Forum in Wladiwostok: Politisches Spektakel oder wirtschaftlicher Durchbruch?

Forum in Wladiwostok: Politisches Spektakel oder wirtschaftlicher Durchbruch?
Der chinesische Präsident Xi Jinping während des Forums in Wladiwostok.
Vom 11. bis zum 13. September fand in Wladiwostok das vierte Eastern Economic Forum (WEF) statt. Die Konferenz war mehr als repräsentativ. Unter den Teilnehmern waren die Regierungschefs Chinas und Japans - der Länder mit dem zweit- und drittgrößten BIP der Welt.

von Dr. Kamran Gasanov

Russland und Südkorea stehen beim BIP ziemlich weit hinter China und Japan und teilen sich die Plätze 11 und 12. Doch kompensiert Moskau dies durch seine wachsende geopolitische Rolle und Südkorea durch die Tatsache, dass es auf der Welt führend im Schiffbau ist. Die Bedeutung des WEF beweist auch, dass alle Länder von Personen ihrer Führungen vertreten wurden. Der chinesische Präsident Xi Jinping kam zum ersten Mal. Viele wurden von großen Unternehmen ihrer Länder, für Japan zum Beispiel von den Unternehmen Mitsui und Mazda, Korea von Daewoo und Lotte sowie China von CNPC, Sinopec und der Alibaba-Group begleitet.

(Symbolbild)

Betrachtet man die geopolitischen Orientierungen der Länder, erscheint die Schaffung eines seriösen regionalökonomischen Projekts als eine äußerst ambitionierte Aufgabe. Japan und Südkorea sind Verbündete der USA, die China und Russland als ihre Gegner betrachten. Japan hat einen Territorialstreit mit Russland über die Kurilen und stand zusammen mit Südkorea bis vor kurzem am Rande eines Krieges mit Nordkorea, das von China unterstützt wird. Anders als im euro-atlantischen Raum, steht hier in Ostasien aber ökonomische Rationalität oft über der Geopolitik. So führt Peking beispielsweise in der Liste der Wirtschaftspartner von Seoul und Tokio.

Dennoch kann der russische Ferne Osten zur Festigung gemeinsamer Interessen der vier Länder dienen. Wladimir Putin will in der Region "ein leistungsfähiges Zentrum für internationale Zusammenarbeit, Integration, Geschäfts- und Investitionstätigkeit" schaffen. Chinesische, japanische und koreanische Investitionen in Infrastruktur, Energie, Bildung und Landwirtschaft werden den Fernen Osten zu einem weiteren wirtschaftlichen Zentrum Ostasiens machen. Für Russland sei der Ferne Osten das Hauptprojekt des 21. Jahrhunderts, unterstrich Putin.

Die wirtschaftliche Schwäche Russlands gegenüber den drei „asiatischen Giganten“ kann durch sein enormes Energie- und geografisches Potenzial kompensiert werden. Die Nachfrage nach Öl und Gas auf dem asiatischen Markt steigt beständig. Dies wird durch das schnelle Wachstum der Handelsumsätze bestätigt. In den sieben Monaten des Jahres 2018 hat Russland den Handel mit Südkorea um 30% auf 15 Milliarden US-Dollar (sogar um 20% beim LNG- Export) erhöht. Laut der Prognose des russischen Wirtschaftsministers Maxim Oreschkin, kann zum Ende dieses Jahres der russisch-japanische Handel (21-22 Milliarden USD) den US-japanischen Handel überholen. Die Japaner zeigen Interesse am Bau der Projekte "Sachalin-2" und "Arctic LNG-2". Insbesondere haben Gazprom und Mitsui im ​​Rahmen des WEF ein Memorandum zum "Baltischen LNG" unterzeichnet. Die russische Gasgesellschaft selbst plant rund 1 Milliarde US-Dollar in den Bau eines LNG-Terminals auf Kamtschatka zu investieren, um Gas von der Jamal-Halbinsel nach Ostasien zu transportieren.

Für die Geographie sind zwei Projekte wichtig: der Nördliche Seeweg und die Eisenbahn von Korea nach Russland über Primorje. Der Nördliche Seeweg durch die russische Arktis wird die Transportzeit von Ostasien nach Europa und umgekehrt halbieren. Es wird eine gute Alternative zur gefährlichen und - auch im zeitlichen Sinne - kostspieligen Nahost-Route sein. Kürzlich unterzeichneten Japan und die EU ein Abkommen über die größte Freihandelszone in der Welt. Angesichts der Zölle, die Donald Trump einführte, denkt die EU auch über eine Liberalisierung des Handels mit China nach, dessen Exporte in die „Alte Welt“ die der USA übersteigen. Die chinesische COSCO (China Ocean Shipping (Group) Company) und der Silk Road Fund (Seidenstraßen-Fonds) unterzeichneten mit dem russischen Gazprom-Konkurrenten Novatek einen Vertrag über die Finanzierung und Implementierung neuer Logistik-Routen für die Lieferung von Gas und Öl aus Russland an die Länder der Region entlang der Nordsee-Route sowie die Schaffung von Transit-Punkten zwischen Europa und Asien.

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Neben dem Meer gibt es auch eine Landstraße durch das russische Territorium, eine weitere Route der "Neuen Seidenstraße". Es ist geplant, eine Eisenbahnstrecke von Südkorea bis zur DVRK und dann durch chinesisches Territorium in die russische Region Primorje zu bauen. Parallel dazu wird die Verbindung der japanischen Insel Hokkaidō mit der Insel Sachalin geplant, die wiederum durch eine Brücke das kontinentale Russland erschließen soll. Sowohl die japanischen als auch die koreanischen Eisenbahnen werden dann durch Russland mit Westeuropa verbunden sein.

"Der nördliche Seeweg und der Eisenbahnverkehr durch Russland ermöglichen es, eine schnelle und sichere Handelsroute zwischen den größten Verbrauchern von Waren und Dienstleistungen in der Welt zu schaffen, mit Ausnahme der Vereinigten Staaten. Außerdem verbinden diese Wege ein Drittel der Bevölkerung des Planeten. Für die EU ist das insbesondere nach der Verabschiedung protektionistischer Maßnahmen der USA aktuell. Darüber hinaus will China die Wirtschaft auf den Inlandsverbrauch umstellen. Und das bedeutet etwa 1,5 Milliarden Verbraucher und die Nachfrage nach Importen aus anderen Ländern, einschließlich aus der EU und Russland", sagte der Experte für internationale Handelsbeziehungen Mehti Mehtijew im Gespräch mit dem Autor.

Die Existenz geopolitischer Konfrontationen kann natürlich die Umsetzung der oben genannten Projekte verzögern. Das Perspektive der koreanischen Eisenbahn hängt vom gegenwärtigen Waffenstillstand und Friedensprozess auf der koreanischen Halbinsel ab, was durch das Verhalten von Trump und den Vereinigten Staaten verzögert werden kann. Auf der anderen Seite hat China Angst vor der Abhängigkeit von Russland und setzt vorerst auf die mittlere Route "Ein Gürtel – eine Straße“ - durch Zentralasien, den Kaukasus, die Türkei und den Balkan. Und drittens dauert die Konfrontation zwischen Russland und Europa wegen der Ukraine an.

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