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Folgen der Russland-Obsession – Polens Regierung stürzt sich in widerlichen Holocaust-Revisionismus

Folgen der Russland-Obsession – Polens Regierung stürzt sich in widerlichen Holocaust-Revisionismus
Auschwitz-Birkenau, Symbolbild.
Mit den Anschuldigungen des polnischen Premier, die Rote Armee habe die Befreiung von Auschwitz absichtlich verzögert, ist ein neuer Niveau-Tiefpunkt erreicht. Parallelen zu den 1930er-Jahren tun sich auf, als Winston Churchill von Polen als "Hyäne Europas" sprach.

von Nebojsa Malic

Der polnisch-russische Streit über den Zweiten Weltkrieg hat eine hässliche Wendung genommen: Der polnische Präsident Andrzej Duda weigerte sich, an einer Holocaust-Gedenkveranstaltung in Israel teilzunehmen, und sein Premier beschuldigte die Sowjetunion, die Befreiung von Auschwitz verzögert zu haben.

Der Präsident hat die Einladung zum Welt-Holocaust-Forum in Yad Vashem am Donnerstag abgelehnt, aus Protest dagegen, dass Russlands Präsident Wladimir Putin eingeladen wurde, bei der Veranstaltung zu sprechen – und er nicht. Stattdessen wird Duda am Montag die Gedenkfeier in Auschwitz leiten – zu der wiederum seine Regierung Putin bewusst nicht eingeladen hat.

Der Internationale Holocaust-Gedenktag wird am 27. Januar begangen, weil an diesem Tag im Jahre 1945 die Truppen der Roten Armee das berüchtigte Nazi-Todeslager im heutigen Oświęcim befreiten. Doch die gegenwärtige polnische Regierung weigerte sich, der Sowjetunion irgendeine Anerkennung für die Befreiung von Auschwitz – oder übrigens auch Polens selbst – zu zollen und bestand stattdessen darauf, dass Polen nichts als ein unschuldiges Opfer der Nazis und der Sowjets gleichermaßen sei.

Dudas Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS; deutsch: Recht und Gerechtigkeit) setzte durch Lobbyarbeit sogar beim EU-Parlament durch, dies in einer Erklärung als historische Tatsache darzustellen – zum Zorn Russlands, wo dies als Bespucken der Gräber von fast 27 Millionen Sowjetbürgern, die im Krieg gegen das Hitlerregime starben, und von etwa 600.000 Soldaten gewertet wird, die insbesondere für die Befreiung Polens ihr Leben ließen.

Warschau ging so weit, den 75. Jahrestag seiner Befreiung von den Nazis völlig zu ignorieren und diesen Tag stattdessen als  Beginn der "Besatzung" durch die UdSSR zu bezeichnen. Der neue rekordverdächtige Niveau-Tiefpunkt war jedoch sicherlich der in dieser Woche von Politico veröffentlichte Meinungsartikel anzusehen, in dem der polnische Premier Mateusz Morawiecki behauptet, die Sowjets hätten ihren Vormarsch im Sommer 1944 bewusst gestoppt, anstatt die Befreiung Warschaus oder Auschwitz' voranzutreiben.

Die Sprecherin des russischen Außenministeriums Marija Sacharowa bezeichnete Morawieckis Hetzrede als "wahrhaftigen Selbstmord" – der polnische Premierminister habe "auf diesen vier Seiten seine eigene Menschlichkeit ermordet".

Der russische Präsident Wladimir Putin hält am 23. Januar 2020 im Jerusalemer Saker-Park eine Rede bei der Einweihung des Denkmals für die Opfer der Leningrader Blockade und die Verteidiger der Stadt.

Als Historiker muss man die Lage so einschätzen, dass die überbordende Feindseligkeit des modernen offiziellen Polen gegenüber Russland über die Klagen hinausgeht, die in der jahrhundertelangen gemeinsamen – und oft umstritten gedeuteten – Geschichte entstanden sind. Da Polens andere historische Nachbarn und Rivalen – wie Deutschland und Österreich – jetzt neben Warschau in einer großen, sich nach außen hin glücklich gebenden EU-Familie leben, musste eben Russland als das Andere herhalten, an dem polnische Nationalisten all ihren Frust ablassen können.

Die Frustration des Kalten Krieges allein erklärt dies auch nicht vollständig. Während Polen vielleicht versucht, die damalige sowjetische Patronage überzukompensieren, machte das nahe gelegene Ungarn in den Jahren zwischen 1945 und 1989 noch turbulentere Erfahrungen – doch in Budapest scheint keine Russophobie zu herrschen.

Dabei ist Viktor Orbán nicht weniger nationalistisch und auch nicht weniger konservativ als Morawiecki – doch er denkt eben auch pragmatisch und nutzt die Beziehungen zu Moskau, um die EU aus den Geschäften Ungarns herauszuhalten. Polen hat die gleichen Probleme mit den Brüsseler Töpfchenguckern, doch statt es Ungarn gleichzutun, ist man dort stattdessen eifrig auf das Trittbrett des Washingtoner Russophobie-Zugs aufgesprungen.

Dieser Ansatz der PiS scheint eine Parallele zu den Versuchen Warschaus in den späten 1930er-Jahren darzustellen, in London und Paris Verbündete zu suchen – in einer Zeit, als sich seine Beziehungen sowohl zu Deutschland als auch zur UdSSR verschlechterten. Die Zweite Polnische Republik wurde im Westen als eine revisionistische Macht angesehen, unbeliebt und verdächtig, darauf aus, Nachbarn wie der Tschechoslowakei in den Rücken zu fallen – wie es im Jahr 1938 nach dem Münchner Abkommen auch geschah –, und die zuvor, im Jahr 1934, als erster Staat Europas einen Pakt mit Hitler schloss. Duda schrie seinen Protest laut in die Welt hinaus, als Putin den polnischen Botschafter in Berlin in den 1930er-Jahren Józef Lipski als Schwein und antisemitischen Abschaum bezeichnete – doch die historischen Aufzeichnungen geben Russlands Präsident Recht.

Die Ähnlichkeiten hören hier nicht auf. Die von Marschall Józef Piłsudski gegründete Junta träumte von einem "Intermarium"-Megastaat zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer, der von Polen angeführt werden und als Puffer dienen sollte – zwischen Westeuropa und der UdSSR, die man zerschlagen wollte. Die Idee wurde in der Neuzeit als "Drei-Meere-Initiative" wiederbelebt, diesmal mit Unterstützung der NATO.

Diese Politik endete damals im Misserfolg, und es gibt keinen Grund zu glauben, dass sie heute besser funktionieren wird. Dennoch sind Duda und Morawiecki so sehr darum bemüht, diese besondere Periode der polnischen Geschichte zu wiederholen, dass sie die UdSSR als Komplizen beim Holocaust verschreien. Das ist einfach abscheulich.

Es ist auch kleinlich, töricht und letztlich selbstzerstörerisch, da es nicht nur die Erinnerung an die sowjetischen Soldaten entehrt, die ihr Leben für den Sieg über Hitler gaben, sondern auch die Erinnerung an die vielen Polen, die an ihrer Seite kämpften und ihr Leben ließen.

Übersetzt aus dem Englischen

Nebojsa Malic ist ein serbisch-US-amerikanischer Journalist, Blogger und Übersetzer, der von 2000 bis 2015 eine regelmäßige Kolumne für Antiwar.com schrieb und jetzt als leitender Autor bei RT tätig ist.

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