: Wenn das Meinungsfenster zur Schießscharte wird
"Wertevermittlung" bei Vorträgen und Diskussionen: Bierhoff (ganz links) und die deutsche Fußballnationalmannschaft (in Bierhoffs Marketing-Sprache: "Die Mannschaft") im Juni 2018
Oliver Bierhoff möchte mit Vorträgen und Diskussionen der Verbreitung von "Verschwörungstheorien" unter deutschen Nationalspielern entgegenwirken. Diese und andere Nachrichten der letzten Tage zeigen, das der Raum des Sagbaren auch für Sportler immer enger wird.

von Andreas Richter

Bundesdeutsche Fußballer galten lange als unpolitisch. Ihre matten politischen Sympathien galten in der Regel denen, die ihnen möglichst wenig von ihren hohen Gehältern besteuern wollten. Ausnahmen wie Ewald Lienen, der in den 80er-Jahren in Nordrhein-Westfalen für eine DKP-nahe Liste kandidierte, wurden belächelt und in Ruhe gelassen.

Gegendemonstranten bei einer Demonstration gegen staatliche

Die Zeiten haben sich geändert. Im Jahr 2020 sind auch für Sportler die Grenzen der politischen Korrektheit verbindlich. Wer sie missachtet, muss auf Linie gebracht werden. Stichwort Corona, Stichwort "Verschwörungstheorie".

Oliver Bierhoff, "Teammanager" der deutschen Fußballnationalmannschaft, wurde in einem Interview mit dem zum Ströer-Konzern gehörenden Internetportal t-online.de gefragt, wie er mit "Verschwörungstheorien" umgehe und ob er seine Spieler "aufkläre". Bierhoffs Antwort:

Solche Verschwörungsgeschichten kommen zum Teil auch bei ihnen an. Wir müssen gemeinsam wachsam sein. Ich sehe es als unsere Aufgabe, immer wieder Themen mit unseren Spielern zu besprechen, die wichtig für die Gesellschaft sind. Das machen wir mitunter in Form von Vorträgen oder Diskussionen bei Länderspiel-Lehrgängen oder indem wir auch mal einen journalistischen Artikel in einen Chat posten. (…) Grundsätzlich haben wir als DFB einen Wertekodex, der unter anderem gegenseitigen Respekt, Toleranz und Solidarität beinhaltet. Das ist mit Verschwörungs-Schwachsinn unvereinbar.

Leider wurde Bierhoff nicht gefragt, ob es sich bei der Behauptung, das Satire-Magazin Titanic habe die WM 2006 nach Deutschland geholt, auch um eine "Verschwörungstheorie" handele.

Doch im Ernst: Tatsächlich, und das hat der Psychologe Rainer Mausfeld überzeugend ausgeführt, zählt das Etikett "Verschwörungstheoretiker" zum staatlich anerkannten Diffamierungsvokabular ohne jede intellektuelle Substanz, mit dem abweichende Meinungen denunziert und inhaltliche Diskussionen unmöglich gemacht werden sollen. Und in diesen Kampf um die Meinungshegemonie werden nun auch die Fußballer eingespannt, die Bierhoff offenbar mit einer Art Staatsbürgerkundeunterricht auf die mit den Schlagwörtern "Respekt, Toleranz und Solidarität" vorgezeichnete politisch korrekte Linie bringen will.

Doch es trifft nicht nur Fußballer. In der vergangenen Woche wusste die Kölnische Rundschau zu berichten, dass die Weitspringerin Alexandra Wester Verschwörungstheorien verbreite. Wester hatte in einem auf Instagram verbreiteten Video die Einschränkung von Grundrechten im Zuge der Corona-Krise beklagt und von einem drohenden Impfzwang gesprochen.

Mit nur einer Maske ist es nicht getan: Katja Kipping im April 2020 im Bundestag

Die Nachrichtenagentur dpa sah den Deutschen Leichtathletik-Verband durch diese Äußerungen "in Bedrängnis geraten" und zitierte Annett Stein, die Cheftrainerin des Verbands, der "viel Wert auf mündige Athleten" lege, mit dieser Aussage:

Freie Meinungsäußerung bei den Athleten ist dem DLV wichtig, aber es müssen Grenzen eingehalten werden, vor allem dann, wenn es um Thesen geht, die nicht belegbar sind.

Anders gesagt: Meinungsfreiheit ist gut, solange dem herrschenden Diskurs nicht grundlegend widersprochen wird. Dass Sportler mit ihren öffentlichen Äußerungen vorsichtig sein müssen, zeigte in den vergangenen Tagen auch der Fall des Eishockeyspielers Mark Zengerle.

Der gebürtige US-Amerikaner, der seit diesem Jahr bei den Eisbären Berlin spielt, hatte es gewagt, dem US-Präsidenten Donald Trump auf Twitter für dessen Ankündigung zu danken, die Antifa in den USA als Terrororganisation einzustufen. Wohlgemerkt, es geht um das Agieren von Gewalttätern, nicht etwa um die Proteste insgesamt.

Nun ist vollkommen klar, das Trump die gegenwärtigen Krawalle zu nutzen versucht, um sich vor den Wahlen als Kämpfer für Recht und Ordnung zu inszenieren. Gleichzeitig darf man in den Schlägertrupps der Antifa, die sich derzeit an den Protesten infolge des Todes von George Floyd beteiligen, kaum die Kraft für "das Gute" sehen, die nicht nur das deutsche "Juste Milieu" dort schon wegen des historisch positiv besetzten Namens um jeden Preis erkennen will.

Zengerle jedenfalls bekam zunächst auf Twitter Ärger mit Fans des Vereins, dann mit dem Verein selbst. Er ruderte zurück, löschte diesen und andere Tweets und bat in einer von dem Verein verbreiteten Erklärung um Entschuldigung. Mittlerweile hat er sein Twitter-Konto ganz gelöscht. Die Eisbären selbst ließen wissen, Zengerles Äußerungen hätten ihren Werten widersprochen:

Im Zusammenhang mit den Vorfällen in den USA in den vergangenen Tagen äußerte bzw. unterstützte der neue Eisbären-Stürmer Mark Zengerle im Social-Media-Netzwerk Twitter mehrfach Nachrichten, die nicht die Weltoffenheit, das Geschichtsbewusstsein und die Werte der Eisbären Berlin widerspiegeln. Zengerle hat diese Meinungsäußerungen gelöscht. (…)

Mark Zengerle ist immer noch über die Reaktionen auf seine Retweets erschüttert. "Das war alles ein großes Missverständnis. Es tut mir sehr leid, was ich damit angerichtet habe. Ich bin nicht diese Person. Ich will einfach nur, dass die Unruhen aufhören, dass die Gewalt ein Ende findet und auch der Rassismus!"

Die den Verurteilungen der Sportler zugrundeliegende Analyse ist in allen Fällen so schlicht, dass es geradezu zum Verzweifeln ist. Der Eishockeyspieler lobt Trump und kritisiert damit die Antifa, macht sich damit nach herrschender Auffassung offenbar selbst zum Faschisten und Rassisten. Wer die Corona-Maßnahmen der Regierung kritisiert oder ihre Begründung anzweifelt, ist, natürlich, "Verschwörungstheoretiker". Eine wirkliche inhaltliche Debatte bleibt in jedem Fall aus.

Man kann diese Fälle wohl so zusammenfassen, dass im Bereich des Sports jeder auf die von der politischen Korrektheit vorgegebenen Linien festgelegt werden muss. Kunst und Kultur, Politik und Medien sind da – praktisch geschlossen – bereits vorangegangen. Der Druck im Kessel steigt, die Spielräume des Sagbaren engen sich dabei immer weiter ein. Man könnte auch sagen, dass das Overton-Fenster allmählich zur Schießscharte wird.

Mehr zum Thema - "Spüren Sie da keine Verantwortung?" – Wie ein "Verschwörungstheoretiker" den SWR vorführt

Folge uns aufRT
RT
Trends: # Corona-Pandemie

Diese Webseite verwendet Cookies. Klicken Sie hier, um mehr zu erfahren

Cookies zulassen