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Sketch von 1999 wird viraler Hit: Hat Dieter Hallervorden die AfD vorausgesehen?

Sketch von 1999 wird viraler Hit: Hat Dieter Hallervorden die AfD vorausgesehen?
Na, was habe ich da nur wieder angestellt, scheint sich "Didi" Hallervorden zu fragen. Das Bild stammt aus dem Jahr 2013, als Hallervorden bei der Verleihung der "Goldenen Kamera" für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde.
Ein Sketch aus dem Jahr 1999 des bekannten Komikers Dieter Hallervorden entwickelt sich zunehmend zu einem viralen Hit. In diesem verkörpert Hallervorden einen Politiker der "Aktionsgemeinschaft Freunde der Diktatur" (AFD). Konnte der Mann hellsehen?

von Timo Kirez

Wer kennt das nicht? Man nimmt nach Jahren mal wieder eines seiner Lieblingsbücher in die Hand und blättert ein wenig herum. Und obwohl man das Buch schon mindestens ein Dutzend mal gelesen hat, entdeckt man plötzlich wieder etwas Neues darin. Zumindest glaubt man das. Schließlich wurde dem Buch in den Jahren kein einziger Buchstabe hinzugefügt. Es wartete geduldig im Regal, so wie die anderen Bücher auch.

Nicht das Buch hat sich also verändert, sondern man selbst. Und das, was man gemeinhin "Zeitgeist" nennt. So hat es zum Beispiel sicher einen großen Unterschied gemacht, ob ein Russe den genialen Roman "Oblomow" von Iwan Gontscharow über einen faulen Adeligen gleichen Namens vor oder nach der Oktoberrevolution von 1917 gelesen hat. Derselbe Effekt, zugegeben, nicht auf demselben literarischen Niveau, dürfte sich mit dem Sketch von Dieter Hallervorden eingestellt haben.

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Der Sketch stammt aus der ARD-Satiresendung "Hallervordens Spott-Light" von 1999, in der Hallervorden zusammen mit seinem Partner Frank Lüdecke eine Art "politische Talkshow" nachspielt. Der Text des Sketches stammt von Lüdecke, einem Berliner Autor, der sich auch für viele andere Sketche Hallervordens verantwortlich zeichnet. In dem Videoausschnitt tritt Hallervorden als Politiker "Alois Moosbrecher" auf. Der Name seiner Partei: "Aktionsgemeinschaft Freunde der Diktatur", abgekürzt AFD.

Die fiktive Gesprächsrunde des Sketches nennt sich "Die Innenseiten der Außenseiter." Hallervorden spielt einen Verfechter der Diktatur, der die Demokratie mit demokratischen Mitteln angreifen möchte: "Abschaffen ist vielleicht nicht das richtige Wort. [...] Ich sage mal, gestalterisch mitwirken im positiven Sinne – also negativ." So weit so lustig. Das interessante ist aber vor allem die Reaktion des Moderators, gespielt von Lüdecke. Der findet nämlich: "Wichtig ist, dass wir neue Denkansätze nicht gleich im Keim ersticken. Dass wir integrieren und nicht ausgrenzen."

Und der eifrige "Moosbrecher" führt aus: "Ein Gedankenaustausch findet ja quasi nicht statt. Wenn man heutzutage von einer Diktatur redet, gilt man ja automatisch als rechtsextrem." Na, kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl: #NazisRaus. Denn auch zum Dritten Reich hat "Moosbrecher" seine ganz eigenen Ansichten: "Schlimm, was der gemacht hat mit den Deutschen." Und weiter: "Solche Schlampereien wie bei Hitler wird es bei uns nicht geben." Hat das Ganze nun etwas mit der heutigen AfD zu tun? Die Antwort lautet: Jein.

Im Zusammenhang mit der AfD sind zwei Dinge unbestreitbar. Erstens: Es ist hanebüchen und auch gefährlich, die Partei als Ganzes in die Nazi-Ecke zu stellen. Zweitens: Einige Mitglieder der Partei bemühen sich nach Kräften, um genau in diese Ecke gestellt zu werden. Wer, wie Björn Höcke, die Bundespolizei dazu auffordert, ihren Vorgesetzten nicht mehr zu folgen, denn andernfalls werde man sie nach der Machtübernahme "des Volkes" zur Rechenschaft ziehen, oder wer wie der inzwischen ausgetretene André Poggenburg von "Wucherung am deutschen Volkskörper" daherfaselt, muss sich wahrlich nicht wundern, wenn ihm, um es mal vorsichtig zu formulieren, ein unkritisches Verhältnis zum Nazi-Jargon unterstellt wird.

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Doch hat Hallervorden, neben seinen vielen anderen Talenten, auch ein Talent als Hellseher? Wohl kaum. Der Sketch entstand zu einer Zeit, als nicht die AfD für Schlagzeilen sorgte, sondern Parteien wie die NPD, Die Republikaner und die DVU. So zogen zum Beispiel Die Republikaner im Jahr 1992 unter der Führung ihres damaligen Vorsitzenden Franz Schönhuber mit satten 10,9 Prozent und 15 Abgeordneten in den Landtag von Baden-Württemberg ein.

Die im Jahr 2011 mit der NPD fusionierte DVU, damals noch unter der Führung von Gerhard Frey, war im Landtag von Brandenburg seit 1999 mit fünf und seit 2004 mit sechs Mandaten vertreten; in der Bürgerschaft von Bremen bis Juli 2007 mit einem Abgeordneten. Die NPD war auf Landesebene zwischen Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre in bis zu sieben Landesparlamenten der Bundesrepublik Deutschland vertreten. Im Jahr 2004 wurde sie mit 9,2 Prozent in den sächsischen Landtag gewählt. Zwischen 2006 und 2016 war die NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern vertreten.

Der 2005 verstorbene ehemalige Vorsitzende der Republikaner, Schönhuber, saß in der Zeit zwischen 1989 und 1994 sogar im Europaparlament. Dort schloss er sich mit den übrigen Abgeordneten seiner Partei der von Jean-Marie Le Pen geführten "Technischen Fraktion der Europäischen Rechten" an, deren Stellvertreter er wurde. Mit anderen Worten: Das "Gespenst der Rechten" gibt es in der deutschen Nachkriegsgeschichte nicht erst seit der AfD.

Auch wenn es einige Unverbesserliche in der AfD partout nicht lassen können, immer mal wieder in die Sprachlatrine des Dritten Reichs zu langen, muss man doch fairerweise festhalten (zumindest Stand heute), dass Parteien wie Die Republikaner, die DVU und NPD noch aus ganz anderem (Eichen-)Holz geschnitzt sind und waren.

Kein Wunder, dass ein hellsichtiger Kopf wie Dieter "Didi" Hallervorden mit seinem "Moosbrecher" vermutlich einen modernen Klassiker geschaffen hat. Das Video, das 2008 auf YouTube hochgeladen wurde, hat mittlerweile über 290.000 Klicks. Und es werden jeden Tag mehr.

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