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Neues aus den Unterklassen: Wie der Lohnarbeitsmarkt erodiert und Statistiken manipuliert werden

Neues aus den Unterklassen: Wie der Lohnarbeitsmarkt erodiert und Statistiken manipuliert werden
Trotz Wirtschaftsbooms wächst in Deutschland die Armut. Prekäre Arbeitsverhältnisse nehmen zu, Erwerbslose lässt der Staat im Dschungel der Statistiken verschwinden. Ein Blick hinter die schillernde Fassade des angeblichen neuen Wirtschaftswunders.

von Susan Bonath

Deutschlands Wirtschaft floriert. Auch in diesem Jahr fährt das Land nach Berechnungen des Ifo-Instituts mit fast acht Prozent die höchsten Exportüberschüsse der Welt ein. Das sorgt nicht nur für Firmenpleiten und rasant wachsende Erwerbslosigkeit im Rest Europas – inklusive zwangsläufig wachsender Arbeitsmigration. Auch der deutsche Staat kassierte 2017 gut 48 Milliarden Euro mehr, als er ausgab.

Jobcenter Düsseldorf...

Die eigenen sozialen Verwerfungen will er damit offenbar nicht beheben. Trotz Jubelorgien auf den boomenden Arbeitsmarkt existieren diese hinter geschönten Statistiken. Ein genauer Blick in diese zeigt: Das auf Lohnarbeit auf der einen und Profitabschöpfung aus selbiger auf der anderen Seite basierende Wirtschaftsmodell erodiert zusehends. Immer mehr Menschen können in Deutschland von ihrer Arbeit nicht mehr leben.

Versteckte Erwerbslose

So meldete die Bundesagentur für Arbeit (BA) für August kürzlich eine Stagnation auf niedrigem Niveau: 2,35 Millionen Menschen galten danach zuletzt als "arbeitslos". Wie eine am vergangenen Wochenende präsentierte Analyse des Internetportals O-Ton Arbeitsmarkt ergab, stecken jedoch Hunderttausende weitere Betroffene in einer seperaten BA-Statistik für "Unterbeschäftigte".

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So tauchen in dem insgesamt 3,24 Millionen Menschen erfassenden Zahlenwerk auch 862.000 Personen auf, die kurzzeitig erkrankt, über 58 Jahre alt oder aber in Beschäftigungs- oder Weiterbildungsmaßnahmen untergekommen waren. Danach beträgt die tatsächliche Arbeitslosenzahl mehr als 3,2 Millionen.

Jobs, von denen keiner leben kann

Eine weitere Analyse des Portals zeigt: Rund 6,8 Millionen Menschen, darunter etwa zwei Millionen Kinder, waren im Juni dieses Jahres von Arbeitslosengeld abhängig. Denn nur ein geringer Teil derer, die derlei staatliche Unterstützung benötigen, gilt als arbeitslos im Sinne der Statistik. Konkret fielen darunter zuletzt 1,55 Millionen Hartz-IV-Bezieher sowie rund 800.000 Arbeitslosengeld-I-Berechtigte.

Zieht man vom verbleibenden Rest die unter 15-Jährigen sowie die Kranken oder in Maßnahmen Geparkten ab, verbleiben knapp 1,6 Millionen Erwerbsfähige, die einer Arbeit nachgehen, aber mit Hartz IV aufstocken müssen. Ihr Einkommen reicht nicht, um davon leben zu können oder gar eine Familie zu ernähren.

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Selbst nach den Zahlen der Bundesregierung arbeiteten bereits 2014 rund acht Millionen Menschen für einen Niedriglohn von unter zehn Euro pro Stunde. Das war jeder vierte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Entgegen der landläufigen und von der Politik häufig suggerierten Meinung verfügten mehr als fünf Millionen dieser Niedriglöhner über eine abgeschlossene Fachausbildung.

Prekärer Arbeitsmarkt

 Laut offizieller Arbeitsmarktstatistiken gibt es weniger Arbeitslose - die tatsächliche Anzahl der Leistungsempfänger ist jedoch beinahe dreimal so hoch.

Dass prekäre Situationen nicht allein am Einkommen festzumachen sind, zeigt eine ganz aktuelle Analyse des Statistischen Bundesamtes. Danach steigt die Zahl der sogenannten atypisch Beschäftigten in Deutschland immer weiter an. Gemeint sind Menschen, die ungewollt in Teilzeit arbeiten müssen und dadurch weniger Lohn erhalten, sich mit befristeten Arbeitsverträgen oder in Leiharbeitsfirmen durchkämpfen müssen. Im vergangenen Jahr betraf dies demnach bereits 7,7 Millionen Menschen.

Die prekären Auswüchse des Arbeitsmarktes gehen auch aus einer BA-Statistik für den Juli 2018 hervor. Von den dort gemeldeten 822.000 offenen Stellenangeboten waren lediglich 712.000 unbefristet und sozialversicherungspflichtig. Darunter befanden sich mehr als 100.000 Teilzeitjobs mit ungenannter Stundenanzahl sowie rund 54.000 stellen, die "später zu besetzen" sein sollten.

Die mit Abstand meisten Jobangebote kamen aus der Leiharbeitsbranche. Auf diesen Sektor entfielen mehr als 260.000 zu besetzende Stellen. Bereits Ende 2017 mussten sich mehr als eine Million Beschäftigte mit einer solchen Arbeit zufrieden geben – Tendenz steigend. Hinzu kamen rund 50.000 Angebote unter der Rubrik "sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen". Dazu gehören beispielsweise private Arbeitsvermittler, die häufig nur ihren Pool an vermittelbaren Personen aufstocken wollen, auch ohne ein konkretes Angebot parat zu haben. Dass ein wachsender Anteil der Bevölkerung von Altersarmut bedroht ist, darf angesichts derart unsicherer Bedingungen im spätkapitalistischen Arbeitshaus Deutschland nicht verwundern.

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