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Jeder darf glauben, die Erde sei flach: Street-Art-Künstler Vermibus kritisiert Diktat der Werbung

Jeder darf glauben, die Erde sei flach: Street-Art-Künstler Vermibus kritisiert Diktat der Werbung
"Das Vergnügen, nichts verkauft zu bekommen."
Das Volksbegehren "Berlin werbefrei" erhielt doppelt so viele Unterschriften, wie für den ersten Schritt zu einer Gesetzesänderung notwendig wären. Auch der Street-Art Künstler Vermibus kritisiert allgegenwärtige Werbung und einseitige Schönheitsideale.

Jeden von uns erreichen täglich hunderte, wenn nicht tausende Werbebotschaften. Viele davon suggerieren, dass ein gutes Leben käuflich sei, zeigen schöne, meist junge, erfolgreiche Menschen oder buhlen auf andere Art um Aufmerksamkeit, zwecks Verkaufsförderung und Markenimage. Selbst einige, die davon leben, hinterfragen bisweilen die Penetranz von Werbung. So das Magazin Brand Eins, das wirtschaftsbezogene Themen aufgreift und dabei auch auf Anzeigen baut und dennoch dem Thema ein ganzes Heft widmete. Oder auch der berühmte Werbetexter David Ogilvy, der einmal gesagt haben soll:

Der Mensch ist am gemeinsten, wenn er eine Reklametafel aufbaut".

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Berliner für weniger Werbung

Die Bürgerinitiative Berlin werbefrei kritisiert die zunehmende Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes und fordert per Volksentscheid, die Werbung in Berlin auf ein „stadtverträgliches Maß“ zu reduzieren.

Keine Werbung im Straßenbild? Eine Bürgerinitiative will das für Berlin durchsetzen.

Während Werbung für kulturelle, politische, sportliche und ähnliche Veranstaltungen sowie für Gemeinnütziges weiterhin an Litfaßsäulen und Haltestellen geschaltet werden darf, soll Produktwerbung nur noch am Ort der Leistung zulässig sein. Kitas, Schulen, Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen sollen komplett frei von Werbung und Sponsoring bleiben, auch Busse und Bahnen sollen wieder von Werbung befreit werden.

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Im Juli überreichte die Initiative der Senatsinnenverwaltung 42.810 Unterschriften, für ein Volksbegehren sind lediglich 20.000 notwendig. Auch in São Paulo, Chennai, Grenoble, Teheran, Paris und sogar in New York gab es erfolgreiche Bewegungen für ein Verbot oder eine Beschränkung der Außenwerbung. Nach einer Prüfung der Gültigkeit aller Unterschriften befasst sich das Berliner Abgeordnetenhaus mit dem Gesetzesentwurf.

Künstler Vermibus kritisiert das Unmenschliche an Werbung

Der in Berlin lebende, international tätige Street-Art Künstler Vermibus  kritisiert auf seine Weise die Allgegenwärtigkeit von Werbung als Phänomen einer Konsumgesellschaft. 

Als ehemaliger Modefotograf hinterfragt er insbesondere die durch die Werbe- und Modewelt auferlegten Schönheitsideale und das Diktat einer vorherrschenden Ästhetik, bei dem die Models reine Werbeflächen sind. Er nimmt Werbeplakate ab, verändert sie grotesk mit Pinsel und Lösungsmittel und hängt sie dann wieder auf. Das ist seine Herangehensweise an das sogenannte "adbusting", bei dem im Allgemeinen Werbung verfremdet, entnommen oder gar zerschlagen wird.

RT Deutsch sprach mit Vermibus über die Übereinstimmungen zwischen seiner Arbeit und den Zielen der Bewegung "Berlin werbefrei".

Jeder darf glauben, die Erde sei flach: Street-Art-Künstler Vermibus kritisiert Diktat der Werbung
Foto des Projekts "Unveiling Beauty" von Vermibus.

Inwieweit identifizierst du dich mit der Initiative "Berlin werbefrei"? Du arbeitest mit adbusting, einem ganz anderen Ansatz als die politische Kampagne. Stimmen eure Ziele überein oder gibt es Punkte, in denen ihr euch unterscheidet?

Wir haben in der Tat eine unterschiedliche Herangehensweise an dieses Thema, aber wir haben das gleiche Ziel. Die Bürgerinitiative eröffnete eine Front, die abgedeckt werden musste: die rechtliche und politische Seite. Und ich bin sehr froh, dass sie das tut. Mein Ansatz war immer und bleibt der künstlerische und philosophische. Beide Ansätze haben ihre Grenzen. Deshalb ist es das Beste, wenn wir zusammenarbeiten, jeder in seinem Bereich. Sie haben meine volle Unterstützung, und ich weiß, dass ich auch ihre habe.

Du hast als Fotograf in der Modeszene gearbeitet und kritisierst, dass dort sehr enge Schönheits-Maßstäbe angelegt werden. Für all jene, die solche als wünschenswerten Augenschmaus oder einfach nur als eine legitime Möglichkeit des unzensierten Ausdrucks in einer freien Gesellschaften verteidigen: Warum hältst du das für problematisch?

Ich glaube, dass jemand, der so denkt, das Wesen der Thematik nicht begreift und auch mein Verständnis darüber verfehlt. In einer freien Gesellschaft kann man denken, was man will, man darf sogar über abstruse Themen nachdenken und reden, wie etwa, dass die Erde eine Scheibe ist. Denn das ist kein Problem in einer Gesellschaft der freien Meinungsäußerung.

Das Problem beginnt da, wo es um die Macht und um die Ressourcen geht, anderen aus einer Position der Autorität heraus beibringen zu wollen, dass die Erde flach sei. Bei der Werbung und natürlich bei den Schönheitsidealen ist es genau so.

Jeder darf von mir aus glauben, dass es nur ein einziges Schönheitsideal gibt und mag seine individuellen Vorlieben wählen - das ist ja der Punkt. Wenn aber diese Standards von einer selbsternannten Autorität gesetzt werden, welche die Massen mit einer schier unbegrenzten Macht beeinflussen, um eine ganze Gesellschaft davon zu überzeugen, dass es nur genau eine Art von Schönheit gibt und dass alle diesem Standard folgen sollen, dann ist es gefährlich.

Wie siehst du die Befürchtung, dass viele kommerzielle Interessenten, auch kleine Unternehmen, in werbefreien Städten das Nachsehen hätten und Einnahmen verlieren würden?
Das ist ein weiteres Missverständnis. Das Problem ist, dass unsere Gesellschaft nicht wirklich versteht, wie Werbung heutzutage funktioniert. Erstens ist Werbung im öffentlichen Raum nicht für jedermann verfügbar, sondern nur für diejenigen, die über die finanziellen Mittel verfügen, um für solche Flächen zu bezahlen.

Damit versteht sich, dass kleine Läden oder Familienunternehmen von diesem scheinbaren Problem gar nicht betroffen sind. In Wirklichkeit würde es den kleinen Unternehmen und der lokalen Wirtschaft und damit der Gesellschaft sogar zugute kommen, wenn es keine so übermächtigen Konkurrenten gäbe.

Ladenschilder beispielsweise betrachte ich nicht als störende Werbung. Wenn sie nicht in den öffentlichen Raum eindringen oder Geschichte und Architektur einer Stadt beeinflussen, sind sie völlig in Ordnung.

Gibt es nicht unzählige andere Kanäle, über die unser Bewusstsein beeinflusst wird - beispielsweise durch das Internet und Social Media - und müssten diese nicht folglich auch von Werbung befreit werden?
Die Online-Werbung stellt wieder ein anderes, in der Tat sehr ernstes Problem dar. Zum Glück gibt es viele Gruppen, die online versuchen, an einer Veränderung zu arbeiten. Und auch mit ihnen ergänzen wir uns gegenseitig, wir müssen alle Fronten abdecken.

Vielen Dank für das Interview.

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