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Italien: Ein Lockdown, den kein Regierungsexperte jemals forderte

Italien: Ein Lockdown, den kein Regierungsexperte jemals forderte
Das Gran Caffe Chioggia am Markusplatz bereitet sich am18. Mai 2020 auf seine Wiedereröffnung vor, während Italien einige der Sperrmaßnahmen lockert. (Archivbild)
Seit August sind Protokolle des italienischen Corona-Expertengremiums öffentlich. Darin findet sich keine Empfehlung für einen nationalen Lockdown. Die Entscheidung, das ganze Land zu sperren, bleibt unbegründet. Dennoch stehen offenbar neue Lockdowns bevor.

von Daniele Pozzati

Am 9. März führte Italien als erstes westliches Land einen nationalen Lockdown ein. Innerhalb von Wochen folgte der Rest der Welt dem italienischen Beispiel – mit wenigen Ausnahmen wie Schweden, der Schweiz und Weißrussland.

Der Nationalrat in Wien während einer Sondersitzung zur Corona-Krise (15. März 2020)

Hinterfragt man die Angemessenheit von Lockdowns und ähnlichen, in der Corona-Krise getroffenen Maßnahmen, wie beispielsweise dem obligatorischen Tragen von Gesichtsmasken, lautet die Standard-Antwort meist: "Weil die Experten es sagen …"

Nun sind in Italien offizielle Dokumente aufgetaucht, die zeigen, dass die Entscheidung, das ganze Land zu sperren, nicht von den Regierungsexperten ausging.

Am 6. beziehungsweise 28. August wurden die ersten zwei Teile der Protokolle der Sitzungen des Comitato Tecnico-Scientifico ("Technisch-wissenschaftlicher Ausschuss") offiziell veröffentlicht.

Das Comitato fungiert seit Februar als regierungseigenes Corona-Expertengremium. Die Protokolle datieren vom 3. und 7. März. Darüber hinaus gibt es eine Studie vom 12. Februar.

In den 200-seitigen Protokollen heißt es, differenzierte Maßnahmen seien angebracht – jedoch kein nationaler Lockdown. Von strenger Mundschutz-Pflicht ist ebenfalls nicht die Rede. Auch eine Schließung der Schulen wurde nicht gefordert.

Nur die Lombardei schließen

Zwei Karten Italiens zeigt den Unterschied zwischen dem, was die Experten forderten, und dem, was die Regierung entschied.

Italien: Ein Lockdown, den kein Regierungsexperte jemals forderte

Die Schaffung von sogenannten Zone Rosse (Roten Zonen, also Zonen lokalen Lockdowns) sei nur in der Lombardei sowie in den (meist norditalienischen) Provinzen Parma, Piacenza, Reggio Emilia, Rimini, Modena, Pesaro, Urbino, Venezia, Padova, Treviso, Alessandria und Asti notwendig.

Ministerpräsident Giuseppe Conte setzte diese Strategie zwar am 8. März um. Doch am folgenden Tag führte er aber plötzlich – und jetzt unerklärlich – einen nationalen Lockdown ein.

Italien: Ein Lockdown, den kein Regierungsexperte jemals forderte

"Handeln Sie schnell, aber lokal" – so lassen sich dagegen die Forderungen des Expertengremiums an die italienische Regierung zusammenfassen.

Conte handelte stattdessen spät und national.

Denn das Expertengremium wollte bereits am 3. März die Gemeinden Alzano und Nembro schließen, zwei von Corona stark betroffene Orte in der Lombardei.

Und obwohl Conte noch Ende Januar meinte, die Situation sei absolut unter Kontrolle, zeigt eine am 28. August bei der nationalen Tageszeitung La Repubblica  veröffentlichte Studie, dass die Regierung bereits am 12. Februar von der Schwere der Situation wusste. 

Dennoch wurde bis zum 8. März nicht gehandelt.

Salvini: "Conte vor den Internationalen Gerichtshof bringen"

Die Opposition ist empört. Denn monatelang hatte die italienische Regierung versucht, die Freigabe der Protokolle der Sitzungen ihres eigenen Expertengremiums zu verhindern.

"Aus Gründen der öffentlichen Sicherheit", sagte dazu Ministerpräsident Conte Ende Juli.

Die Regierung wurde erst im August durch COPASIR, das parlamentarischen Kontrollgremium für die Geheimdienste, gezwungen, die Protokolle graduell freizugeben.

Giorgia Meloni, die Chefin der EU-skeptischen Fratelli d'Italia, forderte jedoch, dass alle Protokolle dieser Art schnell freigegeben werden sollten.

Die norditalienische Stadt Bergamo im

Der Vorsitzende der Lega und frühere Innenminister Matteo Salvini verlangte sogar, Conte vor den Internationalen Gerichtshof zu bringen.

Gegen Conte und sechs Minister, darunter auch gegen Gesundheitsminister Luigi Speranza, wird auf Initiative von Verwandten der Opfer von Bergamo bereits strafrechtlich ermittelt. Vorgeworfen werden ihnen:

epidemische Straftaten, fahrlässige Verbrechen gegen die Gesundheit, Totschlag, Amtsmissbrauch, Angriff auf die Verfassung, Angriff auf die politischen Rechte der Bürger (Artikel 110, 438, 452 und 589, 323, 283, 294 des Strafgesetzbuches).

Die Entscheidung, ob Conte und seine Minister vor Gericht kommen werden, trifft bis Mitte November das Tribunale di Ministri – das in Italien zuständige Gericht für Straftaten von Regierungsmitgliedern.

Eine fatale, merkwürdige Entscheidung

Unabhängige, andersdenkende Wissenschaftler bezweifelten die Angemessenheit von nationalen Lockdowns von Anfang an. Dementsprechend werden sie in den Mainstream-Medien oft als "Pandemie-Leugner" diffamiert.

Prof. Dr. Giulio Tarro, der 2019 mit dem Preis "Salus Divinae" als "wichtigster Virologe des Jahres" ausgezeichnet wurde und als Kandidat für den Nobelpreis gilt, rät von jeglicher Impflicht ab und behauptet, es gebe einen möglichen Zusammenhang zwischen den Todesfällen in der Lombardei und den massenhaften Grippe-Impfungen, die letzten Winter in der Lombardei durchgeführt wurden.

Prof. Dr. Maria Rita Gismondo, die Direktorin des Labors für Klinische Mikrobiologie, Virologie und Bio-Notfalldiagnostik L. Sacco in Mailand, im Konferenzraum des Palazzo Montecitorio, hält den italienischen Lockdown für eine "fatale, merkwürdige Entscheidung". Gismondo erklärte am 1. August:

Menschen wie ich, die Mikrobiologie und Infektiologie studiert haben, finden in den akademischen Texten für den Fall einer drohenden Epidemie stets die Empfehlung, sich im Freien aufzuhalten und die Risiko-Gruppen zu schützen.

Während des italienischen Lockdowns durften nicht einmal Mütter mit Babys zum Spazieren ausgehen. Sport wurde ebenfalls untersagt. Mit dem Hund Gassi gehen war dagegen erlaubt.

Vom Medien-Terrorismus ...

Seit Mitte August berichten die Medien andauernd über steigende Infektionszahlen in Italien. Ob das stimmt, ist umstritten. Mehrere Falschmeldungen zu diesem Thema wurden bereits aufgedeckt.

Dr. Prof. Matteo Bassetti, der Direktor der Infektiologie am Universitätsklinikum in Genua, betrachtet diese Entwicklung kritisch und behauptet, jemand habe ein Interesse daran, die Aufmerksamkeit auf das Virus zu lenken.

Symbolbild: Polizisten überprüfen die Dokumente zwei junger Frauen, die am Strand von Ostia bei Rom ein Sonnenbad nehmen wollten.

In einem Interview mit Radio Radio am 15. August stellte Dr. Bassetti fest:

Heute hat der Corriere della Sera dem Coronavirus sieben Seiten gewidmet. Sieben! Das sind so viele wie die, die dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua (Polcevera-Viadukt) gewidmet wurden!

Sieben Seiten heutzutage über COVID-19 in Italien zu machen, um über Infektionen unter jungen Menschen zu sprechen, ist ein Verbrechen.

Man müsse zwischen positiv Getesteten und Kranken unterscheiden:

Es wird zu viel auf die Zunahme von Infektionen geachtet. Dabei entsteht eine schwerwiegende Verwirrung zwischen Infizierten und Kranken. Der Kranke, oder die Person, die ernste Symptome zeigt und die zu Hause oder im Krankenhaus behandelt werden muss, sind die eine Seite. Eine andere Sache ist es mit der asymptomatischen, gesunden Person, bei der niemand etwas merken würde, gäbe es nicht den Test.

Bassetti weiter:

Natürlich ist auch bei den Infizierten Vorsicht geboten. Aber wir können nicht jeden Tag sagen: Wir haben 500 neue Patienten. Denn wir geben eine aus medizinischer Sicht falsche Information. Ein Student, der bei der Prüfung in Infektiologie sagt, dass jemand mit einem positiven Test krank ist, der würde damit die Prüfung nicht bestehen.

Auch die Daten über COVID-19-Todesfälle müsse man in den richtigen Kontext bringen:

Täglich sterben in Italien 1.800 Menschen. Davon nur drei oder vier wegen COVID-19.

Auf dem Weg zu neuen Lockdowns?

Die Panikmache der Corona-Schlagzeilen zeigte bereits Wirkung.

Einige Regionen wie Kampanien und Sizilien – in denen sich viele Migranten an nicht die Corona-Regeln halten, auch wenn sie positiv getestet werden oder sogar krank sind – planen neue Lockdowns, womöglich schon für September.

Die Opposition behauptet, es gehe um den Versuch, die für den 20./21. September geplanten und bei der Regierung sehr gefürchteten Regionalwahlen zu vermeiden.

Auch die Wiedereröffnung der Schulen steht mittlerweile auf der Kippe. Und das neue Schuljahr bringt eine strengere Maskenpflicht mit sich, was Kritiker und viele Eltern für Kindesmissbrauch halten.

Für den 5. September organisierten italienische Mütter unter dem Slogan "Retten wir unsere Kinder vor der Gesundheitsdiktatur" eine Demo in Rom.

Eine neue Normalität. Oder doch nicht?

Der nationale Lockdown Italiens erwies sich als eine politische, willkürliche Entscheidung, die wissenschaftlich nie begründet wurde.

Nicht einmal vom regierungseigenen Expertengremium, geschweige denn von unabhängigen, andersdenkenden Wissenschaftlern.

Während des Lockdowns hörte man oft in Italien das, was später auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dem Rest der Welt sagte:

Nichts wird jemals wieder so sein wie zuvor.

Die darauf vielleicht passendste Reaktion aus dem Volk kam fast sechs Monate später. Aus Berlin, direkt von der Demo gegen die Corona-Maßnahmen, die auch in den alternativen Medien Italiens weit verbreitet und hochgelobt wurde:

Wir werden eure neue Normalität nie akzeptieren!

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