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Exklusiv-Interview: Wie weit gehen Ukraine und NATO nach dem Vorfall in der Straße von Kertsch?

Exklusiv-Interview: Wie weit gehen Ukraine und NATO nach dem Vorfall in der Straße von Kertsch?
Ukrainische Grenzschutzboote liegen im Schwarzmeerhafen Odessa, Ukraine, 26. November 2018.
Angesichts des eskalierten Vorfalls in der Straße von Kertsch gewinnt die Frage an Brisanz, wie weit die Ukraine und die NATO in einer militärischen Konfrontation mit Russland gehen können. RT hat mit einem russischen Marinekapitän im Ruhestand gesprochen.

von Ali Özkök

Nachdem in der Straße von Kertsch drei bewaffnete Schnellboote der Seestreitkräfte der Ukraine und ein Schlepper die russischen Grenzen zu Wasser verletzt hatten, dabei von einem Schiff der russischen Küstenwache abgefangen und schließlich beschlagnahmt wurden, stellt sich die berechtigte Frage: Was nun? Könnte die Ukraine den Zusammenstoß zum Anlass für eine weitere Eskalation nutzen, zumal sich die Regierung in Kiew von der NATO unter Führung der USA gedeckt sieht?

Der Kapitän zur See Igor Terjochin kennt die Lage gut: Er verbrachte seine Karriere auf dem Schwarzen Meer. Nun ist er im Ruhestand und wohnt auf der Krim. Im Gespräch mit RT erklärte er, wie wahrscheinlich eine Eskalation durch NATO und Ukraine ist, und legt die Kräfteverhältnisse in der Schwarzmeerregion dar.

Den gestrigen Vorfall, bei dem es in der Straße von Kertsch zu einem Zusammenstoß zwischen den Flotten Russlands und der Ukraine gekommen ist, stuft der russische Sicherheitsdienst FSB als eine absichtliche Provokation seitens der Ukraine ein. Wie bewerten Sie als ehemaliger Kapitän zur See solche Äußerungen – und wie sehen Sie die Vorgeschichte dieser Eskalation?

Es ist kein Geheimnis, dass sich die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine nach den Ereignissen von Februar und März 2014 drastisch verschlechtert haben. Die Wiedereingliederung der Krim durch Russland wird in Kiew als eine völkerrechtswidrige Annexion der Halbinsel eingestuft. Dadurch beanspruchen beide Länder die Gültigkeit des eigenen Rechtsbereiches sowohl auf der Halbinsel selbst als auch im angrenzenden Luft- und Seeraum – und erkennen die Rechtsnormen und die sie ausdrückenden Akte der Gegenseite nicht an. Indes ist die Krim de facto und de jure russisches Territorium, und Russland übt mithilfe der zuständigen Staatsorgane die Kontrolle über und Verwaltung dieses Territoriums aus. Der Grenzschutzdienst des FSB ist da keine Ausnahme. Die ukrainische Seite war über das soeben Dargelegte zweifelsohne in voller Kenntnis, verzichtete aber dennoch nicht auf den Plan, bewaffnete Schnellboote und einen Schlepper in Gewässer unter Kontrolle der Küstenwache des russischen FSB zu entsenden. In Betracht dessen, dass diese Handlung eine absichtliche war und dass die Reaktion der Küstenwache des FSB darauf für das ukrainische Militär durchaus zu berechnen und zu erwarten war, ist meine Ansicht, dass die Aktionen der Schiffe der Seestreitkräfte der Ukraine eindeutig den Charakter einer Provokation trugen.

Anscheinend haben sich die ukrainischen Kriegsschiffe zwischen Odessa und Mariupol bewegt. War das eine Taktik, die die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine zusätzlich künstlich anspannen sollte?

Seit dem Frühling dieses Jahres, als der ukrainische Grenzschutz das Schiff "Nord" festsetzte, dessen Heimathafen auf der Krim war, heizte sich die Lage im Asowschen Meer auf. Sowohl die Ukraine als auch Russland bauten ihre marinemilitärische Präsenz in dieser Region aus. Der besondere Rechtsstatus des Asowschen Meeres wurde auch zuvor schon häufig zu einem Problem – doch jetzt, wo Russland und die Ukraine sich faktisch in einer Konfrontation gegenüberstehen, hatte er zur Folge, dass die Küstenwachen beider Länder beim Anhalten, Durchsuchen und Festsetzen von Schiffen der Gegenseite deutlich aktiver wurden. Kiew hat angefangen, seine Kriegsschiffpräsenz im Asowschen Meer zielgerichtet auszubauen. Und schon im September dieses Jahres wurde eine Gruppe von Kriegsschiffen der Seestreitkräfte der Ukraine aus Odessa nach Berdjansk verlegt – unter steter Beobachtung und Kontrolle der Küstenwache des russischen FSB. Trotz kleinerer Zwischenfälle passierten diese Schiffe die Straße von Kertsch und gelangten ins Asowsche Meer. Ich denke, das war eine Art Federprobe oder, wenn man will, eine gewaltsame Aufklärung, wie wir Militärs sagen, um die Reaktion Russlands zu beobachten. Und allem Anschein nach wollten die vom ersten Erfolg beflügelten Seeleute der Ukraine nun eine etwas kessere Vorgehensweise probieren. Natürlich wurde das auf dem Niveau des Verteidigungsministeriums der Ukraine und des Generalstabs der Streitkräfte der Ukraine abgesegnet – das heißt, das Risiko der Eskalation war wohlbekannt, und man nahm es auf den höchstem Staatsebenen bewusst in Kauf, um die Lage zu verschärfen.

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Poroschenko will das Kriegsrecht verhängen. Kann man erwarten, dass die militärische Lage im Donbass sich verschärfen wird – und könnte sich dies auch auf die Krim ausbreiten?

Eine Verhängung des Kriegsrechts in der Ukraine – naja, das ist eher für den innenpolitischen Gebrauch. Ich denke, das wird zuallererst den Donbass und eine Reihe weiterer Region im Süden wie Mariupol und die Oblaste Cherson, Odessa, Nikolajew betreffen. Maßnahmen der Mobilmachung, Einschränkung der persönlichen Freiheit, die Übergabe der Kontrolle von zivilen Verwaltungsorganen an den Gewaltapparat und andere Implikationen einer Verhängung des Kriegsrechts werden Kiew erlauben, mögliche Tendenzen zum Separatismus in den genannten Regionen unter strengerer Kontrolle zu halten. Die Krim hingegen betrifft das in keiner Weise, und daher ist das für uns auch völlig schmerzlos. Möglich ist allerdings, dass der Transit von Ukrainern oder Krimbewohnern über die Grenzübergänge auf der Landenge von Perekop dadurch deutlich eingeschränkt wird oder gänzlich zum Stillstand kommt.

Wie würden Sie die militärische Balance im Gebiet um die Krim zwischen Moskau und Kiew nach der Wiedereingliederung der Halbinsel beschreiben? Kann Russland jedem Angriff seitens der Ukraine standhalten?

In den letzten Jahren hat Russland äußerst viel für die Stärkung des eigenen militärischen Potenzials auf der Krim getan. Verglichen mit dem Jahr 2014, ist die Streitkräftegruppe mengenmäßig gewachsen und hat sich qualitativ gebessert. Moderne Raketensysteme zur Küstenverteidigung, neue Fregatten der Admiral-Grigorowitsch-Klasse und andere Raketenschiffe sowie sechs neue U-Boote können jedem Gegner in der Region Paroli bieten. Die Ukraine hat äußerst geringe Chancen, an einer offenen militärischen Konfrontation mit Russland im Nord-Westen des Schwarzen Meeres und in Krim-Gewässern teilzunehmen, geschweige denn zu bestehen – vor allem im Zusammenhang mit dem völligen Fehlen eigener Kriegsschiffe und einer zu vernachlässigenden Flotte an Jagd- und Jagdbomberflugzeugen.

Die ukrainische Regierung hat die NATO aufgerufen, der ukrainischen Armee bei ihren Aktionen gegen Russland zu helfen. Kommentieren Sie bitte als Kenner der Region und ehemaliger Offizier: Welche Folgen hätte eine Einmischung durch den Westen?

Ich ziehe stark in Zweifel, dass sich die NATO in der gegebenen Situation zu irgendwelchen Gewaltakten gegen Russland in dieser Region versteigt. Das Maximum, das wir erwarten können, ist eine verstärkte Aktivität der Luftaufklärung der USA und der NATO über dem Schwarzen Meer und regelmäßige Stopps der NATO-Kriegsschiffe in den Schwarzmeerhäfen der Ukraine und anderer Länder der Region als Ausdruck einer "Unterstützung". Vergessen wir außerdem nicht, dass die Kriegsschiffspräsenz im Schwarzen Meer seitens der Nichtanrainer-Staaten einer Dauer- und Tonnagebegrenzung unterliegt, gemäß Bestimmungen im Vertrag von Montreaux von 1936. Vor allem die Türkei kontrolliert die Einhaltung dieser Bestimmungen und wird es auch weiter tun. Das in aller Kürze.

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Gestern haben die russischen Seestreitkräfte die ukrainischen Kriegsschiffe festgesetzt, die am Vorfall in der Straße von Kertsch beteiligt waren. Werden diese Schiffe zurückgegeben?

Meiner Ansicht nach wird es in der nächsten Zeit nicht dazu kommen.  Wahrscheinlich wird eine Ermittlung wegen Grenzverstößen eingeleitet – und bis zu deren Ende werden die Schnellboote in russischem Besitz verbleiben. Das Urteil des Gerichts kann unterschiedlich ausfallen – bis zu einer Konfiszierung dieser Schnellboote durch das FSB. Ich messe einer solchen Entwicklung eine Wahrscheinlichkeit von etwa 65 Prozent zu. Die Zeit wird es zeigen.

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