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Stilistisch eher ein Sekten-Handbuch: Linguistik-Professor Josef Klein über das Framing-Manual

Stilistisch eher ein Sekten-Handbuch: Linguistik-Professor Josef Klein über das Framing-Manual
Professor Josef Klein forscht seit über 30 Jahren zum Thema Politische Rede und gilt hierzulande als der "profilierteste Vertreter der linguistischen Forschung zur Sprache in der Politik". Zum aktuellen Thema Framing hat der ehemalige Bundestagsabgeordnete RT Deutsch einige Fragen beantwortet.

Derzeit wird vermehrt über Framing im alltäglichen Medien- und Politikgebrauch diskutiert. Sehen Sie, mit Ihrer Erfahrung, ein aktuelles Phänomen im Aufladen von Begriffen zur moralischen Unterscheidung zwischen richtig und falsch, oder ist das ein alter Hut, immer schon Teil der politischen Kommunikation?

Emotionale und moralhaltige Begriffe so zu wählen, dass damit die eigene Sicht der Dinge propagiert wird, ist tatsächlich ein alter Hut. Politiker und Anbieter von Gütern tun dies seit eh und je. Auch die Forschung dazu ist nicht in Berkeley erfunden worden. Der erste war der Philosoph und Rhetorikforscher Aristoteles vor beinahe zweieinhalbtausend Jahren im antiken Athen.  

Sie haben sich mit "Bezeichnungskonkurrenz" und "Bedeutungskonkurrenz" befasst, welche aktuellen Beispiele gibt es dafür? Verlieren Begriffe wie "Demokratie", "Menschenrechte", "Frieden" an Bedeutung, wenn sie möglicherweise missbräuchlich oder im Kontext einer Politik genutzt werden, die doch interessensgeleitet ist oder das Gegenteil herbeiführt?

Die aktuell vielleicht wichtigste Bezeichnungskonkurrenz findet sich bei den Begriffen, mit denen islamistische Selbstmordattentäter bezeichnet werden. In den meisten Gesellschaften werden sie in den Deutungsrahmen (englisch: Frame) von Gewaltverbrechen zugunsten politisch-ideologischer Ziele gestellt und als "Terroristen" bezeichnet. In großen Teilen islamisch geprägter Gesellschaften werden sie dagegen wahrgenommen als Personen, die ihr Leben für Gott opfern und daher als "Märtyrer" bezeichnet.

Die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling ist

Begriffe können missbraucht werden, indem sie gezielt ihrer Kernbedeutung beraubt werden. So geht es häufig dem Begriff "Demokratie". Er bedeutet, dass das Volk herrscht. Das Volk aber ist kein homogenes Wesen. Es besteht aus einer Vielfalt unterschiedlichster Personen und einer Vielzahl von Gruppen, das heißt Gesellschaf ist plural. Das Volk kann Herrschaft nur ausüben, indem seine Repräsentanten diese Pluralität zur Geltung bringen, zum Beispiel durch Interessenausgleich und Kompromiss, und wenn Opposition und Regierungswechsel möglich sind. Daher ist autoritäre Herrschaft zutiefst undemokratisch, auch wenn sie versucht, sich mit Begriffen wie "gelenkte Demokratie" ein demokratisches Begriffsmäntelchen umzuhängen.

Mehr zum Thema- Kontrollierte Demokratie: Die Manipulation hinter dem Framing-Manual der ARD

Das ARD Framing-Manual hat medial hohe Wellen geschlagen, der Begriff "Manipulationshandbuch" wurde laut. Dabei wollte die ARD laut Generalsekretärin Pfab damit eigentlich den Wert der Öffentlich Rechtlichen im digitalen Zeitalter hervorheben, zunehmender Kritik begegnen und bereits mit negativer Bedeutung aufgeladenen Begriffen wie "Staatsfunk" und "Zwangsgebühren" etwas Positives entgegensetzen. Was denken Sie über die Herangehensweise des Framings in diesem Zusammenhang?

Gut bezahlte Sprachberatung ist zulässig. Und dass sich die ARD gegen diffamierende Begriffe zur Wehr setzt, verstehe ich. Als Linguist halte ich allerdings aus fachlichen Gründen wenig von dem Manual. Ausgerechnet die Frametheorie von George Lakoff, dem Doktorvater von Wehling, besagt, dass Frames dann besonders wirkungsvoll sind, wenn sie Abstraktes in sinnliche Bilder konkreter, oft körperlicher, Erfahrung fassen, zum Beispiel in Begriffe  wie anbieten und auswählen. Doch Wehling empfiehlt der ARD im Gegenteil, sich beinahe ausschließlich in hochabstrakten moralischen Begriffen zu präsentieren. Das betrifft nicht nur das ständig wiederholte Hauptschlagwort "unser gemeinsamer freier Rundfunk". Zahlreiche  Begriffe wie "Gleichwertigkeitsprinzip" und "gelebte Eigenverantwortung" oder kuriose Sätze wie "Die ARD ist die Gesellschaft: Wir sind Ihr!" liegen auf der gleichen Linie. Hintergrund dafür ist die Vorstellung, dass die Gemeinschaft der Bürger Kollektiveigentümer, Träger und Nutzer der öffentlich-rechtlichen Medien ist. In einem abstrakten staatspolitischen Sinne trifft das zwar zu. Aber mit Begriffen auf solcher Abstraktionshöhe lässt sich die angestrebte "Begeisterung" für die ARD nicht erreichen. Wehling arbeitet sich an einem Lieblingsfeind ab: dem Begriffsapparat (den Frames) der Marktwirtschaft. Die von ihr verpönten Begriffe "Angebot", "Auswahl", "Konsument", "Wettbewerb" und "Publikum" sind deutlich näher an der Lebenssituation von TV-Zuschauern mit der Fernbedienung in der Hand als ihre Frames. Lebensnähe lässt sich nicht durch Begriffsabstraktionen schlagen. Dass Wehling diese Diskrepanz nicht gesehen hat, kann ich mir nur so erklären, dass anti-marktwirtschaftliches Ressentiment über linguistischen Sachverstand gesiegt hat.

Hinsichtlich der Kritik an den Gebühren für das Programm heißt es in dem ARD-Handbuch: "Die ARD existiert einzig und allein für uns, indem sie jenseits profitwirtschaftlicher oder demokratieferner Gelüste für ein informierendes, bildendes und sinnstiftendes Programm sorgt", und weiter "die ARD ist die Gesellschaft: Wir sind Ihr! Es handelt sich bei der ARD und den Bürgern nicht um getrennte Entitäten. Die ARD ist der gemeinsame Rundfunk der Bürger".  Wenn also Bürger sich nicht mit dem gebotenen Programm identifizieren, werden sie dann nicht vom so geformten Begriff der Gesellschaft abgekoppelt und diese damit gespalten? Würde Kritik durch eine Befolgung des 120.000 Euro teuren Ratschlags nicht unterdrückt?

Stilistisch sind das Sätze, die eher in ein Sekten-Handbuch als in ein Beratungspapier für die ARD gehören. Nicht als Linguist, sondern als Bürger sage ich dazu: Würde die ARD das übernehmen, wäre das ein Zeichen von Arroganz und eine Art medialer Alleinvertretungsanspruch auf Wahrheit und Moral! Hier wird der Demokratie-Anspruch, den das Papier für die ARD behauptet, ad absurdum geführt.

Vielen Dank für das Interview!

 

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