Litwinenko-Vergiftung: Vater des Ex-Agenten belastet Beresowski-Vertrauten

Litwinenko-Vergiftung: Vater des Ex-Agenten belastet Beresowski-Vertrauten
Walter Litwinenko während einer Fernsehsendung
Walter Litwinenko, Vater des in Großbritannien vergifteten russischen Ex-Agenten Alexander Litwinenko, hat einen Geschäftsmann aus dem Umfeld von Boris Beresowski der Ermordung seines Sohnes beschuldigt. Damit rückt er von seiner früheren Einschätzung ab.

Direkt nach dem Tod seines Sohnes im Jahr 2006 hatte der Vater von Alexander Litwinenko – vor jeglicher Ermittlung - den russischen Präsidenten Wladimir Putin für den Tod seines Sohnes verantwortlich gemacht. Heute bedauert er, die russische Regierung damals vorschnell belastet zu haben. Er habe nicht gewusst, dass sein Sohn vom britischen Geheimdienst angeworben worden wäre. Inzwischen hat er seine eigene Version des Geschehenes.

Diese trug Walter Litwinenko jüngst im Studio des russischen Ersten Kanals vor. Als er das Studio betrat, grüßte und umarmte Litwinenko Andrej Lugowoj, den ehemaligen Geheimdienstler und jetzigen Abgeordneten der Staatsduma. Ausgerechnet Lugowoj hält London für den unmittelbaren Täter, der Lotwinenko in einer Sushi-Bar mit dem radioaktiven Stoff Polonium vergiftet haben soll. 

Der Sarg des ermordeten Alexander Litwinenko bei dessen Beerdigung in London

Vater beschuldigt ehemaligen Weggefährten

Der Vater des vergifteten Spions ist mit dieser Version nicht einverstanden. Er ist überzeugt, dass sein Sohn von Alex Goldfarb vergiftet worden ist, einem Mann aus der "engen Umgebung" des 2013 selbst unter mysteriösen Umständen verstorbenen Milliardärs Boris Beresowski. Im Jahr 2000 habe Goldfarb Litwinenko geholfen, von der Türkei nach Großbritannien zu gelangen. Das habe er durch Goldfarbs Ehefrau erfahren, so Walter Litwinenko weiter. Außerdem habe der tschetschenische Exil-Politiker Achmed Sakajew, der seit 2003 politisches Asyl in Großbritannien genießt, Goldfarb als CIA-Agenten bezeichnet.

Der Biochemiker Alex Goldfarb emigrierte im Jahr 1975 aus der UdSSR in die USA und war lange Zeit als Aktivist im Umfeld des Milliardärs und Philanthropen George Soros und als Publizist tätig. Seit 2000 war er der Vorsitzende der Stiftung für bürgerliche Freiheit, die Boris Beresowski gegründet hat. Ein Motiv, warum Goldfarb die Vergiftung durchführen sollte, nannte Walter Litwinenko nicht. Goldfarb, der, nachdem er Litwinenko nach Großbritannien geschmuggelt hatte, den Job bei Soros verlor, war jedoch einer der wichtigsten Lobbyisten in der Durchsetzung der Theorie, wonach Wladimir Putin persönlich für den Tod von Litwinenko verantwortlich ist.

Er [Alexander Litwinenko – Anm. d. Red.] wurde, glaube ich, mehrmals vergiftet. Sogar im Krankenhaus hat man ihn vergiftet. Jeder konnte in die Klinik gelagen", so Walter Litwinenko.

Zuerst habe man bei seinem Sohn eine Lebensmittelvergiftung diagnostiziert. Später wurde die Diagnose korrigiert – "Vergiftung mit Thallium". Und erst beim dritten Versuch hätten die Ärzte die richtige Diagnose gestellt.

Alexander Litwinenko, Offizier des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, war 2000 nach Großbritannien geflüchtet und sechs Jahre später gestorben. Laut britischen Experten wurde der 44-Jährige, der damals schon im Sold des britischen Geheimdienstes MI6 stand, mit radioaktivem Polonium-210 vergiftet.

Russlands Außenministerium erläutert ausländischen Botschaftern Moskaus Standpunkt zu Skripal-Affäre

Auch der Bruder des vergifteten Ex-Agenten, Maxim Litwinenko, schließt sich der Version seines Vaters an - im Unterschied zur seiner Witwe Marina Litwinenko, die ebenso wie die britische Regierung den russischen Präsidenten persönlich für den Tod ihres Mannes verantwortlich macht. Im Zuge der so genannten Skripal-Affäre ist sie in westlichen Medien wieder ein gefragter Gesprächspartner.

Parteiische und oberflächliche Ermittlungen

Die Ermittlungen zu Litwinenkos Tod wurden unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt und brachten im Januar 2016 im Urteil des Londoner Richters Sir Robert Owen keine prinzipiell neuen Informationen zu den bereits vorhandenen Anschuldigungen gegen Russland. Diese wurden bereits kurz nach seiner Einlieferung im Krankenhaus und damit noch Tage vor seinem Tod laut: Der Ex-Kollege von Litwinenko, Andrej Lugowoi, und Geschäftsmann Dmitri Kowtun seien für Tod Alexander Litwinenkos verantwortlich und sie handelten im Auftrag des Kremls.

Russland kritisierte die Ermittlungen vom Anfang an als intransparent, parteiisch und politisch motiviert, die mutmaßliche Rolle der britischen Geheimdienste sei von den Ermittlern reingewaschen worden.

Dass Russland, Putin und das KGB schuld seien, wurde meines Erachtens schon gesagt, als Litwinenko seine Augen noch nicht geschlossen hatte. Diese Phrasen wurden ohne jegliche Ermittlungen verkündet", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow im Gespräch mit dem russischen TV-Sender Erster Kanal

Daraus folgt, dass trotzdem natürlich alles sehr oberflächlich, alles sehr unprofessionell ist. Reale Absichten, die Wahrheit zu ermitteln, hat es nicht gegeben, und es gibt sie nicht", kritisierte Peskow.

Ein britischer Polizist bewacht das Pub, in dessen Nähe angeblich ein mutmaßlicher Giftanschlag stattgefunden hat.

Außerdem gibt es im Zusammenhang mit den Ermittlungen mehrere weitere Todesfälle, die Fragen aufwerfen. Einer davon ist der Selbstmord von Matthew Puncher. Dieser wurde in seinem Haus tot aufgefunden. Laut Behörden hat sich der 46-Jährige erstochen. Der Mann hatte beim britischen Atomforschungszentrum AERE in Harwell gearbeitet und an den Ermittlungen zu Litwinenkos Tod mitgewirkt. Er sollte unter anderem die Menge des radioaktiven Poloniums in der Leiche des Russen messen.

Schuldgefühle bei Ermittler Puncher

Fünf Monate vor seinem Selbstmord hatte der Experte Russland besucht. Punchers Witwe gab an, ihr Mann habe sich wegen eines Fehlers schuldig gefühlt, der ihm bei einer Untersuchung unterlaufen sein soll. Nach der Russland-Reise sei seine Stimmung "völlig umgeschlagen": "Ihm schien alles egal zu sein."

Für viele, die in der so genannten Skripal-Affäre an die aktuelle Version der britischen Regierung glauben, stellt die angebliche russische Verantwortung für den Mord am Ex-Agenten Alexander Litwinenko ein willkommenes Totschlagargument dar. Es sei in Russland an der Tagesordnung, Ex-Agenten auf britischem Boden mit hoch giftigen Stoffen zu beseitigen, so ist die Logik, wonach nur Russland auch Andrej Skripal und seine Tochter vergiftet haben könnte. Dabei werden die Mängel in den Ermittlungen und die Unterschlagung alternativer Erklärungsansätze zur Vergiftung von Alexander Litwinenko ignoriert.

Trends: # Skripal-Affäre