Ost-Ghuta: Abzug der Islamisten verläuft schleppend - und sie hinterlassen verbrannte Erde

Ost-Ghuta: Abzug der Islamisten verläuft schleppend - und sie hinterlassen verbrannte Erde
Zivilsten verlassen Ost-Ghuta durch einen humanitären Korridor.
Die Umsetzung der vom russischen Versöhnungszentrum vermittelten Abzugsvereinbarung zwischen Regierung und "Armee des Islam" gerät immer wieder ins Stocken. Auch die Aufarbeitung der von den Extremisten an Zivilisten begangenen Gräueltaten steht erst am Anfang.

von Karin Leukefeld, Damaskus

Die Evakuierung von Kämpfern der "Armee des Islam" (Dschaisch al-Islam) aus der Stadt Duma, östlich von Damaskus, geht nur schleppend voran. Immer noch warten 300 Busse darauf, die Kämpfer und ihre Familien nach Norden zu transportieren. Der Strom von mehr als 155.000 Syrern, die in den letzten Wochen das östliche Ghuta verlassen hatten, ist wieder rückläufig. Nach russischen Angaben sollen etwa 45.000 Menschen bereits in ihre Heimatorte zurückgekehrt sein.

Am Donnerstagnachmittag wurde die Abfahrt der Kämpfer mit ihren Angehörigen zunächst gestoppt. Als Grund nannten syrische Medien "interne Uneinigkeit" in der Führungsriege der "Armee des Islam". Seit Sonntag waren dreimal Busse aus Duma abgefahren, die insgesamt rund 3.500 Personen nach Dscharablus an der Grenze zur Türkei brachten. Etwa 200 Personen, die am Mittwoch Duma verlassen hatten, sind nach wie vor nach Dscharablus unterwegs.

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Die Führung der "Armee des Islam" zeigte sich zerstritten über die erzielte Vereinbarung mit der syrischen Armee und Regierung, die das russische Zentrum für Versöhnung der verfeindeten Seiten in Syrien und ein lokales Versöhnungskomitee in zähen Verhandlungen erreicht hatten. Generaloberst Sergej Ruzkoj hatte das Abkommen am vergangenen Sonntag am Rande einer Sicherheitskonferenz bestätigt. Am Mittwoch erklärte Ruzkoj, dass die humanitäre Operation, also der Abzug der Kämpfer mit ihren Familien aus Duma, in wenigen Tagen abgeschlossen sein solle:

Die Kämpfer verlassen Duma, die letzte Gemeinde, die von illegalen bewaffneten Gruppen kontrolliert worden war.

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Unter Aufsicht des Roten Halbmondes und der syrischen Armee wird die Evakuierung der Zivilbevölkerung organisiert.

Teile der "Armee des Islam" wollen Abkommen nach wie vor nicht akzeptieren

Ruzkoj zufolge haben seit Beginn der humanitären Kampfpausen Anfang März 156.620 Syrer den Osten Ghutas verlassen. Etwa 45.000 Menschen sind demnach bereits wieder in ihre Heimatorte zurückgekehrt. Der Strom der Zivilisten, die nicht den Kampfverbänden zugeordnet werden können, hat bereits wieder eine rückläufige Richtung eingeschlagen. In Harasta, Kafr Batna und Sakba werden Strom- und Wasserversorgung repariert, eine erste Schule wurde wieder geöffnet.

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Lediglich die Evakuierung der letzten Kämpfer aus Duma gestaltet sich schwierig. Am Donnerstag wurden die Busse, die bereits nach Duma hineingefahren waren, um eine vierte Gruppe aufzunehmen, wieder abkommandiert und mussten sich außerhalb von Al-Wafidin, wo der humanitäre Korridor aus Duma endet, in die lange Warteschlange weiterer Busse einreihen.

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Al Wafidin: Gepäck der Flüchtlinge aus Duma.

Ein Grund für die Verzögerung könnte die intensive Medienpräsenz sein. Nach Angaben eines Sprechers der "Armee des Islam" soll das Abkommen zwischen Russland und der bewaffneten Gruppe eine Berichterstattung über den Abzug der Kämpfer ausdrücklich ausschließen. Gleichwohl waren Korrespondenten vieler Medien präsent, als die ersten Busse aus Duma abfuhren.

Die Unterzeichnung des Abkommens, zu dem vermutlich auch Saudi-Arabien die Kämpfer gedrängt hatte, ist innerhalb der Führungsriege der "Armee des Islam" umstritten. Zwei hochrangige Führungsmitglieder waren am Montag ermordet worden. Umstritten war bereits bei vorherigen Evakuierungen anderer Kampfgruppen die Mitnahme großer Gold- und Geldmengen ("Ersparnisse"), die von den Kämpfern gehortet worden waren.

Rund 5.000 Zivilisten sollen sich noch in Geiselhaft befinden

Nur wenige Details wurden bisher über die Vereinbarungen bekannt. Neben dem Abzug der Kämpfer mit jeweils einer persönlichen Waffe sollen ein Gefangenenaustausch sowie die Offenlegung der in Duma angebrachten Minen gegenüber der russischen und syrischen Armee abgesprochen worden sein. Rund 5.000 Zivilisten, staatliche Angestellte, Soldaten und Offiziere sollen sich noch in den Händen der "Armee des Islam" befinden. Im Gegenzug zu ihrer Freilassung soll auch die syrische Regierung Gefangene frei lassen. Auch Tote von beiden Seiten werden offenbar übergeben. Am vergangenen Mittwoch wurden auch fünf Geiseln freigelassen, die die "Armee des Islam" seit Dezember 2013 in Duma festgehalten hatte.

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Herjallah: Weil nicht alle Evakuierten eine Unterkunft finden, wurden Zelte aufgebaut.

Nach Angaben von Personen, die über Einzelheiten der Verhandlungen informiert sind, haben tausende Männer aus dem östlichen Teil von Ghuta eine Amnestie-Vereinbarung mit der syrischen Regierung unterzeichnet und ihre Waffen niedergelegt. Männer unter 40 Jahren sollen demnach innerhalb der nächsten sechs Monate zum Militärdienst eingezogen werden. Ältere Männer können bei ihren Familien bleiben.

Vorgesehen ist auch, dass Zivilisten, die das möchten, in Duma bleiben können. Ein Lokalrat - der in der syrischen Verfassung vorgesehen ist und von der syrischen Regierung anerkannt werden muss - soll Duma zusammen mit der übergeordneten Provinzverwaltung in Damaskus leiten.

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In monatelangen Verhandlungen hat das russische Zentrum für Versöhnung der verfeindeten Seiten in Syrien mithilfe örtlicher Versöhnungskomitees und dem Ministerium für nationale Versöhnung ein Abkommen zwischen der syrischen Regierung bzw. Armee und verschiedenen Kampfgruppen über deren Abzug aus den Orten in Ost-Ghuta ausgehandelt.

Dschaisch al-Islam bei Islamisten in Idlib nicht willkommen

Kämpfer von Faylaq al-Rahman, Hay'at Tahrir al-Scham (Nusra-Front), Ahrar as-Scham und Nour al Din al-Zenki waren bereits Mitte März auf Weisung ihrer Sponsoren in Katar, in der Türkei und westlichen Staaten mit ihren Familienangehörigen in die nordwestliche syrische Provinz Idlib abgezogen. Weil es zwischen den genannten Gruppen und der "Armee des Islam" einen Machtkampf gibt, ist die "Armee des Islam" jedoch in Idlib nicht willkommen.

Wo die Kämpfer dieser Gruppierung mit ihren Familien schließlich bleiben werden, ist unklar. Eine Gruppe wurde am Dienstag nach Al-Bab gebracht, etwa 40 Kilometer westlich von Manbidsch in der Provinz Aleppo. Al-Bab wird seit Sommer 2016 von türkischen Truppen und deren verbündeten Kampfverbänden kontrolliert. In Manbidsch befinden sich die "Syrischen Demokratischen Kräfte" (SDF) unter Führung der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG, YPJ), die von der Türkei als "Terroristen" verfolgt werden. Die SDF werden von der US-geführten Anti-IS-Allianz unterstützt. Die US-Armee unterhält unweit von Manbidsch eine Militärbasis, auf der auch andere NATO-Staaten Sondereinsatzkräfte stationiert haben sollen. 

Systematische Übergriffe gegen Frauen

Bouthaina Schaaban, Beraterin des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, wies am Mittwoch im syrischen Fernsehen auf die schweren sozialen Probleme der Bewohner in der Region Ghuta hin. Frauen seien von den Kämpfern gedemütigt und entwürdigt worden und es gäbe Dutzende Kinder, deren Identität und Eltern unbekannt seien. "Spezialistenteams arbeiten rund um die Uhr, um diesen Menschen dabei zu helfen, ihre schrecklichen Erinnerungen und Erfahrungen zu überwinden", so Schaaban.

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