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Hat Putin Polen beleidigt? ARD verbreitet Fake News zum Holocaust-Gedenktag in Jerusalem

Hat Putin Polen beleidigt? ARD verbreitet Fake News zum Holocaust-Gedenktag in Jerusalem
Der russische Präsident Wladimir Putin hält am 23. Januar 2020 im Jerusalemer Saker-Park eine Rede bei der Einweihung des Denkmals für die Opfer der Leningrader Blockade und die Verteidiger der Stadt.
Der deutsche Mainstream-Journalismus hat sich im russisch-polnischen Geschichtsstreit auf die Seite Polens gestellt. Anlass für eine groteske Verzerrung war eine Gedenkveranstaltung in Jerusalem – da wurden Wladimir Putin Worte in den Mund gelegt, die er nie gesagt hat.

von Wladislaw Sankin

Die neuen Kriegsgräber werden nicht mehr in der Erde ausgehoben. Sie verlaufen nun entlang der Erinnerungen. Einer dieser Gräben ist die Frage: Wer hat Europa und die Welt vom Nazismus befreit? Nachdem das offizielle Warschau die Rote Armee als Besatzer gebrandmarkt hatte und ihr gewidmete Denkmäler abreißen ließ, eskalierte der Krieg der Worte.

Wladimir Putin erklärte die russische Erinnerungsoffensive zur Chefsache und stieg mit den Originalquellen in der Hand in die Debatte ein. Im Eifer des Gefechts nannte er bei einem der öffentlichen Auftritte den polnischen Botschafter der Jahre 1934–1939 in Berlin, Józef Lipski, ein "antisemitisches Schwein".

Ex-Außenminister Radoslaw Sikorski:

Der polnische Präsident Andrzej Duda weigerte sich daraufhin, am World Holocaust Forum am 23. Januar in der Gedenkstätte Yad Vashem anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz teilzunehmen. Man wolle eventuelle weitere verbale Attacken des russischen Präsidenten nicht unbeantwortet lassen, wozu Duda im Zuschauersessel kaum eine Möglichkeit hätte, vermuteten die polnischen Medien.

An besagtem Tag trat Putin viermal ans Mikrofon – zweimal kurz zur Begrüßung seiner beiden Gastgeber, des israelischen Präsidenten Reuven Rivlin und des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, vor einem bilateralen Gespräch. Bei den beiden Protokollauftritten in freundschaftlicher Atmosphäre gab es keinen Raum für politische Botschaften an einzelne Staaten, und es geschah auch nichts.

Beim dritten Mal sprach Putin acht Minuten lang. Es war eine Rede zur Einweihung eines Denkmals zu Ehren der Opfer und Verteidiger der Leningrader Blockade während des Zweiten Weltkrieges. Es war eine rührende, gut organisierte und moderierte Veranstaltung mit Auftritten der Gastgeber und Putins sowie musikalischer Begleitung. Russen und Israelis zeigten gegenseitiges Verständnis und Respekt. 

Seinen letzten Auftritt absolvierte das russische Staatoberhaupt bei der Gedenkveranstaltung des World Holocaust Forum in der Gedenkstätte Yad Vashem – unter anderem mit Benjamin Netanjahu, Emmanual Macron, dem US-Vizepräsidenten Mike Pence und Prinz Charles. 

Bei allen Reden und Auftritten kam er kein einziges Mal auf Polen zu sprechen, weder auf den polnischen Staat vor dem Krieg noch auf die jetzige polnische Führung, die in Russland für ihre Haltung zur Rolle der Sowjetunion während des Zweiten Weltkrieges stark kritisiert wird. Einmal erwähnte er die Polen als Volk – als Opfer der nazistischen Verbrechen – und nannte sie in einem Atemzug mit Russen, Ukrainern und anderen, die von den Nazis zu Untermenschen erklärt wurden:

Die Nazis haben dieses Schicksal auch anderen Völker bereitet, sie sind auch als Untermenschen abgestempelt worden – Russen, Ukrainer, Polen und Vertreter vieler anderer Nationalitäten. Ihr Land sollte zum Lebensraum der Nazis werden, damit sie dort üppig leben können. Ihr Schicksal war es, entweder vernichtet oder versklavt zu werden", sagte der russische Präsident in Yad Vashem.

Hat Putin Polen beleidigt? ARD verbreitet Fake News zum Holocaust-Gedenktag in Jerusalem

Trotzdem war die Voreingenommenheit einer Journalistin des Hessischen Rundfunks, Sabine Müller, deren Kommentar die ARD am 23. Januar ausstrahlte, offenbar so groß, dass sie bei Putin "verbale Attacken" gegen Polen herbeifantasieren musste. Im Gegenzug dazu lobte sie den Redebeitrag des deutschen Staatspräsidenten Frank-Walter Steinmeier als "würdig" – anders als das Verhalten des Gastgebers und Russlands: 

Unwürdig war dagegen, wie Israel und Russland diesen Gedenktag teilweise kaperten. Wie sie vor der offiziellen Veranstaltung sozusagen ihre eigene politische und erinnerungspolitische Privatparty feierten – mit neuen Verbalattacken gegen Polen und demonstrativ überlangen bilateralen Gesprächen zwischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Präsident Wladimir Putin.

Natürlich hat Putin in seinen Reden polemisiert. Er nutzte die Gelegenheit, um bei der prominent besetzten Veranstaltung noch einmal auf die Probleme des Geschichtsrevisionismus aus russischer Sicht aufmerksam zu machen. Er wies darauf hin, dass den Nazis bei der Judenvernichtung in den besetzten Gebieten der Sowjetunion zahlreiche Handlanger zur Seite standen, deren Grausamkeit oft sogar noch schlimmer gewesen sei, und prangerte das heutige "Weißwaschen dieser Mörder und Verbrechen" an.

Offizielles Polen und das Gedenken an die Auschwitz-Befreiung als Opfer der politischen Konjunktur
(Archivbild, Warschau, 19. April 2018: Polens Präsident Andrzej Duda bei der Trauerveranstaltung zum 75. Jahrestag des Warschauer Ghetto-Aufstandes)

Diese Frage dürfe keiner politischen Konjunktur unterliegen. Die Namen der gefallenen wie der überlebenden Helden dürften hingegen nicht vergessen werden, so Putin. Außerdem sprach er – im Gegensatz zu den anderen Rednern – nicht nur von Antisemitismus als Problem, sondern auch von Russophobie, Rassismus, Chauvinismus und Völkerhass.

Als Putin von politischer Konjunktur und Geschichtsvergessenheit sprach, ist es gut möglich, dass er auch das offizielle Warschau gemeint hat. Denn das Polnische Institut für Nationales Gedenken agiert auf diesem Gebiet europaweit richtungsweisend. Mittlerweile werden die Befreier – trotz des enormen Blutzolls der Roten Armee und des materiellen Beitrags des sowjetischen Staates zum Überleben des polnischen Volkes – im polnischen Geschichtsnarrativ den Nazis gleichgestellt.

Aktuelles Beispiel: Warschau ließ die Befreiung der Stadt durch die Verbände der Roten Armee und des mit ihr verbündeten Polnischen Heeres am 17. Januar nicht feiern, denn nach der aktuellsten Einschätzung des Premiers Mateusz Morawiecki handelte es sich gar nicht um eine Befreiung, sondern um den Beginn einer neuen Okkupation.

Mehr zum Thema - "Würdiges" und "unwürdiges" Gedenken, oder: Mit der ARD am deutschen Wesen genesen

Bei allen juristischen Initiativen des EU-Parlaments zur Gleichstellung Hitlerdeutschlands und der Sowjetunion sind ausgerechnet die polnischen und litauischen Abgeordneten die eigentliche Triebfeder. Dennoch hat der russische Präsident weder den polnischen Staat noch irgendeinen anderen Staat in seinen öffentlichen Auftritten bei den Gedenkveranstaltungen in Jerusalem an irgendeiner Stelle explizit erwähnt.

Die Dämonisierung der Sowjetunion und die damit einhergehende Geschichtsumschreibung tragen schon längst Früchte im öffentlichen Bewusstsein. Bereits vor zehn Jahren waren die polnischen Schüler mehrheitlich der Meinung, dass die US-Amerikaner das Todeslager Ausschwitz und die Stadt Krakau befreiten. Der Umstand, dass es die Soldaten der Roten Armee gewesen sind, wird im Westen mittlerweile im besten Fall einfach verschwiegen.

Das Konzentrationslager Auschwitz nach der Befreiung durch die Rote Armee am 27. Januar 1945

Exemplarisch dafür war der Redebeitrag des US-Vizepräsidenten Mike Pence, der sagte, Ausschwitz sei von "Soldaten" befreit worden, ohne zu erwähnen, in welcher Armee diese Soldaten dienten. Demgegenüber war der französische Präsident Emmanuel Macron genauer:

Vor 75 Jahren, am 27. Januar, waren es die tapferen Soldaten der Roten Armee, die das KZ Auschwitz-Birkenau im von Nazideutschland besetzten Polen betraten.

Hat diese Erwähnung etwas mit der politischen Agenda Frankreichs zu tun, der zufolge Russland wieder ein strategischer Partner sein soll? Gut möglich. Denn frei von Tagespolitik waren die Auftritte an diesem Tage nicht, auch wenn sie in die Form des Kampfes gegen den Antisemitismus gehüllt waren. So prangerten der israelische Ministerpräsident Netanjahu und US-Vizepräsident Pence das "iranische Regime" als moderne antisemitische Bedrohung an. 

Wir müssen auch gegen den führenden staatlichen Lieferanten von Antisemitismus stark sein – gegen die eine Regierung in der Welt, die den Holocaust als eine Angelegenheit der Staatspolitik leugnet und damit droht, Israel von der Landkarte zu tilgen. (...) Die Welt muss gegen die Islamische Republik Iran stark sein", sagte Pence. 

Diese Worte waren jedoch für Sabine Müller kein Anlass, den US-Vizepräsidenten für den Missbrauch einer Gedenkveranstaltung für seine Auseinandersetzung mit dem Iran zu kritisieren. Die zu Tränen rührende russisch-israelische Veranstaltung zu Ehren der Opfer der Leningrader Blockade war es, die ihr im Halse stecken blieb und die sie entwürdigend als "gnadenlos überzogene erinnerungspolitische Privatparty" verunglimpfte. 

Rekonstruktion der historischen Salutschüsse vor 75 Jahren anlässlich der Befreiung der Stadt am 27. Januar 2019

Diese verbalen Schläge erinnern an eine Reihe von Artikeln in der deutschen Presse, die exakt vor einem Jahr, zum 75. Jahrestag der vollständigen Befreiung Leningrads von der Blockade, erschienen waren. Auf diese musste RT Deutsch mit einer redaktionellen Gegendarstellung reagieren. 

In einem Land, in dem Kritik an der israelischen Politik gleich für versteckte antisemitische Propaganda gehalten wird (s. dazu auch die Steinmeier-Rede in Yad Vashem), ist die Kritik der ARD-Autorin besonders merkwürdig. Es steht ihr offenbar frei, Israel für das "unwürdige" Gedenken zu kritisieren, wenn Israel ausgerechnet mit Russland ein harmonisches Miteinander beim geschichtlichen Gedenken an den Tag legt. 

Hinweis: Sollte die ARD auf unsere Anfrage hin doch Belege für "Verbalattacken gegen Polen" bei den öffentlichen Auftritten Wladimir Putins am 23. Januar in Jerusalem finden, werden wir diese Gegendarstellung unverzüglich publik machen. 

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln. 

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