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Fußball und der totale Kommerz: Liverpool liegt nicht in London

Fußball und der totale Kommerz: Liverpool liegt nicht in London
Aufnahme während des Champions League Halbfinale Rückspiels Liverpool gegen FC Barcelona, Anfield, Liverpool, Großbritannien, 7. Mai 2019.
Der Fußballsport ist tot. Es lebe, und das ist ja nicht neu, der moderne Kommerz-Ballsport. Oder wie kann es sein, dass sich vier englische Anlage- und Liebhaberobjekte in den beiden europäischen Finalspielen gegenüberstehen? Ein Kommentar.

von Flo Osrainik

Es war einmal ernst gemeint, als man den europäischen "Champion" unter den Fußballklubs ausspielte. Zu dieser Zeit sagte man übrigens noch Meister zu den Gewinnern der höchsten nationalen Meisterschaft im Fußballsport. Damals, so irgendwann im letzten Jahrhundert, spielten diese Landesmeister aller europäischen Fußballligen in einem kontinentalen Wettbewerb, parallel zu ihren jeweilig laufenden Landeswettbewerben, den europäischen Meister aus. Aus jedem Land trat also nur ein Klub an – der amtierende Meister. Zu dieser Zeit, das Spiel stand damals im Mittelpunkt, gab es noch richtige Fußballklubs, also Vereine mit echten Fußballspielern und Fans, die wussten, was ein Fußballklub ist und was ihn ausmacht. Und in einigen Klubs gaben die Fans den Ton an. Ebenso war es mit den Pokalsiegern der jeweiligen Länder.

Public Viewing, Fanmeilen und Follower

Jüngere, aber auch jeden Schwachsinn mitmachende Fußballkonsumenten und Dauerklatscher können sich das womöglich gar nicht (mehr) richtig vorstellen. Heute treten fast nur noch Kapitalgesellschaften, also reine Anlage- oder auch Liebhaberobjekte mit ihren wie Roboter agierenden, nicht selten noch in der spätpubertären Phase steckenden, dafür aber mit Millionenverträgen überhäuften und hochgezüchteten Ballakrobaten, die man wohl auch auf Jahrmärkten und in Manegen abstellen könnte – was den Beratern nicht gefallen dürfte – gegeneinander an, um eine Show mit vermeintlichen Stars, eben ein Spektakel zum Abkassieren zu inszenieren. Früher waren das schlicht Fußballspiele, manchmal auch Fußballschlachten mit ganz gewöhnlichen Fußballspielern und Fußballfans in Hexenkesseln.

Es gab sogar Typen wie Ewald Lienen, also junge Männer, die zwar nicht im Schlaf um zigtausende Euro bereichert wurden, um sich aus geistiger Armseligkeit dann medienwirksam ein Steak von irgendeinem durchgeknallten Geistesgesellen aus der Fleischhauerbranche vergolden zu lassen oder wegen überdimensionaler Leere im Kopf, Diamanten am Kopf spazieren tragen, dafür aber eine eigene Meinung und Haltung hatten. Ein solcher Lienen gründete im Jahr 1987 zusammen mit Kollegen etwa die Gewerkschaft "Vereinigung der Vertragsfußballspieler" (VDV), kandidierte für das Wahlbündnis Friedensliste und wollte die Fußballweltmeisterschaft in Argentinien boykottieren, da zu dieser Zeit eine Militärdiktatur – aber eine echte, keine wie heute gerne auch mal von außen medial fabrizierte – in dem südamerikanischen Land wütete. Mal sehen, welcher Fußballheld die nächste WM in der absoluten Erbmonarchie Katar, einer Sklavenhalter-Diktatur, boykottieren wird. Ich vermute keiner.

Wird Liverpool Champion der City of London?

Aber zurück zur Europa League von gestern. Nachdem die beiden Angestellten, Hinteregger und Paciencia, der Eintracht Frankfurt AG im Elfmeterschießen – wird nach jedem Schützen eigentlich schon Werbung eingeblendet? – scheiterten, steht fest, dass vier Ballsportgesellschaften aus einem Land, aus einer Liga, hier der englischen Premier League, der ehemaligen First Divison, in den beiden Finalspielen der Champions und der Europa League stehen. Es dürfte das erste Mal sein, dass die beiden europäischen Klub-Endspiele zu bloßen Meisterschaftsspielen einer nationalen Liga verkommen. Die unkritischen und nach Unterhaltung lechzenden Fußballkonsumenten wird es nicht stören. In Madrid und Baku werden die Stadien für die ausgelagerten Ligaspiele wohl trotzdem bis auf den letzten Platz gefüllt sein. Man könnte aber auch sagen, dass ja bloß die Londoner Stadtmeisterschaft ausgespielt wird, wäre Liverpool ein Stadtteil Londons. Na ja, vielleicht geht der FC Liverpool noch als nördlicher Vorstadtklub durch. Womöglich findet sich aber rechtzeitig ein zahlungswilliger Oligarch, der Liverpool mal eben nach London versetzen lässt.

Da wäre etwa Tottenham Hotspur aus dem Bezirk Haringey in London, einem der vier englischen Finalisten. Eigentümer der Spurs ist die ENIC Group. Kontrolliert wird diese Gruppe von Joe Lewis, einem der reichsten Briten. Lewis hat sein Vermögen laut dem Meinungsmedium Wikipedia durch Finanzspekulation, etwa am schwarzen Mittwoch im Jahr 1992, gemacht, um sich dann neben Tottenham Hotspur auch drei Megayachten oder einige der wertvollsten Gemälde in der Auktionsgeschichte besorgen zu können. Außerdem wären da noch Stiftungen mit dem Hotspurs-Präsidenten Daniel Levy im Vorstand.

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Der FC Chelsea aus Fulham in London ist Eigentum von Roman Abramowitsch, einem russisch-israelischen Oligarchen, der von 2000 bis 2008 auch Gouverneur der russischen Region Tschukotka war. Abramowitsch gilt als reichster Israeli. Neben seinem Spielzeug FC Chelsea hat er sich außerdem noch zwei U-Boote, zwei Schlösser, ein paar teure Gemälde, eine B737 oder auch ein paar bescheidene Anteile am russischen Klub ZSKA Moskau besorgt. Präsident von Chelsea ist ein gewisser Bruce Buck, ein US-amerikanischer Unternehmer, der über Abramowitsch zu Chelsea kam. Buck ist neben Abramowitsch der einzige Aktionär, obwohl er angeblich nur eine Aktie besitzt.

Eigentümer des FC Arsenal, auch aus London, ist Stan Kroenke, ein US-amerikanischer Oligarch, im Westen, da aus dem Westen, verniedlichend Milliardär genannt. In der Wikipedia steht über Kroenke: "Als Vorsitzender von Kroenke Sports Enterprise ist er Mitbesitzer der Los Angeles Rams aus der American-Football-Liga National Football League (NFL) und alleiniger Besitzer der Colorado Avalanche aus der Eishockeyliga National Hockey League (NHL), der Denver Nuggets aus der Basketballliga National Basketball Association (NBA), der Colorado Mammoth aus der Lacrosseliga National Lacrosse League (NLL) und der Colorado Rapids aus der Fußballliga Major League Soccer (MLS). Außerdem gehört zu Kroenke Sports Enterprise das Pepsi Center in Denver und der regionale Sportsender Altitude Sports and Entertainment."

Die Vorstädter

Und der Vierte von vier englischen Finalisten? Nein, es ist weder das zu über 86 Prozent der "Abu Dhabi United Group Investment & Development Ltd." gehörende Fußballunternehmen Manchester City, dessen Vorsitz der privilegierte und über einen "scheichgeführten" Staatsfond irgendwie auch mit Ferrari, General Electric oder der Schattenbank Carlyle Group verbundene "Jungunternehmer" Khaldoon Al-Mubarak innehat. Es ist aber auch nicht das zum Familienbesitz der Glazers gehörende Manchester United, dem die echten Fans von United durch Gründung des heute sechstklassigen und fangeführten FC United of Manchester, gegründet im Jahr 2005, den Rücken aus Protest gegen die Übernahme des Klubs durch den US-Oligarchen Malcolm Glazer und die Kommerzialisierung des Fußballs wandten. Es ist auch nicht der Manchester-Kapitalismus, denn den gibt es in Form einer Fußballgesellschaft auf der Insel noch nicht.

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Der letzte englische Finalist ist also gar nicht aus Manchester, sondern aus Liverpool. Der FC Liverpool mit seinem spätestens durch die Opel-Werbung auf jedem deutschen TV-Sofa bekannten Fußballtrainer Jürgen Klopp. Der nördliche Londoner Vorstadtklub FC Liverpool gehört übrigens genauso wenig den Fans und Mitgliedern wie die anderen Finalisten. Und ein Verein ist es eigentlich auch nicht. Der Liverpool Football Club, inklusive Stadion, ist Eigentum der US-amerikanischen Sportvermarktungsfirma Fenway Sports Group (FSG) aus Boston. Der Gruppe, die einem Konsortium um den Börsenhändler John W. Herny, den Fernsehproduzenten Tom Werner und das Sportanlagenunternehmen "Les Otten" sowie das Medienunternehmen "The New York Times Company" gehört, gehört auch der US-amerikanische Baseballclub Boston Red Sox, samt Stadion, der Sportsender New England Sports Network sowie die Hälfte des NASCAR-Teams Roush Fenway Racing.

Die wunderbare Welt der Oligarchen-Demokratie

Es ist eigentlich ganz ähnlich wie bei Red Bull, nur ohne einheitliches Firmenlogo. Womöglich stehen sich ja auch bald Red Bull Salzburg (ehemals Austria Salzburg) und Red Bull Leipzig (ehemals SSV Markranstädt) im nächsten europäischen Fußball-Finale gegenüber, während Red Bull die ersten vier Plätze in der Fahrerwertung der Formel 1 belegt und Red Bull München gegen Red Bull Salzburg im Eishockey um den Titel in der dortigen Champions League spielen. Aber dem konnten dieses Jahr wenigstens noch die Frölunda Indians aus Schweden einen Riegel vorschieben.

Es wäre aber auch denkbar, dass das Finale einer der kommenden Fußball-Europameisterschaften zwischen England I und England II, also Gibraltar, ausgetragen wird. Wie man eine Nationalmannschaft zusammenkauft, das haben die Scheichs im Handball ja schon gezeigt. Zum sensationellen Vize-Weltmeistertitel der Handballer aus Katar im Jahr 2015 schrieb das ehemalige Nachrichtenmagazin Spiegel in seinem Artikel "Katar kauft sich Spieler und Fans": "Katar will sich als erfolgreicher Gastgeber der Handball-WM präsentieren, dafür geben die Scheichs Millionen aus. Den Kern ihrer Nationalmannschaft bilden gebürtige Osteuropäer, angefeuert wird das Team von bezahlten Jubel-Spaniern." Für die WM im eigenen Land wurden mit hohem finanziellen Aufwand ein Weltmeistertrainer sowie mehrere National- und Spitzenspieler, also Söldner aus Bosnien, Frankreich, Kuba, Montenegro, Serbien und Spanien von den Öl-Scheichs engagiert. Nur für die Gastarbeiter und Sklaven zum Bau der FIFA-Fußballstadien hat man im Emirat finanziell nicht viel bis sehr wenig übrig.

Es lebe der Sport, nur nicht dieser!

Und wem das alles die Lust am Spitzensport noch immer nicht verdirbt, um sich endlich angewidert ab- und dem breiten unterklassigen Profi- oder Amateursport zu zuwenden, der kann sich ja schon auf die Suche nach teuren Endspieltickets, Flügen und Hotelzimmern für die Finalspiele in Baku und Madrid machen, um den Enkeln später stolz verkünden zu können, wenigstens dauerklatschend in der hundertsten Reihe dabei gewesen zu sein, während im Jemen noch immer Bomben fliegen, in Frankreich Gelbwesten zu Krüppeln geschossen werden, Aufrüstung auf- und Vernunft abgebaut werden und jeden Tag Tausende Menschen verhungern und im Müll wühlen, während die Vermögensungleichheit immer weiter wächst. Aber Hauptsache der Kasten läuft zu Chips und Bier im Reich der Spatzenhirne, wenn der Ball rollt. Nur, dass Spatzen zu schlau fürs Fernsehen sind.

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