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Auch 38 Jahre nach Bombenanschlag auf das Oktoberfest: Aufklärung in weiter Ferne

Auch 38 Jahre nach Bombenanschlag auf das Oktoberfest: Aufklärung in weiter Ferne
Kopie des Personalausweises von Gundolf Köhler, dem mutmaßlichen Bombenleger von München.
Heute vor 38 Jahren tötete eine Rohrbombe während des Oktoberfests 13 Menschen. Die Alleintäterschaft des rechtsradikalen Gundolf Köhler wurde von jeher angezweifelt. Die Wiederaufnahme der Ermittlungen von 2014 stocken – auch weil der Verfassungsschutz mauert.

Es ist bis heute der größte Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik: Heute vor 38 Jahren, am 26. September 1980 um 22:19 Uhr, detonierte während des Oktoberfests eine Rohrbombe. Die in einem Papierkorb nahe dem Haupteingang deponierte Bombe tötete 13 Menschen, 211 wurden verletzt, 68 davon schwer. Die Bombe bestand aus einer entleerten britischen Mörsergranate, die mit 1,39 Kilogramm TNT befüllt war. Dieser Artikel soll einen groben Überblick zu dem Attentat geben, dessen Aufarbeitung mittlerweile ganze Bücherregale füllt. Eine detaillierte Wiedergabe und Analyse der Ereignisse würde den journalistischen Rahmen sprengen.

Als Verantwortlicher für den Anschlag wurde schnell der Rechtsradikale Gundolf Köhler ermittelt, der selbst bei dem Anschlag umkam. Köhler war Anhänger der neonazistischen Wehrsportgruppe Hoffmann, die am 30. Januar 1980 verboten worden war. Die Wehrsportgruppe Hoffmann war eine paramilitärische Organisation und bezeichnete sich selbst als einen "nach militärischen Gesichtspunkten organisierten, straff geführten Freiwilligenverband". Die Gruppe wollte das bestehende System der Gesellschaft durch eine "nach dem Leistungs- und Selektionsprinzip ausgerichtete Führerstruktur" ersetzten, in dem die Regierungsgewalt "von einer in der obersten Führung zusammengefassten Gruppe" ausgehen sollte.

Doch die These der Alleintäterschaft von Köhler wurde von Beginn an bezweifelt. Eine mögliche Mittäterschaft rechtsextremer Gruppen erschien angesichts damaliger Zeugenaussagen als naheliegend. Dieser Verdacht wurde zudem 2008 durch neue Aktenfunde gestützt. Außerdem gab und gibt es immer wieder Vermutungen und Thesen über die Verstrickung der sogenannten "Stay-Behind-Army" der NATO in Westeuropa, die sich in Italien "Gladio" nannte. Diese Organisation der NATO in Italien war eine geheime paramilitärische Organisation, die dort im Falle einer Invasion von Truppen des damaligen Warschauer Paktes Guerilla-Operationen und Sabotage-Anschläge gegen die Invasoren durchführen sollte.

Die Geheim-Organisation in Italien wurde als erste 1990 entdeckt, als der italienische Untersuchungsrichter Felice Casson im Rahmen seiner Untersuchungen von Terroranschlägen im Archiv des italienischen Geheimdienstes SISMI Dokumente fand, die auf eine geheime Organisation namens "Gladio" hinwiesen. Im August 1990 bestätigte der damalige Premierminister Giulio Andreotti gegenüber der Öffentlichkeit erstmals die Existenz einer solchen Organisation. Ähnliche "Stay-Behind-Organisationen" wurden auch in anderen westeuropäischen Staaten bekannt. So bestätigte das Luxemburger Parlament 1990 ebenfalls die Existenz einer "Stay-Behind-Organisation" im Land und gab gleichzeitig deren sofortige Auflösung bekannt. 

Zu einer möglichen Verbindung zwischen einem Gladio-Pendent und dem Anschlag auf das Oktoberfest kam es unter anderem durch den Schweizer Historiker Daniele Ganser, der in seinem Buch "NATO-Geheimarmeen in Europa" von 2008 behauptet, am Oktoberfestattentat sei eine deutsche "Stay-Behind-Gruppe" beteiligt gewesen, zu der möglicherweise der Rechtsextremist Heinz Lembke und seine 1981 entdeckten Waffenlager gehört hätten. Ganser verweist in seinem Buch auf die ungeklärte Herkunft der Waffenlager, auf Lembkes Beziehungen zu anderen Rechtsextremisten im Umfeld Köhlers und auf fehlerhafte oder bewusste polizeiliche Ermittlungsdefizite.

Zudem gibt es eine Aussage des angeblichen Historikers Andreas Kramer aus dem Jahr 2013. Kramer behauptet in dieser Aussage, dass sein Vater Johannes Kramer Kontakt zur Wehrsportgruppe Hoffmann und dem späteren Attentäter Gundolf Köhler gehabt habe. Mit Köhler und wei­teren BND-Mitarbeitern soll Kramer Senior in einer Garage in Donaueschingen die Bombe für den Anschlag auf das Oktoberfest gebaut haben. Der Anschlag sollte demnach ein Klima der Angst schaffen, Kommunisten in Misskredit bringen und einen Rechtsruck herbei­führen.

Zudem sagte Andreas Kramer unter Eid aus, dass sein Vater Operationsleiter einer "Gladio"-Struktur für den deutschen Bundes­nachrichtendienst (BND) gewesen wäre und unter anderem Koordinator von Bombenleger-Aktionen in Luxemburg. Er hätte diese mit dem damaligen Chef des Luxemburger Geheimdienstes, Charles Hoffmann, gemeinsam geplant. Kramer Senior und Hoffmann sollen außerdem Mitglieder im "Allied Clandestine Committee" gewesen sein. Allerdings wurden die Aussagen von Andreas Kramer in Zweifel gezogen.

Laut seiner Familie sei er immer wieder als notorischer Lügner aufgefallen. So verfüge er - entgegen seinen Behauptungen - über keinen akademischen Abschluss. Er habe seine Familie diesbezüglich jahrelang hinters Licht geführt. Immer wieder habe Kramer diffuse Angaben über seine vermeintlichen Berufe gemacht, darunter Professuren und Tätigkeiten beim Rundfunk. Nachforschungen seiner Familie hätten allerdings ergeben, dass es sich dabei um Lügen handelte. 

Symbolbild: Demonstration von Rechtsextremen in Hannover, Deutschland, 15. November 2014.

Zudem soll Kramer mehrmals versucht haben, Kontakt zu französischen, amerikanischen und britischen Geheimdiensten aufzunehmen. Dabei habe er sich stets als Agent deutscher Nachrichtendienste ausgegeben. Auch beim Sorgerechtsstreit um seine beiden Kinder habe er dem zuständigen Senat erzählt, dass er als Mitarbeiter der Bundesregierung Ermittlungen gegen Agenten des KGB geleitet habe. Er sei Agent und habe Kontakte zur CIA und zum MI6.

Auch wenn die vermeintliche Beteiligung einer "Stay-Behind-Gruppe" bis heute nicht belegt werden konnte, blieben dennoch Unklarheiten und Zweifel über die offiziellen Ermittlungsergebnisse. Einige Zeugen hatten den Ermittlern schon 1980 bis 1982 Hinweise auf mögliche Mittäter gegeben. Hier einige Beispiele:

Ein Zeuge Namens Frank Lauterjung gab in mindestens fünf Befragungen an, er habe Köhler etwa 30 Minuten vor der Explosion nahe dem Tatort angeregt mit zwei Männern in grünen Parkas reden sehen und habe ihn dann im Eingangsbereich des Oktoberfestes minutenlang beobachtet. Köhler habe eine weiße Plastiktüte mit einem zylinderförmigen schweren Gegenstand und einen kleinen Koffer getragen und die Tüte in einen Papierkorb gestellt.

Eine Zeugin sagte aus, Köhler und ein weiterer Mann hätten sich kurz vor der Explosion gegenübergestanden, beide mit den Händen an einem weißen Gegenstand, und offenbar daran gezerrt. Der Gegenstand sei in die Luft geflogen, dann sei es zur Explosion gekommen. Im selben Moment habe sie noch die Beine von einem der weglaufenden Männer gesehen. Kurz nach der Explosion habe sie einen Dialog zweier Männer nahe der Leiche Köhlers gehört, in dem einer der Beteiligten gerufen habe: "Ich wollt’s nicht, ich kann nichts dafür, bringt’s mich um."

Am 27. September 1980 gestanden zwei inhaftierte Rechtsextremisten, dass der rechtsextreme Waffenexperte Heinz Lembke den "Deutschen Aktionsgruppen" im August 1980 militärischen Sprengstoff und Zünder gezeigt und angeboten habe, sie in deren Gebrauch auszubilden. Er habe auch von Waffendepots im Wald gesprochen. Nach einer ergebnislosen Hausdurchsuchung bei Lembke am 29. September 1980 wurde diese Spur nicht weiterverfolgt. Lembke wurde nicht verhört und im Abschlussbericht von 1982 zu Köhler auch nicht erwähnt. Erst nach einem zufälligen Waffenfund im Oktober 1981 wurde Lembke festgenommen und gab über 20 seiner Waffendepots preis. Ein Depot, das er nicht preisgeben wollte, wurde nicht gefunden. Im November 1981 beging er Selbstmord.

In 2008 berichtete der Autor Tobias von Heymann von zwei Mitgliedern der verbotenen Wehrsportgruppe Hoffmann, die wahrscheinlich zum Umfeld Köhlers gehört und eine Beteiligung an den Attentaten behauptet hätten. Die eine Person sei ein gewisser Stefan Wagner. Heymann berichtete: "Am 2. August 1982 lieferte er sich nach einer Schießerei mit Geiselnahme eine stundenlange Verfolgungsjagd mit der Polizei. Dabei legte er gegenüber Geiseln eine Art Geständnis ab und bezichtigte sich selbst der Teilnahme am Münchner Attentat. Dann erschoss er sich – ähnlich wie bei einem Amoklauf."

Historische Aufnahme vom Hauptquartier der NATO in Brüssel.

Der andere Mann soll Walter Ulrich Behle, ein V-Mann des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalen gewesen sein, der zur Zeit der Bombenexplosion an einer Überführung von Geländewagen in den Nahen Osten, allem Anschein nach für die PLO, teilnahm. Dieser habe sich im Oktober 1980 nach Damaskus abgesetzt und soll dort in einem glaubhaft bezeugten Gespräch gegenüber Karl-Heinz Hoffmann, dem Gründer der Wehrsportgruppe Hoffmann, folgendes geäußert haben: "Ja, deswegen kann ich nicht mehr nach Deutschland zurück, wir waren das selbst."

Trotz der offensichtlichen Widersprüche und der ungeklärten Aktenlage, so räumte 2014 der bayerische Staatsminister des Innern, Joachim Herrmann, ein, dass in den ihm unterstellten Behörden noch nicht ausgewertete Akten zum Attentat und der Wehrsportgruppe lagern, kam es zunächst zu keiner Neuauflage der Ermittlungen. Ebenfalls erst 2014 prüfte die Generalbundesanwaltschaft aufgrund neuer Zeugenaussagen, die der Rechtsanwalt Werner Dietrich gesammelt und bekannt gemacht hatte, die Wiederaufnahme der Ermittlungen.

Zuvor hatte sich auch der damalige Bundesjustizminister Heiko Maas dafür ausgesprochen. Er verwies in diesem Zusammenhang auf Versäumnisse bei der Aufklärung der NSU-Morde. Die Fraktionen von SPD und Grünen im Bayerischen Landtag erwogen die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses, sollte die Wiederaufnahme der Ermittlungen erneut abgelehnt werden. Am 11. Dezember 2014 ordnete Generalbundesanwalt Harald Range schließlich die Wiederaufnahme der Ermittlungen an. 

Im Januar 2015 forderte der Generalbundesanwalt vom Bundesamt für Verfassungsschutz und vom Bundesnachrichtendienst die Offenlegung aller ihrer Aktenbestände zu dem Oktoberfestattentat. Doch es ging wieder nicht so richtig vorwärts. Im Februar 2015 fragte die Fraktion Die Linke in einer Kleinen Anfrage bezugnehmend auf die Aktenanforderungen des Generalbundesanwalts, ob die Bundesregierung ausschließen könne, dass Mitglieder der Wehrsportgruppe Hoffmann vor oder nach dem Anschlag als V-Leute für deutsche Geheimdienste tätig gewesen sind.

Die Bundesregierung verweigerte zwar die Antwort auf diese Fragen, aus der Antwort auf andere Fragen wurde jedoch deutlich, dass sowohl im Bundesnachrichtendienst als auch im Bundesamt für Verfassungsschutz sogenannte Quellenmeldungen, also Berichte von V-Leuten, mit Bezug zum Oktoberfestattentat vorliegen. Im April 2016 teilte die Bundesregierung dann auf Anfrage der Linken-Abgeordneten Martina Renner mit, dass bislang lediglich der Bundesnachrichtendienst, nicht aber das Bundesamt für Verfassungsschutz seine Akten dem Generalbundesanwalt zur Verfügung gestellt habe, wobei letzteres jedoch laut Bundesregierung über den größten Teil der fraglichen Meldungen verfügt.

Schon im Jahr 2015 hatten die Fraktionen der Linken und der Grünen als Reaktion auf die Weigerung der Bundesregierung, Auskunft über den Einsatz von V-Leuten deutscher Geheimdienste in der Wehrsportgruppe Hoffmann zu geben, Klage beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eingereicht.

Heute nun, 38 Jahre nach dem Anschlag, erinnert eine Gedenktafel am Münchner Rathaus an die Opfer der Tat. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) enthüllte die Tafel am Dienstag gemeinsam mit Dimitrios Lagkadinos, der bei dem Attentat im Alter von 17 Jahren seine Beine verlor. "Die lange Zeit, die vergangen ist, hat uns gezeigt, dass die Erinnerung immer mehr verblasst", sagte Lagkadinos. Die Tafel sei "ein Schritt in die richtige Richtung, damit wir nicht vergessen".

Das Gedenken scheint zu funktionieren – die Aufklärung nicht.

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