"50 Angreifer mit Macheten": Blog erfindet Terroranschlag

"50 Angreifer mit Macheten": Blog erfindet Terroranschlag
Vor den Bildern des Terrors kapituliert die Vernunft - darum war die "Übung" des Blogs sinnlos.
Der "schlimmste Terroranschlag in Westeuropa", "mehr als 130 Tote", "50 Angreifer mit Macheten": All das meldete der "Rheinneckarblog" am Wochenende - obwohl es erfunden war. Was die Macher nun als Übung in Medienkompetenz verkaufen, löste massive Kritik aus.

Eine Welle der Kritik hat der Rheinneckarblog ausgelöst, als er am Wochenende über einen fiktiven Terroranschlag in Mannheim berichtet hatte. Vom "schlimmsten Terroranschlag in Westeuropa" mit "mehr als 130 Toten" und "50 Angreifern mit Macheten" hatte der Blog im Teaser geschrieben - der eigentliche Artikel war nur für registrierte Nutzer lesbar. Zahlreiche Leser und Medien wie SWR, FAZ oder Deutschlandfunk waren stark irritiert. Einigen Journalisten wirft der Blog nun Falschberichterstattung vor, so musste etwa der SWR einen Artikel zum Vorgang korrigieren. Am Montag wusste der SWR dann zu berichten, dass der Fall des ausgedachten Anschlags vom Staatsanwalt geprüft werde.

Wir haben es getan: Wir haben Fake News veröffentlicht. Mitten in der Nacht. Fast ohne jede Vorwarnung. Und es funktioniert. Unser Server qualmte. Das Wort Terroranschlag plus eine vollständig erfundene Geschichte reichte aus.

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Das schreibt der Artikelverfasser Hardy Prothmann sichtlich stolz auf dem Rheinneckarblog. Offensichtlich findet er es überraschend, dass der Satz "Terroranschlag in der Nachbarschaft" Emotionen bei den Lesern auslöst. "Unsere 'Story' ist vollständig erfunden. Unser Mitarbeiter Helle Sema ist ein 'Gonzo'-Reporter, der Fiktion und Fakten mischt, als wären es Cocktails. Da kennt der nix", fährt er fröhlich fort. 

Ganz so leicht nahmen es viele Leser nicht und meldeten sich besorgt bei der Polizei, wie die FAZ  berichtet - auch ein Tweet der Polizei, der die Geschichte als ausgedacht entlarvt, konnte das nicht verhindern. Kritik kommt auch vom Branchenverband der Journalisten, wie der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands Frank Überall im Deutschlandfunk sagte:

Der Rhein-Neckar-Blog hat dem Journalismus einen Bärendienst erwiesen. Der Text wurde ohne klare Kennzeichnung als Satire veröffentlicht. Es wurde sogar eine fiktive Nachrichtensperre erwähnt, sodass man den Eindruck gewinnen sollte, Klarstellungen von Polizei und Behörden seien nicht ernst zu nehmen.

Überall betonte zwar, dass Medien zugespitzte Debattenbeiträge veröffentlichen dürfen sollen, diese müssten dann aber klar zu erkennen sein: 

Die Bevölkerung mit einem derart realistisch beschriebenen Horrorszenario zu konfrontieren, ist allenfalls politischer Aktivismus, der geeignet ist, das Vertrauen in die Medien und ihre Macher nachhaltig zu gefährden.

Artikelverfasser wollte auf Fake News aufmerksam machen

Prothmann vom Rheinneckarblog  sagt nun, er habe "keine Massenpanik erzeugen" wollen, wohl aber "Aufmerksamkeit für mögliche Bedrohungslagen, aber auch für Fake News". Nun kann man einerseits noch darüber streiten, ob in Deutschland die Bedrohung durch Terror heruntergespielt wird, eine Schock-Aktion wie die des Rheinneckarblogs also eine ungesunde Untätigkeit offenbaren müsste. Andererseits findet man aber auch sicher Beispiele, bei denen der Terror im Gegenteil dramatisiert wurde, etwa um Gesetze zu verschärfen. 

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Völlig ins Leere geht dagegen die Anspielung auf Fake News, für die durch die Aktion laut Prothmann "Aufmerksamkeit" erregt werden sollte. Zum einen gibt es wohl kaum eine Vokabel, die den Medienkonsumenten aktuell öfter um die Ohren gehauen wird, als das Wort von den Fehlinformationen. Zum anderen: Wie soll ein Medienkonsument anhand einer dürren Schlagzeile Fakes von echten News unterscheiden? Denn der komplette Artikel des Rheinneckarblogs war erst nach einer Registrierung als Abonnent lesbar, die meisten Leser konnten den Beitrag also gar keiner kritischen Prüfung unterziehen. Trotzdem mussten sie mit der Angst leben, die der Blog durch möglichst brutale Andeutungen und Suggestionen ausgelöst hatte. 

Endgültig peinlich wird es, wenn sich Hardy Prothmann in eine Reihe mit Orson Welles und dessen legendärer, die Bevölkerung verschreckender Hörspielfassung von H.G. Wells' "Krieg der Welten" zu stellen versucht

Staatsanwaltschaft prüft Anfangsverdacht einer Straftat

Die Staatsanwaltschaft Mannheim bestätigte, dass sie prüft, ob ein Anfangsverdacht für eine Straftat besteht, wie eine Sprecherin am Montag sagte. Eine Sprecherin der Stadt teilte zu dem Vorgang am Montag mit:

Oberbürgermeister Peter Kurz wurde im Dezember von Herrn Hardy Prothmann über seine Absicht informiert, einen fiktionalen Text zu veröffentlichen. Er hat Herrn Prothmann darauf hingewiesen, dass der Text hochproblematisch sei, und bat Herrn Prothmann, diesen nicht zu veröffentlichen.

Der Bitte sei Prothmann zunächst nachgekommen. Deshalb sei die Veröffentlichung für die Stadt überraschend gewesen. Bis die Staatsanwaltschaft ihre Prüfung abgeschlossen habe, werde sich die Stadt darüber hinaus nicht weiter zu dem Fall äußern.

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