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Nawalnys Ärzte lügen nicht – Gedanken zu einem möglichen Komplott  

Nawalnys Ärzte lügen nicht – Gedanken zu einem möglichen Komplott  
Die Charité in Berlin (Symbolbild vom 18.09.2020)
Der Fall um die mutmaßliche Vergiftung des russischen oppositionellen Alexei Nawalny schlägt weiter hohe Wellen. Ist ein Szenario denkbar, in dem die Befunde sowohl des Omsker Krankenhauses als auch der Charité und sogar des Bundeswehrlabors korrekt sind?  

von Bernd Murawski 

Wie in anderen Tätigkeitsfeldern sind die im medizinischen Bereich Beschäftigten mit Berufsstolz erfüllt, der durch den Eid des Hippokrates noch zusätzliches Gewicht erhält. Stützen sich Stellungnahmen wie im Fall Nawalny auf entnommene Proben, gibt es für Ärzte und Laboranten einen weiteren Grund, falsche Diagnosen zu vermeiden und Analyseergebnisse korrekt zu publizieren: Neuuntersuchungen sind jederzeit möglich und Fehlernachweise könnten an ihrem Ruf nagen.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas und sein französischer Amtskollege  Jean-Yves Le Drian beim Treffen der EU-Außenminister in Luxemburg

Weder im Omsker Krankenhaus noch in der Charité dürfte daher eine Bereitschaft zu Gefälligkeitsdiagnosen bestehen. Ebenso unwahrscheinlich ist eine Veröffentlichung fingierter Laborergebnisse. Dies betrifft gleichwohl die Befunde des Münchener Bundeswehrlabors, der Militärlabore in Frankreich und Schweden und die von der OPCW angeforderten Analysen, auch wenn sie als geheim kategorisiert worden sind. Angesichts der Vielzahl der involvierten Personen würde andernfalls ein Risiko bestehen, dass jemand unter moralischem Druck zum Whistleblower wird.

Wenn alle an den Probenahmen, Laboruntersuchungen und Diagnosen Beteiligten korrekt gehandelt haben, dann muss für den aktuellen Eklat um Alexei Nawalny eine Erklärung gesucht werden, die außerhalb der Tätigkeit des medizinischen Personals liegt. Dass eine solche nicht nur existiert, sondern zudem recht plausibel ist, wird im Folgenden ausgeführt. 

Nawalnys Schwächeanfall

Nawalnys Zusammenbruch nach dem Abflug von Tomsk ist ein unbestreitbarer Fakt. Drei mögliche Gründe kommen in Frage: Eine Vergiftung, ein Schwächeanfall ohne Fremdeinwirkung oder eine Selbstinszenierung. Letztere kann ausgeschlossen werden, da eine Simulierung den Omsker Ärzten nicht verborgen geblieben wäre. Falls Nawalny vergiftet wurde, wie es seine Begleiter vermuteten, müsste dies auf eine Art geschehen sein, die im Omsker Krankenhaus nicht nachgewiesen werden konnte. Hierbei ist bemerkenswert, dass der Cheftoxikologe Alexander Sabajew ein cholinerges Syndrom festgestellt hat, das sich "mosaikartig und für eine kurze Zeit" manifestieren würde. Nawalny wurde deshalb Atropin verabreicht.

Dieser Befund wurde jedoch als unbedeutend erachtet, sodass die Ärzte zu der Diagnose gelangten, dass Nawalny an einer Störung des Kohlenhydratstoffwechsels vor dem Hintergrund einer Pankreatitis litt. Sie wiesen darauf hin, dass er als Folge einer Diät abnahm und bereits mehrere Tage Probleme mit Verdauung und Ernährung hatte. Hinzu sind Stress und das fehlende Frühstück getreten. Wenn auch Nawalny nicht direkt vergiftet wurde, kann ihm dennoch ein Mittel zugeführt worden sein, das – neben den erwähnten gesundheitlichen Belastungen – den plötzlichen Kollaps bewirkte. Dies ist erst einmal reine Spekulation, auf die an späterer Stelle zurückgekommen wird.

Die Mitarbeiter des Antikorruptionsfonds von Alexei Nawalny Georgi Alburow, zuständig für Investigativrecherchen, und Nawalnys Pressesprecherin Kira Jarmysch vor der Ersten Omsker Notfallklinik, wo der Politaktivist zu dem Moment behandelt wurde

Der Zusammenbruch Nawalnys während des Flugs und seine Einlieferung in das Omsker Krankenhaus wurden von einer breiten Medienberichterstattung im Westen flankiert. Auf hiesige Politiker wurde Druck ausgeübt, nicht nur mit sorgevollen Statements zu reagieren, sondern auch Taten folgen zu lassen. Wie in der Flüchtlingsfrage vor fünf Jahren und während der aktuellen Corona-Pandemie sah sich Angela Merkel moralisch zum Handeln aufgefordert. Gleichsam anderen politischen Oppositionellen aus dem nachsowjetischen Raum wurde Nawalny eine medizinische Behandlung in der Charité angeboten. Neben humanen Motiven dürfte bei der deutschen Führung das Bedürfnis bestanden haben, "Weltpolitik zu spielen", wie es der Journalist Peter Vonnahme ausdrückte.

Der Flug nach Berlin

Der Transport Nawalnys von Omsk nach Berlin wurde nicht wie zu erwarten durch offizielle russische oder deutsche Stellen arrangiert, sondern von der Stiftung "Cinema for Peace" übernommen. Deren Gründer ist der Filmproduzent Jaka Bizilj, eine schillernde Persönlichkeit, die in transatlantischen Kreisen gut vernetzt ist. In seinem "Internationalen Komitee" sitzen neben Prominenten aus dem Entertainment einflussreiche Personen aus Wirtschaft und Politik. Während Bizilj das medizinische Spezialflugzeug charterte und das erforderliche Team besorgte, übernahm der russische Oligarch Boris Zimin die Kosten für die Überführung.

Mehr zum Thema - Chef von Cinema for Peace: Nawalny könnte laut Ärzten erst im Flugzeug vergiftet worden sein

Was auf dem Flug geschehen ist, entzieht sich jeder Kontrolle. Hier tritt die geheimnisvolle Maria Pewtschich ins Bild, eine enge Vertraute Nawalnys mit britischem Pass. Wie der Blogger Thomas Röper recherchierte, war Pewtschich bereits im Jahr 2009 Mitarbeiterin eines britischen Abgeordneten und zugleich in Nawalnys Anti-Korruptionsfonds tätig. Nawalny war zu jener Zeit noch recht unbekannt, bis Wladimir Aschurkow, ein Führungsmitglied in einer russischen Wertpapierfirma, seine Aktivitäten finanzierte. Im Jahr 2014 fungierte dieser bei Nawalnys Kandidatur für das Amt des Moskauer Bürgermeisters als Wahlkampfmanager. Danach floh er nach London, wo er nach geleakten Mails mit der "Integrity Initiative" kooperierte, einem britischen Thinktank mit direktem Draht zum MI6. Nach Röper gehört Pewtschich nicht nur denselben Kreisen wie Aschurkow an, sondern agiert überdies als dessen Bindeglied zu Nawalny.

Es spricht einiges dafür, dass Pewtschich eine wichtige Rolle in einem Komplott spielte, mit dem eine Vergiftung durch Nowitschok vorgetäuscht werden sollte. Möglicherweise hat sie Nawalny in Tomsk ein Mittel zukommen lassen, das ihn später im Flugzeug zusammenbrechen ließ. Im Gegensatz zu FSB-Agenten, die Nawalny nur aus größerem Abstand beobachten konnten, befand sie sich in dessen Nähe und genoss sein Vertrauen.

Ob bei Nawalnys Zusammenbruch nachgeholfen wurde oder nicht, ist für die folgenden Aktionen nicht entscheidend. Der erste Fall würde einen ausgefeilten Plan implizieren, während beim zweiten eine sich bietende Gelegenheit zügig genutzt worden wäre. Da Pewtschich nicht das Flugzeug in Tomsk bestieg, aber später im Flug nach Berlin saß, erscheint die erste Alternative wahrscheinlicher. Für die zweite Möglichkeit spricht die fehlende Gewissheit, wie schlecht die Verfassung Nawalnys während des Flugs sein würde und ob die Piloten zu einer Zwischenlandung in Omsk bereit wären. War Nawalny hingegen eingeweiht, dann könnte er den Schwächeanfall aufgebauscht haben, um eine Landung zu erzwingen. Da er sich nach Ansicht der Omsker Ärzte in einer lebensbedrohlichen Lage befand, trifft dies wohl nicht zu.

Das Lancieren von Nowitschok-Spuren

Bislang wurde kaum öffentlich thematisiert, dass Nawalny das vermeintliche Nervengift während seiner Überführung nach Berlin erhalten haben könnte. Soll die Ausgangsthese korrekt handelnder Mediziner und Laboranten aufrechterhalten werden, dann drängt sich diese Schlussfolgerung jedoch zwangläufig auf. Indem die Stiftung "Cinema for Peace" den Flug organisierte, oblag ihr die Entscheidung, wer an Bord mitflog. Eine Absprache mit Nawalnys Team kann dabei angenommen werden. Bei gründlicher Vorbereitung wäre es daher relativ problemlos gewesen, dem Patienten ein Mittel zuzuführen, das später als Nowitschok identifiziert würde.

Eine vorgebliche Vergiftung würde voraussetzen, dass es einen Cholinesterasehemmer gibt, der ähnliche strukturelle Eigenschaften wie die toxischen Chemikalien 1.A.14 und 1.A.15 aufweist, aber nicht tödlich ist. Das Mittel müsste sowohl anhand von Körperproben nachweisbar sein, als auch auf einen Gegenstand aufgetragen werden können. Die Spuren an der Flasche waren möglicherweise eine Absicherung für den Fall, dass die Aussagekraft der Blut- und Urinproben begrenzt ist. Der gefilmte Besuch von Nawalnys Hotelzimmer mit besonderem Fokus auf die Einsammlung der Flaschen war wohl zu diesem Zweck geplant und wurde vermutlich durch die in Tomsk zurückgebliebene Pewtschich angeregt.

Sind militärische Forschungseinrichtungen überhaupt in der Lage, einen Cholinesterasehemmer mit den genannten Eigenschaften zu entwickeln? Tatsächlich finden sich auf dem deutschen Markt Arzneien, mit denen die Cholesterase-Aktivität reduziert wird. Solche sind Donepezil, Galantamin und Rivastigmin, die bei schwerer Alzheimer-Demenz eingesetzt werden. Wäre eines dieser Medikamente Nawalny verabreicht worden, dann hätte die Charité es wohl identifiziert. Festgestellt wurde jedoch nur die Wirkungsweise. Dass die Ärzte der Charité die Vermutung äußerten, es würde ein Giftstoff zugrunde liegen, ist angesichts der Äußerungen aus Nawalnys Umfeld und der Spekulationen in den Medien nachvollziehbar.

Archivbild: Vor der Charité drängen sich Journalisten in Erwartung der Einlieferung von Alexei Nawalny (22. August 2020).

Eine inszenierte Vergiftung mit wenigen Mitwissern

Wie die Charité braucht auch das Bundeswahrlabor nicht in ein Komplott involviert gewesen sein. Dasselbe betrifft die Militärlabore in Frankreich und Schweden sowie die OPCW. An dem Befund gab es ja keinen Zweifel. Weitere Recherchen erübrigten sich, zumal das Russland-Bashing der vergangenen Jahre seine Wirkung erzielte. Das Misstrauen gegenüber russischen Stellen inklusive der Omsker Ärzte war größer als etwaige Zweifel an der Rolle der Begleiter Nawalnys im Flug nach Berlin. Der Skripal-Fall vor zweieinhalb Jahren zerstreute die letzten Bedenken.

Für die Bundesregierung gab es keinen Grund, an den Ergebnissen des Münchener Bundeswehrinstituts zu zweifeln. Das Urteil des Labors, es würde sich um ein weiterentwickeltes Nowitschok handeln, was nur durch staatliche Stellen herzustellen sei, konnte nicht anders verstanden werden, als dass die russische Führung involviert sein muss. Wenn dem Bundeswehrinstitut wie auch der Charité Vorwürfe zu machen sind, dann nicht wegen falscher Analysen, sondern hinsichtlich der angestellten Spekulationen. Hegen sowohl der Träger einer Botschaft als auch deren Adressat einen durch antirussische Ressentiments hervorgerufenen Argwohn, dann ist das Resultat vorhersehbar. Es bedarf keiner weiteren Analyse, weshalb die deutsche Führung bis heute eine gemeinsame Aufklärung mit russischen Stellen ablehnt.

Neben bloßer Empörung gibt es durchaus rational erklärbare Reaktionen, bei denen es insbesondere um das Schicksal von Nord Stream 2 geht. Die Gegner fühlen sich in ihrer Forderung nach Aufgabe des Projekts bestärkt, was bekanntermaßen im Interesse der USA liegt. Hier findet sich auch das überzeugendste Motiv für eine inszenierte Vergiftung Nawalnys. Der Bundesregierung eröffnen sich zwei konträre Optionen: Einerseits wird ihr ein Vorwand für eine Exit-Strategie geboten, andererseits kann sie ihre Zuverlässigkeit im westlichen Bündnis unter Beweis stellen und dadurch die Erdgas-Pipeline eher retten.

War Nawalny im Flug nach Berlin tatsächlich einem nicht-tödlichen Cholinesterasehemmer mit "Nowitschok-Design" ausgesetzt, dann sind die Beweggründe der deutschen Politiker von zweitrangiger Bedeutung. Das Drehbuch, dessen Autoren wie in vergleichbaren Fällen aus der Vergangenheit bei den "Five Eyes" zu orten sind, war vorgegeben. Die Basis für die Regierungsentscheidungen bilden das Vertrauen in die Redlichkeit westlicher Partner und die russophobe Stimmungslage, wobei die Medien die nötige Rückendeckung geben. Nicht einmal wird als störend empfunden, dass die deutsche Außenpolitik unter Heiko Maas jede Spur diplomatischen Geschicks vermissen lässt.

Angesichts des Gefühls, auf der richtigen Seite zu stehen, gerät die Frage nach dem "cui bono" aus dem Blickfeld. Ebenso wenig werden offensichtliche Ungereimtheiten hinterfragt, die etwa das Kontaminationsrisiko und das "Genesungswunder" betreffen. Dass es sich um eine weitere angelsächsische False-Flag-Aktion handeln könnte, kommt nicht in den Sinn. Dabei wäre den westlichen Verbündeten eine Weiterentwicklung des Nowitschoks ebenso zuzutrauen wie Russland. In diesem Fall wäre auch nachvollziehbar, weshalb der russischen Seite keine Analysedaten übergeben werden sollen. Sollte die Bundesregierung später Kenntnis von dem Komplott erlangt haben, etwa über einen Informationsaustausch der Geheimdienste, dürfte sie ihre offizielle Position kaum ändern, da andernfalls ein herber Gesichtsverlust drohen würde. 

Alexei Nawalny mit seiner Frau Julia auf dem Balkon der Berliner Charité kurz vor seiner Entlassung am 22. September.

Russland als Verlierer

Während die deutsche Regierung – zumindest bei einflussreichen Politikern und Medien des Westens – ihren Vertrauensvorschuss nutzen kann, erweist sich die vermeintliche Nawalny-Vergiftung für die russische Führung als außenpolitisches Debakel. Die Glaubwürdigkeit Moskaus wird ein weiteres Mal erschüttert, und von einer besonderen Beziehung zu Berlin kann keine Rede mehr sein. Da Wladimir Putin den guten Beziehungen zu Deutschland eine Schlüsselrolle beim Ausbau der Kooperation mit der EU beigemessen hat, stehen jahrzehntelange Bemühungen vor einem Scherbenhaufen. Der Graben wird sich unweigerlich vertiefen, was diplomatische Bemühungen wie etwa im Ukraine-Konflikt erschweren dürfte. Politische Kräfte in Moskau, die eine stärkere Hinwendung in Richtung Asien wünschen, werden an Gewicht gewinnen.

Die Entscheidung der russischen Führung, den Transport Nawalnys in die Berliner Charité zu genehmigen, beruhte augenscheinlich auf einer fatalen Fehleinschätzung. Eine Schadensbegrenzung ist nicht möglich, da die westliche Seite gute Gründe hat, die Analyseergebnisse unter Verschluss zu halten und einen Abgleich mit den Omsker Proben zu verhindern. Bereits bevor der Laborbefund des Bundeswehrinstituts veröffentlicht wurde, haben verschiedene Beobachter der russischen Regierung Naivität vorgeworfen. Ihre Voraussage, dass nicht nur eine Vergiftung des russischen Oppositionellen "bewiesen", sondern auch Putin persönlich verantwortlich gemacht würde, hat sich auf dramatische Weise bewahrheitet.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln. 

Der Artikel erschien zuerst auf Telepolis

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