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Der Fall Relotius, oder: "Sagen, was sein soll"

Der Fall Relotius, oder: "Sagen, was sein soll"
Claas Relotius bei der Verleihung des Reemtsma Liberty Award, März 2017
Der Spiegel wird von einem Skandal erschüttert: Jungstar-Autor Claas Relotius soll das Blatt betrogen und erfundene Geschichten abgeliefert haben. Dabei schrieb er doch nur, was von ihm erwartet wurde. Seine fiktiven Texte bedienen das herrschende Spiegel-Narrativ.

von Andreas Richter

Am Mittwoch dieser Woche machte der Spiegel in Person des frischgebackenen Chefredakteurs Ullrich Fichtner notgedrungen einen Betrugsfall im eigenen Haus öffentlich. Ein Redakteur des Hamburger Nachrichtenmagazins, Claas Relotius, habe über Jahre hinweg Reportagen geschrieben, die in weiten Teilen erfunden waren.

Das Bekanntmachen des Falls wurde zunächst als beispielhaft transparent gelobt, bald jedoch ließen das Pathos und die Selbstbeweihräucherung in Fichtners Text den Vorgang noch stärker in die Kritik rücken. Zu Recht wurde angemerkt, dass über den konkreten Fall hinaus der vom Spiegel kultivierte Stil die Vermischung von Fakt und Fiktion, Tatsachen und Meinung befördert. Tatsächlich hat es schon mehrere Präzedenzfälle dieser Art gegeben.

Nun werden alle Reportagen des inzwischen ehemaligen Spiegel-Redakteurs Claas Relotius unter die Lupe genommen.

Übersehen wurde bisher, dass die Vermischung von Journalismus und Literatur im Fall Relotius mit der üblichen Spiegel-Agenda einhergeht, die Fälschung oder gar Erfindung der Texte also stets in eine bestimmte politische Richtung erfolgte. Schon nach einer oberflächlichen Betrachtung einiger von Relotius' Texten lässt sich in vier Themengebieten ein Narrativ mit einer klaren Tendenz ausmachen.

An erster Stelle zu nennen ist das Trump-Bashing, das vor allem über das Verächtlichmachen seiner Wähler und Anhänger erfolgt. Die Darstellung Trumps unterscheidet sich dabei in nichts von anderen Spiegel-Artikeln, aber das Narrativ lässt sich durch die fiktionalen Elemente noch eindrucksvoll verstärken.

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Im Text "Der Footballstar, der Trumps Amerika zerreißt" (Spiegel 44/2017), einem Porträt des Football-Spielers Colin Kaepernick, dient Donald Trump noch selbst als Schurke, als Negativfolie für die (erfundenen) Gespräche mit dem Sportler und seiner Familie.

Colin Kaepernick, der Mann, den Donald Trump einen "son of a bitch" nennt, steht in der Turnhalle einer Highschool in East Harlem, New York, als ein schwarzer Neuntklässler ihn fragt, was der Unterschied zwischen einem weißen Amerikaner und einem schwarzen sei...

Die Reportage "Wo sie sonntags für Trump beten" (Spiegel 13/2017) zeichnet das Zerrbild einer Kleinstadt in Minnesota, die bei der Präsidentschaftswahl mit großer Mehrheit für Trump gestimmt hatte.

An einem Dienstagmorgen im Januar, vier Tage nachdem Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt worden ist, steht neben dem Willkommensschild am Ortseingang noch ein zweites Schild, halb so hoch, aber kaum zu übersehen. Jemand muss es in der Dunkelheit aufgestellt haben. Auf diesem Schild, aus dickem Holz in den gefrorenen Boden getrieben, steht in großen, aufgemalten Buchstaben: "Mexicans Keep Out" - Mexikaner, bleibt weg.

Auch hier ist die Darstellung in weiten Teilen erfunden und zusammengelogen, wie Einwohner der Stadt belegt haben. Der Artikel "Jaegers Grenze" (Spiegel 47/2018), mit dem Relotius aufflog, enthält das (erfundene) Porträt einer Bürgerwehr in Arizona. Trumps Fußtruppen, sozusagen.

Vielleicht glaubt er, er müsse das, was Trumps Soldaten nicht tun dürfen, nun selbst tun. Vielleicht will er nicht wahrhaben, dass Trumps Worte die ganze Zeit nur Wahlkampf waren, nur eine Show. Jaeger blinzelt in die Dunkelheit, das Gewehr liegt auf seiner Schulter. Er hat kein Ziel. Er kann nichts sehen. Und irgendwann drückt er ab.

Ein zweites Themen-Schlachtfeld ist der Syrienkrieg. Auch hier wiederholt Relotius das bekannte Spiegel-Narrativ und verstärkt es durch seine fiktionalen Elemente. Zum einen verpackt er mit dem Artikel "Der Junge, mit dem der Syrienkrieg begann" (Spiegel 26/2018) eine alte Geschichte in eine literarische Form, in der es reichlich menschelt. Immer wiederkehrende Themen sind das Motiv des "Volksaufstands", die Brutalität des "Regimes" im angeblichen Kampf gegen das eigene Volk und das Versagen des Westens, der den Rebellen hätte helfen sollen:

Mouawiya schickt eine Sprachnachricht, seine Stimme klingt erschöpft: "Hier ist Mouawiya, könnt ihr mich hören? Sie beschießen uns mit Mörsern und Raketen. Wir haben fast keine Munition mehr, aus dem Ausland kommen kaum noch Waffen. Eigentlich sollten die Amerikaner uns beschützen, aber sie haben uns aufgegeben. Wir sitzen in einem Steinbunker. Wir können nur beten."

Ähnliche Töne finden sich im Text "Die Geschichte von Ahmed und Alin" (Spiegel 28/2016), der das angebliche Schicksal ausgebeuteter syrischer Flüchtlingskämpfer in der Türkei zum Gegenstand hat. Auch hier ist die Rede von "Truppen des Regimes", die Aleppo "einkesselten". Interessant ist dieser Text vor allem, weil hier ein drittes Themengebiet auszumachen ist: Die Flüchtlingspolitik Angela Merkels und ihre Verherrlichung.

In Alins Vorstellung ist Europa eine kleine Insel, umgeben vom Meer, "irgendwo im Norden". Und in ihren Träumen, so erklärt sie, ist Angela Merkel keine Dame im Hosenanzug, sondern eine junge Frau mit weißem Gewand, seifenglatter Haut und langen, goldenen Haaren.

Merkel wird in diesem Artikel ambivalent behandelt, weil die Grenzen im Sommer 2016 schon wieder geschlossen waren. Eine "humane Flüchtlingspolitik", wie die im Herbst 2015 von Angela Merkel projizierte, wird hier implizit als Lösung für das Elend der Kinder dargestellt.

Relotius hatte im Oktober 2015 schon einmal über syrische Flüchtlinge geschrieben. Für die Rubrik "Eine Meldung und ihre Geschichte" verfasste er den Text "Verlust" (Spiegel 41/2015). Die Meldung, dass ein Flüchtling 1.000 Euro gefunden und der Polizei übergeben hatte, stammte nicht von Relotius, aber von einer literarischen Ausschmückung in seiner Verarbeitung kann man wohl ausgehen.

Abdullah ging noch am selben Tag zur nächsten Polizeiwache und gab das Sparbuch mit dem Geld ab. Bald darauf meldete sich der Besitzer des Sparbuchs, er wollte einen Finderlohn zahlen, aber Abdullah lehnte das Angebot freundlich ab. Da, wo er herkomme, sagt er, sei man nicht ehrlich, um eine Belohnung zu bekommen, "sondern um ein guter und gerechter Mensch zu sein"... Mahmoud Abdullah hat seine Heimat verloren, seine Freunde, seine Arbeit und sein Haus, aber er sagt, er habe sich nie reicher gefühlt als in diesem Moment.

Auch beim Thema Chemnitz war Relotius aktiv. Ende August 2018 interviewt er in den USA die letzte Überlebende der Widerstandsgruppe "Weiße Rose", Traute Lafrenz ("Wir hatten keine Ahnung, wie allein wir waren", Spiegel 39/2018). Das Interview fand tatsächlich statt, die Bezüge zur aktuellen deutschen Politik und zu den Unruhen in Chemnitz dichtete der Spiegel-Autor allerdings dazu. Das Thema wird schon in der Einleitung angerissen:

Ich fuhr zu ihr. Das Haus, in dem sie wohnt, liegt auf einer weitläufigen Ranch, wo das Spanische Moos der Südstaaten wie Lametta von den Bäumen hängt. An einem Sonntagnachmittag im August, am selben Tag, als mehr als 7000 Kilometer entfernt in Deutschland, im sächsischen Chemnitz, ein Stadtfest eskaliert und Neonazis aufmarschieren, sitzt Lafrenz im Schaukelstuhl auf ihrer Veranda und blickt auf einen Zufluss des Atlantiks.

Später legt er der Interviewten, die angeblich Fotos aus Chemnitz in der US-Presse gesehen habe, diese Worte in den Mund:

Deutsche, die streckten auf offener Straße den rechten Arm zum Hitlergruß, wie früher. Ich bin alt, aber ich bekomme ja alles mit. Die Art, in der jetzt über Flüchtlinge geredet wird wie über Kriminelle oder Vieh, da werde ich hellhörig. Ich weiß auch, was Politiker im Bundestag nun wieder so sagen. "Lügenpresse", "Volksverräter", "Stolz auf die Wehrmacht"? Diese Leute wissen ja gar nicht, wovon sie reden, aber sie benutzen die gleichen Tricks. So fängt es an.

Relotius hat in den hier betrachteten Fällen (es wird mehr geben) fiktive und literarische Elemente genutzt, um das im Spiegel übliche Narrativ zu verstärken und zu bestätigen. Der Syrienkrieg ein Volksaufstand, der zu einem Krieg des "Regimes" gegen das Volk wird, kein gescheiterter "Regime Change". Die Anhänger und Wähler Trumps rassistische Tölpel, wie er selbst. Angela Merkels Flüchtlingspolitik von 2015 human und richtig. Die Proteste in Chemnitz eine Wiederholung von 1933, das vorangegangene Gewaltverbrechen ein "eskaliertes Stadtfest".

Der Spiegel spricht davon, betrogen worden zu sein, und weist seinem vormaligen Starautor die Verantwortung für den Skandal zu. Relotius wird zum Sündenbock gemacht, obwohl er letztlich geliefert hat, was von ihm erwartet wurde und nur in der Wahl seiner literarischen Mittel freier war als journalistisch erlaubt.

Ullrich Fichtner erwähnt in seinem Text auch den Glaubensgrundsatz des Spiegel-Gründers, natürlich in der Absicht, sich und seinem Blatt auf die Schulter zu klopfen:

Wer das Atrium der Spiegel-Zentrale am Ericusgraben in der Hamburger Hafencity betritt, hat an der Wand gegenüber das Motto des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein vor Augen, in dem sich das publizistische Ideal des Hauses in seiner knappsten Form verdichtet: "Sagen, was ist." Das ist der Auftrag immer gewesen, und niemand sollte die silbernen Lettern für bloßen Wandschmuck oder journalistische Folklore halten.

Vielleicht sollte das Magazin den aktuellen Skandal zum Anlass nehmen, das Motto zu aktualisieren und der Realität anzupassen: "Sagen, was sein soll" würde es oft besser treffen.

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