Krankes Deutschland: So schlecht steht es um unser Gesundheitssystem

Krankes Deutschland: So schlecht steht es um unser Gesundheitssystem
Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Eigentlich Grund genug, um sich ein exzellentes Gesundheitssystem zu leisten. Doch die Realität ist davon weit entfernt. Es wird an allen Ecken gespart – auf Kosten der Patienten und Beschäftigten.

Der Gewerkschaft ver.di zufolge fehlen 80.000 Pflegekräfte im deutschen Gesundheitssystem. Insgesamt fehlen im Gesundheitssektor 162.000 Vollzeitstellen. Die Krankenhäuser hielten sich derzeit nur übers Wasser, indem die Pflegerinnen und Pfleger "über ihre Belastungsgrenze gehen", so ver.di-Bundesvorstand-Mitglied Sylvia Bühler gegenüber dem WDR. Im Koalitionsvertrag werden gerade einmal 8.000 neue Stellen versprochen – kaum mehr als ein Placebo-Maßnahme. Dabei gibt es jetzt schon große Schwierigkeiten, leere Stellen zu besetze, da die Entlohnung gering und die Arbeitsbedingungen schlecht sind.

Ein Seniorenwohnheim in Eichenau bei München: In letzten Jahren stieg das Interesse ausländischer Beteiligungsfirmen an deutschen Alten- und Pflegeheimen.

Besonders dramatisch an der Situation ist, dass einerseits die Zahl der Pflegefälle jährlich steigt, andrerseits seit den 1990er-Jahren immer weniger Pflegekräfte zur Verfügung stehen. Zwischen 1995 und 2015 wurden mehr als 30.000 Vollzeitstellen abgebaut. Einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zufolge muss eine Krankenschwester durchschnittlich 13 Patienten betreuen, dagegen in den Niederlanden und Schweden nur sieben bzw. 7,7. Wenn die Pflegehelfer hinzugezogen werden, steht die Bundesrepublik im internationalen Vergleich sogar noch schlechter da. Das hat tödliche Folgen: Angaben des Aktionsbündnis Patientensicherheit zufolge sind allein im Jahr 2015 fast 20.000 Patienten aufgrund vermeidbarer Fehler gestorben.

Zudem sind die Krankenhäuser in Deutschland chronisch unterfinanziert. Etwa 50 Milliarden Euro an Investitionen sollen fehlen. Ein wichtiger Auslöser dieses schleichenden Zerfalls des deutschen Gesundheitssystems sind die Reformen der Schröder-Regierung Anfang der 2000er-Jahre. Im Bannkreis der radikalkapitalistischen neoliberalen Ideologie gefangen, versprach man sich damals durch die Einführung marktwirtschaftlicher Anreize mehr Effizienz und Qualität. Doch tatsächlich profitierten nur Großkonzerne der privaten Gesundheitsindustrie von diesen Maßnahmen.

Dabei gab Deutschland im Jahr 2017 satte 374,2 Milliarden Euro für das Gesundheitswesen aus – das sind etwa zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Doch das Geld geht nicht dahin, wo es nötig wäre. Stattdessen führen falsche Anreize dazu, dass massenweise unnötige Therapien verordnet werden. Das Wissenschaftliche Institut der AOK hat etwa nachgewiesen, dass sich die Anzahl der Rücken-OPs seit 2005 fast verdoppelt hat. Da sie auf der Basis von Fallpauschalen statt früher nach "Liegetagen" bezahlt werden, entlassen Krankenhäuser OP-Patienten oft viel zu früh. Wenn sie dann wieder eingeliefert werden, können die Gesundheitsheuschrecken erneut abkassieren.

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