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Slavoj Žižek: Selbstverachtung politisch korrekter Weißer nützt nichts im Kampf gegen Rassismus

Slavoj Žižek: Selbstverachtung politisch korrekter Weißer nützt nichts im Kampf gegen Rassismus
Slavoj Žižek: Selbstverachtung politisch korrekter Weißer nützt nichts im Kampf gegen Rassismus (Symbolbild: Demonstrierende in Tel Aviv knien im Zeichen der Unterstützung der Proteste gegen Polizeigewalt in den USA nieder. Tel Aviv, 7. Juni 2020.)
Denkmäler zu zertrümmern und die Vergangenheit zu verleugnen, ist nicht der richtige Weg, um gegen Rassismus vorzugehen oder Schwarzen Respekt zu erweisen. Sich Schuldgefühlen hinzugeben, bevormundet die Opfer und bringt wenig, beobachtet Slavoj Žižek.

In den Medien wurde ausführlich darüber berichtet, wie schockiert die deutschen Sicherheitsdienste am 21. Juni von Randalen "beispiellosen Ausmaßes" in der Stuttgarter Innenstadt waren: Zwischen 400 und 500 Partybesucher randalierten dort über Nacht, schlugen Schaufenster ein, plünderten Geschäfte und griffen die Polizei an.

Die Polizei – die viereinhalb Stunden brauchte, um die Gewalt zu unterbinden – schloss politische Motive für die "bürgerkriegsähnlichen Szenen" aus und bezeichnete die Täter als der "Party- oder Veranstaltungsszene" angehörig. Es gab wegen der sozialen Distanzierung natürlich keine Bars oder Clubs, die sie besuchen konnten – also gingen sie zum Feiern auf die Straße.

Ein solcher ziviler Ungehorsam ist nicht auf Deutschland beschränkt. Am 25. Juni waren Englands Strände von Tausenden Menschen überfüllt, die allesamt die Regeln der sozialen Distanzierung ignorierten. In Bournemouth, an der Südküste, wurde Folgendes berichtet: "Das Gebiet wurde von Sonnenbadenden und deren Autos überrannt, was zum Stillstand führte. Auch kam es zu Übergriffen gegen Müllwagenbesatzungen und Einschüchterungsversuchen gegen sie, als sie versuchten, Müllberge von der Strandpromenade zu entfernen. Es gab auch eine Reihe von Zwischenfällen mit übermäßigem Alkoholkonsum und Prügeleien."

Man kann diese gewalttätigen Ausbrüche auf den Mangel an Bewegung beziehungsweise die allgemeine Immobilität zurückführen, die durch die soziale Distanzierung und Quarantäne erzwungen wurden. Auch ist es zu erwarten, dass wir überall auf der Welt ähnliche Vorfälle erleben werden. Man könnte argumentieren, dass auch die jüngste Welle antirassistischer Proteste einer ähnlichen Logik folgt: Die Menschen sind erleichtert, sich mit etwas auseinanderzusetzen, an das sie glauben, um ihre Gedanken vom Coronavirus für kurze Zeit freizumachen.

Wir haben es hier natürlich mit sehr unterschiedlichen Arten von Gewalt zu tun. Am Strand wollten die Menschen einfach ihren gewohnten Sommerurlaub genießen und reagierten verärgert gegen diejenigen, die dies verhindern wollten.

In Stuttgart aber wurde das eigentliche Vergnügen durch Plünderung und Zerstörung erzeugt – also durch die Gewalt selbst. Und was man dort beobachten konnte, war ein gewalttätiger Karneval in seiner übelsten Ausprägung, eine Explosion blinder Wut (obwohl, wie erwartet, einige Linke versuchten, es als Protest gegen Konsumwahn und Polizeikontrolle zu interpretieren). Derweil wurden bei den (weitgehend gewaltlosen) antirassistischen Protesten einfach nur die Anordnungen der Behörden bei ihrem Einsatz für eine edle Sache ignoriert.

Natürlich herrschen diese Arten von Gewalt in den entwickelten westlichen Gesellschaften vor – wir  lassen hier die extremere Gewalt außer Betracht, die in Ländern wie dem Jemen, Afghanistan und Somalia bereits stattfindet und mit Sicherheit explosionsartig zunehmen wird, worauf der Guardian Anfang dieser Woche hinwies:

Dieser Sommer wird einige der schlimmsten Katastrophen einleiten, die die Welt je gesehen hat, wenn man es zulässt, dass die Pandemie sich schnell über Länder ausbreitet, die bereits von wachsender Gewalt, zunehmender Armut und dem Schreckgespenst der Hungersnot gepeinigt werden.

Sinnlose Gewalt ohne höheren Plan

Es gibt ein Schlüsselmerkmal, das die drei Arten von Gewalt trotz ihrer Unterschiede gemeinsam haben:

Keine von ihnen ist Ausdruck eines konsistenten sozio-politischen Programms. Die antirassistischen Proteste mögen einen gegenteiligen Anschein erwecken, doch sie scheitern insofern, als sie von der politisch korrekten Leidenschaft beherrscht werden, die Spuren von Rassismus und Sexismus zu verwischen – eine Leidenschaft, die ihrem Gegenteil, dem neokonservativen Wunsch nach Gedankenkontrolle, nur allzu nahe kommt.

Das am 16. Juni vom rumänischen Gesetzgeber verabschiedete Gesetz verbietet es allen Bildungseinrichtungen, "Theorien und Meinungen zur Geschlechtsidentität zu propagieren, denen zufolge das Gender ein vom biologischen Geschlecht getrenntes Konzept ist". Sogar Vlad Alexandrescu, ein Mitte-Rechts-Senator und Universitätsprofessor, bemerkte, dass sich Rumänien mit diesem Gesetz "den von Ungarn und Polen geförderten Positionen die Treue erklärt und so zu einem Regime wird, das Gedankenpolizei einführt".

Dieses unmittelbare Verbot von Gender-Theorien ist natürlich Teil des Programms der populistischen neuen Rechten, und jetzt hat diese durch die Pandemie einen neuen Schub erhalten. Eine typische rechtspopulistische Reaktion der neuen Rechten auf die Pandemie besteht im Tenor, dass der Ausbruch letztlich das Ergebnis unserer globalen Gesellschaft ist, in der multikulturelle Mischungen vorherrschen. Also müsse man, um die Pandemie zu bekämpfen, unsere Gesellschaften nationalistischer machen, jeweils verwurzelt in einer bestimmten Kultur mit festen, traditionellen Werten.

Lassen wir das offensichtliche Gegenargument beiseite, dass fundamentalistische Länder wie Saudi-Arabien und Katar ebenso von der Pandemie betroffen sind. Konzentrieren wir uns stattdessen auf das Verfahren der "Gedankenpolizei", dessen letzter Anwendung der berüchtigte katholische Index Librorum Prohibitorum (Liste verbotener Bücher) war – eine Liste von Veröffentlichungen, die von der Heiligen Kongregation des Index als häretisch oder moralwidrig erachtet wurde, so dass Katholiken verboten wurde, sie ohne Erlaubnis zu lesen.

Diese Liste war von der Frühen Neuzeit bis 1966 gültig (und wurde regelmäßig aktualisiert), und jeder, der in der europäischen Kultur etwas galt, landete früher oder später darauf. Wie mein Freund Mladen Dolar vor einigen Jahren bemerkte, stellt man sich die europäische Kultur ohne all die Bücher und Autoren vor, die irgendwann einmal auf der Liste standen, dann bleibt nichts als leeres Ödland übrig ...

Ich erwähne dies aus der Ansicht heraus, dass der jüngste Drang, unsere Kultur von allen Spuren von Rassismus und Sexismus zu bereinigen, die Gefahr birgt, in die gleiche Falle zu tappen wie der Index der katholischen Kirche. Was bleibt, wenn wir alle Autorinnen und Autoren verwerfen, bei denen wir ein paar Spuren von Rassismus und Antifeminismus finden? Buchstäblich alle großen Philosophen und Schriftsteller würden dann verschwinden.

Nehmen wir Descartes, der einmal auf dem katholischen Index stand, heute aber von vielen auch als philosophischer Urheber der westlichen Hegemonie angesehen wird, die eminent rassistisch und sexistisch ist. 

Wir sollten nicht vergessen, dass die grundlegende Erfahrung von Descartes' Position des universellen methodischen Zweifels ja gerade eine "multikulturelle" Erfahrung ist – eine Erfahrung dessen, dass die eigene Tradition nicht besser ist als das, was uns bei den Anderen als "exzentrische" Traditionen erscheint. Wie er in seinem "Diskurs über die Methode" schrieb, erkannte er auf seinen Reisen, dass Traditionen und Bräuche, "die den unseren sehr entgegengesetzt sind, noch nicht notwendigerweise barbarisch oder wild sind, sondern in gleichem oder sogar größerem Maße vom Vernunftgedanken getrieben sein können als wir selbst".

Aus diesem Grund sind dem kartesianischen Philosophen ethnische Wurzeln und nationale Identität schlicht keine Kategorie der Wahrheit. Das ist auch der Grund, warum Descartes sofortige Beliebtheit bei Frauen erlangte: Wie eine seiner frühen Leserinnen bemerkte, hat cogito – das Subjekt des reinen Denkens – kein Geschlecht.

Die heutigen Erklärungen, sexuelle Identitäten seien gesellschaftlich konstruiert und nicht biologisch determiniert, sind nur vor dem Hintergrund der kartesianischen Tradition möglich – es gibt schlicht keinen modernen Feminismus und Antirassismus ohne das Denken von Descartes.

Deshalb verdient es Descartes, trotz seiner gelegentlichen Verirrungen in den Rassismus und den Sexismus, gefeiert zu werden. Und dasselbe Kriterium sollten wir auf alle großen Namen unserer philosophischen Vergangenheit anwenden: von Platon und Epikur über Kant und Hegel bis hin zu Marx und Kierkegaard ... Der moderne Feminismus und Antirassismus entstanden aus dieser langen emanzipatorischen Tradition, und es wäre schierer Wahnsinn, das Schlachtfeld dieser edlen Tradition vor obszönen Populisten und Konservativen zu räumen.

Und dasselbe gilt für viele umstrittene politische Persönlichkeiten. Ja, Thomas Jefferson hatte Sklaven und war gegen die Revolution in Haiti – doch er legte auch die politisch-ideologischen Grundlagen für die spätere Befreiung der Schwarzen. Und ja, mit seinem Einfall in Amerika verursachte Westeuropa den vielleicht größten Völkermord der Weltgeschichte. Aber das europäische Denken legte die politisch-ideologische Grundlage dafür, dass wir heute das ganze Ausmaß dieses Schreckens sehen können.

Der Reichtum etlicher britischer Unternehmen gründete sich auf dem transatlantischen Sklavenhandel. (Symbolbild)

Und es geht hier nicht bloß um Europa: Denn – ja, während der junge Gandhi in Südafrika für rechtliche Gleichstellung der Inder kämpfte, dachte er nicht an die Not der Schwarzen. Aber er führte dennoch erfolgreich die größte antikoloniale Bewegung an.

Während wir also unsere Vergangenheit (und vor allem die Vergangenheit, sofern sie sich in unserer Gegenwart fortsetzt) schonungslos kritisieren sollten, sollten wir nicht der Selbstverachtung erliegen: Respekt gegenüber Anderen, der auf Selbstverachtung beruht, ist immer und per Definition falsch.

Das Paradoxe daran ist, dass in unseren Gesellschaften die Weißen, die sich an antirassistischen Protesten beteiligen, meist die Weißen aus der oberen Mittelschicht sind, die sich scheinheilig mit Genuss in ihrer Schuld suhlen. Vielleicht sollten sich diese Demonstranten von Frantz Fanon lernen, dem man sicherlich nicht vorwerfen kann, nicht radikal genug zu sein, eine Lektion erteilen lassen:

Jedes Mal, wenn ein Mann zum Sieg der Würde des Geistes beigetragen hat, jedes Mal, wenn ein Mann Nein gesagt hat zu einem Versuch, seine Mitmenschen zu unterjochen, habe ich mich mit seiner Tat solidarisch gefühlt. In keiner Weise muss meine grundlegende Berufung aus der Vergangenheit der farbigen Völker geschöpft werden. /.../ Meine schwarze Haut ist kein Aufbewahrungsort für bestimmte Werte. /.../ Ich als farbiger Mann habe nicht das Recht, darauf zu hoffen, dass sich in dem weißen Mann eine Schuld gegenüber der Vergangenheit meiner Rasse herauskristallisiert. Ich als farbiger Mann habe nicht das Recht, nach Wegen zu suchen, um den Stolz meines früheren Herrn niederzutrampeln. Ich habe weder das Recht noch die Pflicht, Wiedergutmachung für meine unterworfenen Vorfahren zu fordern. Es gibt keine schwarze Mission; es gibt keine weiße Last. /.../ Werde ich die Weißen von heute bitten, sich für die Sklavenhändler des siebzehnten Jahrhunderts zu verantworten? Werde ich mit allen Mitteln versuchen, die Schuld in ihren Seelen aufkeimen zu lassen? /.../ Ich bin kein Sklave der Sklaverei, die meine Vorfahren entmenschlicht hat.

Das Gegenteil von Schuld (der weißen Männer) ist nicht die Toleranz für ihren fortgesetzten politisch korrekten Rassismus, wie sie am prominentesten in dem berüchtigten Video von Amy Cooper demonstriert wird, das im New Yorker Central Park gedreht wurde.

In einem Gespräch wies mich der Akademiker Russell Sbriglia darauf hin, dass "der seltsamste und erschütterndste Teil des Videos darin besteht, dass sie ausdrücklich sagt – sowohl dem schwarzen Mann selbst, bevor sie den Notruf wählt, als auch dem Mitarbeiter der Polizei-Meldezentrale, sobald sie sie erreicht – dass 'ein afroamerikanischer Mann' ihr Leben bedroht.  Es ist fast so, als könne das, was sie tut, unmöglich rassistisch sein kann – wenn sie nur den richtigen, politisch korrekten Jargon beherrscht ('Afroamerikaner', nicht 'Schwarzer')".

Anstatt unsere Schuld auf perverse Weise zu genießen (und damit die wahren Opfer zu bevormunden), brauchen wir aktive Solidarität: Schuld und Opferbewusstsein machen uns unbeweglich. Nur wir alle zusammen können, indem wir uns selbst und gegenseitig als verantwortungsbewusste Erwachsene behandeln, Rassismus und Sexismus besiegen.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Übersetzt aus dem Englischen.

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