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Autor Uwe Tellkamp: Tonangeber in Medien und Kultur vertragen keinen Widerspruch

Autor Uwe Tellkamp: Tonangeber in Medien und Kultur vertragen keinen Widerspruch
Tellkamp nach seiner Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis 2008
Der Schriftsteller Uwe Tellkamp hat einen offenen Brief veröffentlicht, in dem er scharf gegen die Kulturszene und die Medien austeilt. Diese vertrügen keinen Widerspruch mehr, so Tellkamp, der einen Tiefpunkt in der deutschen Debattenkultur konstatiert.

Der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp hat in einem offenen Brief scharfe Kritik an Kulturinstitutionen und Medien geäußert. Der Brief erschien im Online-Portal der Zeitschrift Sezession, die sich selbst als rechtsintellektuell beschreibt. Tellkamp bezog sich mit seinem Brief auf die in einem weiteren offenen Brief in der Zeitschrift Elbhang-Kurier veröffentlichte Kritik der Kulturschaffenden Paul Kaiser und Hans-Peter Lühr an der Buchhändlerin Susanne Dagen für ihre Kooperation mit dem Antaios-Verlag. Vor allem aber bezog er sich auf die am 9. November veröffentlichte "Erklärung der Vielen".

Ihn wollen die Kulturschaffenden loswerden: Innenminister Seehofer am Freitag in Berlin neben der Kanzlerin.

In dieser Erklärung, die so gut wie alle bedeutenden kulturellen Institutionen in Dresden, Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen unterzeichnet haben, wird der gemeinsame Kampf gegen "rechten Populismus" gefordert, der eine Bedrohung für Vielfalt und Offenheit darstelle. Symbol der Kampagne ist die "goldene Rettungsdecke".

Tellkamp platzt ob dieser Erklärung und der Kritik an Dagen offenbar der Kragen. Nicht die angeblichen oder tatsächlichen Rechten seien intolerant, sondern der Mainstream:

Wer ist es, der keinen Widerspruch verträgt? Oft habe ich den Eindruck, die politisch sich links oder bei den Grünen verortenden Tonangeber in weiten Teilen unserer Medien und unserer Kulturbranche sind es, nicht die paar rechten oder als rechts verschrienen Einmannunternehmen, die auf kleinen Blogs oder in kleinen Zeitschriften gegen die Wucht des Common sense anschreiben.

Diese Erklärung, nach Aussagen einiger Interviewter bewusst am 9. November veröffentlicht, ist für mich ein Tiefpunkt der Debatten- und Toleranzkultur und zeugt von nichts anderem als dem moralischen und intellektuellen Bankrott der Initiatoren.

Was bleibe, sei Hysterie. Tellkamp sieht es als Zustandsbeschreibung der Gegenwart, dass eine solche Erklärung nicht nur möglich sei, "sondern offenbar breiteste Unterstützung bei jenen Medien- und Kulturschaffenden erfährt, die sich einbilden, auf der richtigen, der allein guten Seite zu stehen." Seine Kritik an den Kulturschaffenden verbindet der Autor mit einem Rundumschlag gegen die Medien:

Wer grenzt aus? Wohin neigt die Berichterstattung (so es denn eine ist) der meisten Journalisten in den meisten unserer Medien, wenn Themen wie Migration, Heimat, Nation, deutsche Kultur angesprochen werden – nach links und grün oder nach rechts?

Die sozialen Medien bildeten Lage und Meinungen ausgeglichener ab als die klassischen Medien und stellten damit auch ein Ventil für Menschen dar, die anderswo kein Gehör mehr fänden.

Der Autor hinterfragt die gängigen Narrative der Begriffe "rechts" und "weltoffen". Nicht jedes Bekenntnis zur Nation sei Nationalismus, wer die deutsche Kultur liebe, sei nicht gleich ein Nazi, wie manche Publikationen es nahelegten. Tellkamp lobt ausdrücklich Susanne Dagen für das Offenhalten des Diskurses:

Dagen hat sich entschieden, sich hier nicht billig einzureihen, das empfinde ich ganz im Gegensatz zu Lühr und Kaiser als mutig, als frei, als eigentlich liberal – wie gesagt, die Grenze zu dem, was nicht mehr diskutiert und getan werden darf, zieht immer noch das Strafrecht, nicht die Moral einiger Edelignoranten in Kirche, Kultur, Medien, die glauben, auf den 'Pöbel' herabblicken zu müssen, nur weil er eine andere Meinung über Leben und Welt hat.

Wie bereits im März, als Tellkamp bei einer Podiumsdiskussion mit dem Dichter Durs Grünbein scharfe Kritik an der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung geübt und erklärt hatte, es brauche Mut den "vorgegebenen Meinungskorridor" zu verlassen, forderte er auch jetzt eine offene Diskussion der Themen Zuwanderung und Integration:

Jeder Zuwanderer bringt sein Herkommen mit, seine Kultur; die oft beschworene Integration, gar Assimilation ist, blickt man auf die inzwischen etablierten Parallelgesellschaften, mehr Wunschdenken als Realität. Die von Lühr und Kaiser zum Kennenlernen empfohlenen netten Menschen im Café Gustav sind gewiß nicht die, die in Freiburg, Offenburg, Kandel, Köln und Chemnitz Einstellungen zu ihren Gastgebern offenbaren, die viele Menschen nicht von ungefähr empören. Haben #unteilbar und unsere Feministinnen gegen die Vergewaltigungen protestiert? Gegen die inzwischen alltäglich gewordenen Messerstechereien? Ich kann mich nicht erinnern.

Uwe Tellkamp wurde mit der Veröffentlichung seines als "großen Wenderomans" gefeierten Buchs "Der Turm" berühmt und gilt seitdem als einer der angesehensten deutschen Autoren. Seit seinen ersten Wortmeldungen zur Ausgrenzung rechter Verlage bei der Leipziger Buchmesse und zur Flüchtlingspolitik 2017 wird er in den Medien zunehmend negativ dargestellt. Das dürfte sich nach seinem offenen Brief vom Dienstag noch verstärken.

Es gibt Gründe, Tellkamp zu kritisieren: Seine gewollt knorrig daherkommende Sprache ist nicht jedermanns Sache, wirkt aber doch weniger anstrengend als die der mit Gender-Sternchen geschmückten "Erklärung der Vielen". Mit seiner Kritik an der Migrationspolitik bleibt er letztlich an der Oberfläche, weil er deren humanitären Überbau – wie die von ihm kritisierten Kulturschaffenden und Medien – für voll nimmt, nur dass er ihn im Gegensatz zu diesen kritisiert. Die zugrundeliegenden "harten" wirtschaftlichen und politischen Interessen übersieht er.

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Dennoch hat Tellkamp mit dem von ihm beschrieben Gesinnungskorridor und der Intoleranz der Meinungsführer recht. Dies zeigt schon die Reaktion der Medien auf seinen offenen Brief. Viel Aufmerksamkeit hat er nicht bekommen. Wenn doch über Tellkamps Brief geschrieben wird, wie bei FAZ und Welt, wird diese Befassung gleich als Argument gegen den Autor verwendet. Tellkamp finde bei den klassischen Medien Gehör, also habe er Unrecht. Ein Recht auf eine "Debatte ohne Widerspruch" gebe es in der Demokratie nun einmal nicht, fügt die Welt hinzu – als ob der Autor ein solches eingefordert hätte, und eben nicht einen offenen Diskurs ohne Ausgrenzungen.

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