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Ein Heiligenschein für die Kanzlerin – Die ZDF-Doku "Angela Merkel und die Flüchtlinge"

Ein Heiligenschein für die Kanzlerin – Die ZDF-Doku "Angela Merkel und die Flüchtlinge"
Bodenständig und unstylish: Kanzlerkaffee in der Tasse mit Strohblumenmuster aus Kahla. Ausschnitt aus der ZDF-Doku
Das ZDF versucht sich an einer Doku über die entscheidenden Tage der Flüchtlingskrise im Herbst 2015. Mit reichlich Pathos und Fiktion wird die Kanzlerin dabei glorifiziert. Immerhin liefert der Film auch Hinweise darauf, wie sich die Ereignisse tatsächlich zutrugen.

von Andreas Richter

Angela Merkel gießt sich in ihrer Küche eine Tasse Kaffee ein, trinkt ihn im Stehen und wäscht dann eigenhändig die Tasse ab. Anschließend verlässt sie das Haus, um sich zu ihrem Arbeitsplatz im Bundeskanzleramt chauffieren zu lassen.

So beginnt das ZDF-Dokudrama "Stunden der Entscheidung: Angela Merkel und die Flüchtlinge". Der 90-minütige Film stellt mit einer Mischung von Dokumentaraufnahmen und Spielszenen die Ereignisse des 4. und 5. September 2015 nach, als die Bundeskanzlerin entschied, mehrere Tausend Flüchtlinge ins Land zu lassen, die sich von Budapest aus zu Fuß auf den Weg in Richtung Deutschland gemacht hatten.

Die Doku folgt der Kanzlerin bei ihren Terminen in Berlin, Bayern und Nordrhein-Westfalen. In den Spielszenen treten neben ihr unter anderem ihre Büroleiterin Beate Baumann, der damalige Kanzleramtschef Peter Altmaier und der seinerzeitige österreichische Kanzler Werner Faymann auf. Den dramaturgischen Gegenpol bilden zwei junge syrische Flüchtlinge, die den Fußmarsch in Budapest initiieren.

Die Art des Aufbaus des Films bringt es mit sich, dass Fakten mit Fiktion vermischt werden. Zwar haben die Macher des Films mit Zeitzeugen gesprochen (Merkel selbst stand nicht zur Verfügung); einige kommentieren die Geschehnisse in der Doku auch direkt, unter ihnen zwei syrische Flüchtlinge, der damalige CDU-Generalsekretär, der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel, der damalige Innenminister Thomas de Maizière, der Journalist Martin Kaul, der Thinktank-Chef Gerald Knaus und der frühere BND-Chef Gerhard Schindler. Unter diesen Zeitzeugen ist Schindler, soviel vorweg, die einzige Merkel-kritische Stimme.

Die Sympathien der Macher des Films liegen ganz klar auf Seiten der Kanzlerin. Diese wird schon in der Anfangsszene als bodenständig dargestellt – sie wäscht ihre reichlich uncoole DDR-Tasse mit Strohblumenmuster selbst ab, später sieht man sie hungrig in eine Leberkäsesemmel beißen – später erfährt man dazu, wie vernünftig, ausdauernd und moralisch prinzipientreu diese Frau zumindest in der Darstellung des Films ist. 

Ihr Gegenspieler ist der Ungar Viktor Orbán, der im Film als skrupelloser Schurke dargestellt wird. Der dramaturgische Gegenpol zu dem Geschehen sind die beiden syrischen Flüchtlinge, die, natürlich, um Sympathien unter den Zuschauern zu generieren, im Film nicht nur lupenreines Deutsch sprechen und auch deutlich gepflegter aussehen, als die echten Flüchtlinge in den Dokumentaraufnahmen.

Wie die Dialoge zwischen Merkel und den anderen Protagonisten damals in Wirklichkeit  abliefen, ist naturgemäß nicht bekannt. Dass sie aber dermaßen platt abliefen wie in den Spielszenen des Films, ist nicht zu erwarten. Überhaupt werden die tatsächlichen Motive für Merkels Handlungen völlig im Dunkeln gelassen – der humanitäre Aspekt wird gewissermaßen vorausgesetzt und zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt. Dass Politik auf dieser Ebene so nicht funktioniert, dass es vielmehr um das politische Kapital geht, das sich auf verschiedenen Ebenen und Feldern aus einer Entscheidung schlagen lässt, diese Erkenntnis scheint im Deutschland unserer Zeit verloren gegangen zu sein.

Die Doku ist also inhaltlich eindeutig für Merkel und deren vermeintlich humanitär motivierte Grenzöffnung für die Flüchtlinge (die übrigens selbst Gabriel "Grenzöffnung" nennt). Dazu wird auch dramaturgisch dick aufgetragen. Das Leid und die Menschlichkeit der Flüchtlinge werden über Gebühr betont, wie in den deutschen Nachrichten der Zeit sieht man auch im Film überproportional viele Frauen und Kinder. Den Kontrast dazu bilden die hartherzigen ungarischen Polizisten.

Den Höhepunkt erreicht die Inszenierung bei der Darstellung von Merkels nächtlicher Entscheidung. Kurz nach dem Nachhausekommen führt die Kanzlerin mit ihrer Büroleiterin diesen Dialog:

Baumann: Frau Merkel, Sie wissen, dass Sie jetzt da leider ganz allein sind mit dieser Entscheidung? Wir haben keine Zeit mehr, Ihnen auf allen möglichen Ebenen den Rücken freizuhalten. Sie exponieren sich nicht nur politisch, sondern auch persönlich. Was ich meine, ist, Sie allein werden für die Folgen dieser Entscheidung verantwortlich gemacht werden.

Merkel: Danke, Frau Baumann. Gute Nacht!

Dann sieht der Zuschauer die Kanzlerin bei sich zu Hause in einem Sessel sitzend beim Nachdenken. Es werden Bilder eingeblendet: Von DDR-Bürgern, die im Sommer 1989 von Ungarn nach Österreich fliehen, vom Fall der Mauer und feiernden Menschen, man sieht Merkels Vereidigung, die bekannte Diskussion mit dem Flüchtlingsmädchen in Rostock, die Demonstrationen bei dem Besuch der Kanzlerin im sächsischen Heidenau.

Die Sequenz endet mit Merkels bekanntem Statement: "Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land", dass sie in Wirklichkeit erst Tage nach dem hier dargestellten Geschehen abgab. Danach geht die Kanzlerin in die Küche und ruft Faymann an, um ihm zu sagen, dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt.

Am nächsten Morgen sieht man die Kanzlerin, und damit endet der Film, wieder in ihrem Audi auf dem Weg ins Kanzleramt. Während sie nachdenklich die Berliner Umgebung betrachtet, hört man die Stimmen von AfD-Chef Alexander Gauland und von Protestierenden, die unter anderem "Merkel muss weg" skandieren. Die Kanzlerin wirkt vor dem Hintergrund dieser Kleingeister und Rassisten nur noch größer. Die Doku ist nicht einfach eine Doku, sie setzt der Kanzlerin einen Heiligenschein auf.

Die Darstellung des Geschehens ist in dem Film in mehreren Punkten irreführend. Er beschreibt die Ausnahmesituation Anfang September, die zur Aufnahme mehrerer Tausend Flüchtlinge führte. Er erklärt nicht, warum die angebliche Ausnahme dann so lange anhielt. Gerhard Schindler weist in einem seiner Statements in dem Film selbst darauf hin:

Dass die Regierung in den Anfangstagen immer davon gesprochen hat, dass es eine Ausnahmesituation ist, dass das Ganze eine Ausnahme bleibt, und dass es dann doch keine Ausnahme geblieben ist, sondern lange, lange angehalten hat, das gehört für mich zu den unerklärbaren Phänomenen dieser Geschichte.

Claas Relotius bei der Verleihung des Reemtsma Liberty Award, März 2017

Schindler weist dankenswerterweise auf einen weiteren Punkt hin: Dieselbe Bundesregierung, die sich moralisch so gern über Viktor Orbán und andere migrationsskeptische Politiker erhebt, verdankt eben diesen Politikern die Lösung der akuten Phase der Flüchtlingskrise. Anders gesagt: Der Oberschurke des Films hat dessen humaner Heldin seinerzeit salopp ausgedrückt den Hintern gerettet. Schindler sagt dazu:

Es ist schon paradox, dass die anderen für uns die Arbeit erledigt haben. Die Zäune auf dem Balkan, in Ungarn, in Mazedonien und beispielsweise in Bulgarien haben dazu geführt, dass die Massenmigration gestoppt wurde, während wir in Deutschland darüber diskutiert haben, ob es Obergrenzen gibt oder keine.

Natürlich überwiegen in dem Film die anderen Stimmen. Das argumentative Schlusswort hat Gerald Knaus, Chef der "Europäischen Stabilitätsinitiative" und Architekt des (faktisch gescheiterten) Flüchtlingsabkommens mit der Türkei. Auch seine Aussage ist, nun ja, bemerkenswert:

Merkel hat tatsächlich … die Seele Europas gerettet, weil sie an einem Grundsatz festgehalten hat: Wer nach Deutschland kommt, wird im Einklang mit dem Grundgesetz, also, Respekt der Menschenwürde, behandelt. Das war möglich, weil die Gesellschaft mitgemacht hat. Es war möglich aufgrund der Mobilisierung aller Ebenen des Staates … Und das hat Deutschland bis heute durchgehalten. Und das hat auch diese Krise bewältigbar gemacht. Deutschland steht heute in jeder Hinsicht nicht schlechter dar als vor vier Jahren … Deutschland hat hier politisch, als Gesellschaft moralisch einen Test bestanden.

Was bleibt also zu dieser seltsamen ZDF-Doku zu sagen? Politisches Handeln wird hier im Nachhinein noch einmal als ausschließlich moralisch motiviert dargestellt, die Kanzlerin wird überhöht, ihre Gegner werden indirekt als unmenschlich dargestellt. Dabei werden Fakten zurechtgebogen, weggelassen oder einfach dazuerfunden; auch an Pathos wird nicht gespart. 

Dass das ZDF zu diesem Zweck Gebührengelder verpulvert, ist zwar fragwürdig, kann aber kaum überraschen, schließlich trommelten auch heute und heute-journal seinerzeit fleißig für Merkels vermeintlich humane Politik. Ob der Sender mit diesem Machwerk heute überhaupt noch jemanden erreicht, der nicht ohnehin bedingungslos an die Kanzlerin und die gängige Rhetorik glaubt, ist allerdings fraglich.

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