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Chirurgische Masken mit neuem Verfallsdatum versehen – Soll man da nicht an Verschwörungen glauben?

Chirurgische Masken mit neuem Verfallsdatum versehen – Soll man da nicht an Verschwörungen glauben?
Chirurgische Masken mit neuem Verfallsdatum versehen – Soll man da nicht an Verschwörungen glauben? (Graffito zu Ehren der Mitarbeiter des britischen Hational Health Service in Glynn nördlich von Belfast. 5. Mai 2020)
Man gab uns letzte Woche chirurgische Masken aus, die bis zum Jahr 2017 haltbar waren. Doch an den Schachteln klebten Etiketten, laut derer der Inhalt bis zum Jahr 2022 gut sei. Wir versuchen hier, COVID-19 zu bekämpfen – und jemand setzt unser Leben aufs Spiel.

von Malcolm Kendrick

Ich habe gerade eine Schachtel mit abgelaufener individueller Schutz- und Hygieneausrüstung geöffnet, auf der ein neues Datum aufgeklebt ist. Als Arzt beim britischen National Health Service habe ich ja nie an Verschwörungen geglaubt, aber ...

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Bei mir haben Pfusch und Schnitzer als Erklärungen immer Vorrang vor ausufernden Verschwörungstheorien. Ich finde, dass verschiedene vermeidbare Katastrophen viel leichter durch einfaches menschliches Versagen erklärt werden können als durch irgendetwas anderes. Die Kette der Ereignisse besteht in der Regel darin, dass zuerst jemand einen schrecklichen Fehler macht. Und dass erst dann eine Verschwörung in Aktion tritt, wenn es darum geht, die Machthaber vor dem Geständnis zu bewahren, dass sie etwas falsch gemacht haben.

Es gibt jedoch Zeiten, in denen eine von vornherein geplante Verschwörung die einzige Erklärung ist. Letzte Woche war solch ein Fall. Noch am Donnerstag applaudierten alle den Mitarbeitern der britischen öffentlichen Gesundheitsdienste für ihre Heldentaten. Und am Freitag wurde unserer Einheit ganz bewusst Ausrüstung ausgehändigt, die ihr Verfallsdatum schon drei Jahre hinter sich hatte. Das Datum war jedoch mit einem Aufkleber überdeckt worden, auf dem ein neues Datum aufgedruckt war.

Chirurgische Masken mit neuem Verfallsdatum versehen – Soll man da nicht an Verschwörungen glauben?

Persönliche Schutzausrüstungen, Masken und Einweghandschuhe, sind seit dem Beginn der Coronavirus-Epidemie ein wunder Punkt. Entweder gibt es nicht genug davon, sie entsprechen nicht den Standards, oder manchmal gibt es einfach keine. Verschiedene Trusts (Primary Care Trusts, abgekürzt PCT, sind im britischen Gesundheitssystem für die Verwaltung, aber auch für den Einkauf von Waren und Dienstleistungen aus privater Hand verantwortlich. Anm. d. Red.) versuchten, dies zu vertuschen und Whistleblower zum Schweigen zu bringen. Dies scheint das Standardverfahren innerhalb des britischen National Health Service zu sein, wie aus einem kürzlich im Independent veröffentlichten Bericht von Georgina Halford-Hall, Geschäftsführerin von WhistleblowersUK, hervorgeht:

NHS-Ärzte, die wegen Mangels an persönlicher Schutzausrüstung Bedenken geäußert haben, wurden gewarnt, dass sie Gefahr laufen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wenn sie sich damit weiterhin zu Wort melden. Mehr als 100 Mediziner haben sich mit WhistleblowersUK in Verbindung gesetzt, um ihre Besorgnis über mangelnde persönliche Schutzausrüstung während der Coronavirus-Krise an die Öffentlichkeit zu bringen, so die Organisation.

Mehr noch: Viele von ihnen berichten, dass sie von NHS-Trustmanagern belästigt, mit Disziplinarmaßnahmen oder sogar mit Arbeitsplatzverlust bedroht wurden, wenn sie das Thema öffentlich zur Sprache bringen würden.

Diejenigen, die sich zu Wort gemeldet haben, erhielten Verweise oder Warnungen. Insbesondere den Locum Consultants (britische Entsprechung des Leih- oder Honorararztes. Anm. d.Red.) wurde angedeutet, dass ihre Verträge am Ende der Amtszeit (maximal auf ein Jahr begrenzt. Anm. d. Red.) wahrscheinlich nicht wieder verlängert, sie sich somit in der Arbeitslosigkeit wiederfinden und wahrscheinlich auch keinen Job mehr finden würden.

Mobbing durch NHS-Trustmanager ist nichts Neues, es scheint ihre Standardeinstellung zu sein. Viel unheimlicher ist jedoch, dass schon ziemlich früh im Verlauf der Pandemie aus dem ganzen Land über die Verteilung veralteter Masken und Handschuhe berichtet wurde. Wobei deren Ablaufdatum jeweils durch einen Aufkleber mit einem neueren Datum überdeckt wurde. Ich selbst habe keine gesehen, aber die Berichte schienen wahrheitsgetreu zu sein.

Ich fragte mich: "Welche Denkweise steht denn bloß dahinter? Alles, was wir an persönlichen Schutzmitteln haben, ist seit Jahren über das Haltbarkeitsdatum hinaus. Was sollen wir tun?" Und ich hätte einfach sagen können: "Hört zu, Leute, tut mir leid, wir haben nicht genug Masken und Handschuhe vorrätig. Wir versuchen gerade verzweifelt, welche heranzuschaffen. Für die Zwischenzeit haben wir dieses Zeug mit überschrittenem Verfallsdatum im Lager. Das ist sicher besser als nichts. Wir glauben nicht, dass da wirklich so etwas wie ein Haltbarkeitsdatum ablaufen kann. Seid ihr damit einverstanden?"

Ich meine, was soll man sonst auch sagen? Entweder das, oder die Leute nach Hause schicken ... Oder sie gar bitten, gänzlich ohne Schutzmittel zu arbeiten. Ich könnte mir vorstellen, dass man genau zu diesem Zeitpunkt die Rechtsabteilung kontaktierte, die irgendwie so reagierte: "Nein, Sie können den Leuten doch nicht sagen, dass das Zeug veraltet ist. Das öffnet Tür und Tor für mögliche rechtliche Schritte gegen uns. Die Ärzte wären auch vollkommen berechtigt, nach Hause zu gehen, wenn Sie keine Masken und Handschuhe für sie haben."

Überhaupt keine Schutzmittel zu haben würde eine sofortige Personalkrise auslösen. Was tut man also, wenn alles, was an Schutzmitteln da ist, das Ablaufdatum überschritten hat?

Meiner Ansicht nach einigte man sich auf ein Budget zum Vertuschen der Tatsache, dass die Masken und Handschuhe veraltet sind. Danach hätte man irgendwo eine Firma kontaktieren und sie bitten müssen, Hunderttausende von kleinen Aufklebern mit einem anderen Verfallsdatum zu drucken. Das allein muss schon beträchtliche Geldsummen gekostet und mehrere Tage gedauert haben.

Dann müssen sie ein paar Hundert Leute mehr eingestellt haben, um alle Schachteln mit abgelaufenen Schutzmitteln aus den Kisten und von den Paletten zu nehmen und bei jeder sehr sorgfältig das alte Verfallsdatum mit einem neuen Aufkleber, mit einem neuen Datum, zu überdecken. Dann wurden alle Schachteln wieder an Ort und Stelle gestapelt und schließlich nach Bedarf verteilt, ohne dass jemand an der Front des Geschehens davon unterrichtet wurde.

Diese Art von Aktivität fällt bei mir ganz sicher nicht unter "Schnitzer und Pfusch" als Erklärung für menschliches Verhalten. Dafür passt Verschwörung hier wie die Faust aufs Auge. Es wurde eine direkte und klare Entscheidung getroffen, die Tatsache zu vertuschen, dass die individuellen Schutzmittel, die den Mitarbeitern des NHS ausgehändigt wurden, abgelaufen waren. Eine Entscheidung, deren Umsetzung – und ihrerseits auch Geheimhaltung – eine beträchtliche Menge an Zeit, Mühe und Geld erforderte.

Dies ist definitiv kein Fehler im Sinne von "Hoppla, Entschuldigung".

All das bedeutet, dass ich, als ich hörte, dass die Verfallsdaten auf der PPE durch neue Aufkleber verdeckt wurden, dies wohl irgendwie verdrängt habe. "Es kann doch einfach niemand so hinterhältig sein", dachte ich, "und vor allen Dingen ist doch nie im Leben jemand so dumm!" Ich meine, wenn ich als Arzt so etwas tun würde, dann würde ich augenblicklich gefeuert werden. Und zwar verdientermaßen.

Versuchen Sie doch einmal, ein drei Jahre abgelaufenes Medikament auszuhändigen, dessen Verfallsdatum durch einen von Ihnen angefertigten Aufkleber verdeckt ist. "Ist schon gut, das läuft ja nicht wirklich ab." Ich würde gern sehen, wie so etwas vor Gericht argumentiert wird.

Ich: "Ja, Ehren, es war einfach ein Fehler. Ich hatte einen schlechten Tag auf der Arbeit ..."

Richter [hebt verwundert die Augenbraue]: "Aber Sie wussten, dass das Medikament über sein Haltbarkeitsdatum hinaus war. Und dann suchten Sie jemanden, der einen Aufkleber mit einem neuen Datum drucken konnte, um diese Tatsache zu vertuschen. Und dann gaben Sie das Medikament dem Patienten."

Ich: "Ähh. Ja. Sie haben Recht. Asche auf mein Haupt."

 

Und nun stellen Sie sich meine bittere Enttäuschung vor: Eine der Gesundheitsassistentinnen kam mit einer Schachtel mit chirurgischen Masken herein. Auch sie hatte schon von dem "alten Trick mit dem neuen Aufkleber" gehört. Also zog sie den neuen Aufkleber vorsichtig ab, um das alte Verfallsdatum darunter zum Vorschein zu bringen – dieser war aus dem Jahr 2017. Die gleichen Aufkleber waren auf allen an diesem Tag gelieferten Schachteln zu finden.

Nun bin ich ja bereit zu glauben, dass chirurgische Masken nicht wirklich ein zeitkritisches Verfallsdatum haben. Aber ich weiß es eben nicht. Warum sollte sich auch der Lieferant, der US-Medizinbedarf-Hersteller Cardinal Health, ansonsten überhaupt die Mühe machen, ein Verfallsdatum aufzubringen, wenn diese nicht verfallen? Andererseits, hätte man uns gesagt "Entschuldigung, aber das ist alles, was wir haben", hätte ich vielleicht mit den Schultern gezuckt und weitergemacht.

Mir fällt bloß sehr schwer, zu akzeptieren, dass jemand irgendwo ganz oben im Verwaltungsapparat – wahrscheinlich eine Gruppe – absichtlich versucht hat, das Ablaufdatum zu vertuschen. Sie haben sich große Mühe gegeben, zu verbergen, was sie getan hatten. Obwohl es in Wahrheit nur eines scharfen Fingernagels bedurfte, um den Betrug aufzudecken.

Was wird wohl auf meinen Grabstein gemeißelt? "Am Donnerstag bejubelt. Am Freitag gemeuchelt."

Übersetzt aus dem Englischen.

Malcolm Kendrick, Arzt und Autor, der als Allgemeinmediziner im National Health Service in England arbeitet. Sein Blog kann hier gelesen werden. Sein Buch 'Doctoring Data – How to Sort Out Medical Advice from Medical Nonsense' ist hier erhältlich.

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