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Komplexer Stellvertreterkrieg in Libyen: Ankara sinnt auf Vergeltung nach Luftangriff

Komplexer Stellvertreterkrieg in Libyen: Ankara sinnt auf Vergeltung nach Luftangriff
Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar zu Besuch in Tripolis bei Ministerpräsident Fayiz as-Sarradsch am 3. Juli.
Nicht die beiden wichtigsten libyschen Konfliktparteien, sondern ihre ausländischen Unterstützer bestimmen das Geschehen in Libyen und Berichte darüber. Der Angriff auf eine erst neu installierte Luftabwehrstellung der Türkei könnte die Gewaltspirale weiter eskalieren lassen.

Die wichtigsten ausländischen Akteure in Libyen sind die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), gefolgt von Russland, Ägypten und Jordanien. Während Ankara auf der Seite der Einheitsregierung (GNA) von Ministerpräsident Fayiz as-Sarradsch steht, unterstützen die anderen Länder Sarradschs Rivalen, den ehemaligen CIA-Günstling Chalifa Haftar. 

Der libysche Ministerpräsident Fayiz as-Sarradsch zu Besuch beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Ankara (Bild vom 4. Juni).

Seit die Türkei Anfang des Jahres robuster in das Kriegsgeschehen in dem nordafrikanischen Land eingriff, wurde die unter Haftars Kontrolle stehende Libysche Nationalarmee (LNA) an vielen Frontabschnitten im Westen des Landes zurückgedrängt. Insbesondere die türkischen Drohnenangriffe brachten den LNA-Kämpfern schwere Verluste bei, während die Kämpfer der GNA-Armee durch tausende Dschihadisten aus Syrien verstärkt wurden.  

Mitte Mai gelang ihnen schließlich ein strategisch wichtiger Sieg gegen Haftar, nachdem sie den Luftwaffenstützpunkt Al-Watiya unweit der Grenze zu Tunesien unter ihre Kontrolle gebracht haben, von wo aus die Luftangriffe auf die libysche Hauptstadt Tripolis durchgeführt wurden. Mit dem Verlust dieses Stützpunktes wurden die LNA-Kämpfer weiter zurückgedrängt und der Würgegriff um die Hauptstadt konnte gelockert werden.

Um Al-Watiya vor Luftangriffen zu schützen, verlegte die Türkei erst vergangene Woche mindestens zwei MIM-23 Hawk-Flugabwehrsysteme auf den Stützpunkt. Dieses zwar schon veraltete System bietet aber immerhin nach wie vor wirksamen Schutz gegen Flugziele in tiefer bis mittlerer Flughöhe, ideal also zum Schutz vor Kampfdrohnen oder niedrig fliegenden Jagdbombern.

Ob das Flugabwehrsystem zum Zeitpunkt des Luftangriffs in der Nacht von Samstag auf Sonntag bereits aktiv war oder nicht, ist nicht bekannt. Der Angriff folgte nur wenige Stunden nach dem Besuch des türkischen Verteidigungsministers Hulusi Akar in Tripolis und Misrata, wo er sich in einer Weise äußerte, die in Bengasi antitürkische Proteste auslösten. Auf einer Pressekonferenz sagte er, dass die Türkei "bis zum Schluss" in Libyen bleiben werde:

Und wir sind hier, um das zu machen, was unseren Vorvätern ziemt, was das Völkerrecht und die Gerechtigkeit verlangen und werden bis zum Schluss hier sein.

Bei dem Angriff soll es nach libyschen Medienberichten zu mindestens sechs türkischen Todesopfern gekommen sein, was allerdings von der Regierung in Ankara nicht bestätigt wurde.

Obwohl der Angriff Haftars LNA zugeordnet wird, mehren sich die Spekulationen darüber, dass möglicherweise die Vereinigten Arabischen Emirate diesen Luftschlag durchgeführt haben. Türkische Regierungsangehörige sagten dem Journalisten Ragip Soylu, dass sie davon ausgehen, dass Dassault Mirage 2000-Kampfflugzeuge aus französischer Produktion den Angriff durchgeführt haben. Und in der Region gibt es nur zwei Länder, die solche Kampfjets verfügen: Frankreich (im Tschad) und die VAE (in Ägypten).

Ein Berater der Al-Maktum-Herrscherdynastie in Dubai, Abdulkhaleq Abdulla, veröffentlichte am 5. Juli einen mittlerweile gelöschten Tweet, in welchem er insinuiert, dass die VAE diesen Angriff durchgeführt haben sollen:

Im Namen aller Araber haben die VAE den Türken eine Lektion erteilt.

Auch libysche Aktivisten, die der Einheitsregierung in Tripolis nahestehen, gehen davon aus, dass die Vereinigten Arabischen Emirate diesen Angriff durchgeführt haben. 

Da sich der Angriff direkt gegen eine offizielle Position der türkischen Streitkräfte richtete und im Rahmen einer offensichtlich komplexen Operation mit verschiedenen Bombentypen durchgeführt wurde, könnte sich Ankara wie nach dem Vorfall vom 27. Februar in Syrien herausgefordert fühlen. Tatsächlich warnte der namentlich nicht genannte türkische Beamte im Gespräch mit Soylu, dass sich die Türkei rächen werde:

Das einzige was ich sagen kann, ist das: Wer auch immer das getan hat, hat einen großen Fehler gemacht. Es wird Vergeltung geben.

Am Sonntag veröffentlichte das Kommunikationsbüro von Präsident Recep Tayyip Erdoğan einen "Situationsplan", wonach  die Stadt Sirte und der Luftwaffenstützpunkt im Munizip al-Dschufra (ein Verwaltungsgebiet Libyens) als nächstes Ziele der Offensive der Einheitsregierung von As-Sarradsch sind. Al-Dschufra müsse erobert werden, weil von dem Stützpunkt aus die Öllieferungen kontrolliert werden können und weil hierhin die Söldner des russischen Söldnerunternehmens Wagner und russische Kampfflugzeuge verlegt worden seien, heißt es dazu weiter. Erst im Juni erklärte aber Ägypten, dass diese beiden Ziele die "roten Linien" für diesen Nachbarn Libyens darstellen würden, deren Übertretung eine militärische Intervention nach sich ziehen würde.

Einen Tag später erhöhte das türkische Verteidigungsministerium mit einer subtilen Warnung den Druck:

Unsere Tankflugzeuge, die innerhalb unserer Luftwaffe eingesetzt werden, erhöhen unsere Schlagkraft durch die Betankung in der Luft, so dass unsere Kampfflugzeuge Missionen über weite Entfernungen ausführen können.

Mehr zum Thema - Sirte als neues Bengasi: Ägypten legt NATO-Propaganda zu Libyen von 2011 neu auf

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