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Studie zur Corona-Übersterblichkeit: 45 Prozent starben infolge des Lockdowns

Studie zur Corona-Übersterblichkeit: 45 Prozent starben infolge des Lockdowns
Viele Menschen starben während des ersten Lockdowns, weil sie sich nicht mehr ins Krankenhaus trauten – aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus.
Eine Vorabstudie des Klinikums Hochrhein in Waldshut-Tiengen belegt: Im Frühjahr gab es eine Übersterblichkeit, doch nur etwa die Hälfte der Todesfälle hatte einen Bezug zu COVID-19. Viele Menschen starben, weil sie aus Angst vor einer Ansteckung nicht zum Arzt gingen.

Im Kampf gegen die Corona-Krise setzen viele Länder, darunter auch Deutschland, erneut auf einen Lockdown. Doch bereits beim ersten Corona-Lockdown häuften sich weltweit die Meldungen, dass die Zahl der Patienten, die in der medizinischen Notfallversorgung behandelt werden, drastisch zurückgegangen sei.

Experten befürchteten, dass es zu Gesundheitsschäden und auch zu Todesfällen kommen könnte, wenn die medizinische Behandlung akuter Erkrankungen, die nicht mit COVID-19 im Zusammenhang stehen, verspätet oder gar nicht erfolgt. Dies wäre etwa dann der Fall, wenn sich Menschen aus Angst vor einer Ansteckung nicht mehr ins Krankenhaus trauen. Diese "Kollateralschäden" könnten weit schlimmere Folgen verursachen als das Coronavirus selbst.

Eine Vorabstudie von Medizinern des Klinikums Hochrhein in Waldshut-Tiengen hat nun erstmals die Folgen des ersten Lockdowns analysiert und konnte diese Einschätzungen nun bestätigen. Im Landkreis Waldshut (165.000 Einwohner) in Baden-Württemberg starben im April dieses Jahres 227 Menschen. Laut Studie betrug die Übersterblichkeit im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 damit 37 Prozent. Von den 62 zusätzlichen Todesfällen starben jedoch nur 55 Prozent mit oder an COVID-19.

Wie Studienautor Stefan Kortüm erklärte, ging die Zahl der stationären Behandlungen infolge von Komplikationen bei chronischen Erkrankungen im selben Zeitraum um 73 Prozent zurück. Den Forschern zufolge ist nicht von der Hand zu weisen, dass es sich bei den restlichen Todesfällen um die sogenannten "Kollateralschäden" handelt, die auf die "verminderte Inanspruchnahme notfallmedizinischer Strukturen" zurückzuführen sind. Die "verminderte Inanspruchnahme" sei vor allem dadurch begründet, dass viele Menschen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nicht mehr zum Arzt gingen. Kortüm erklärt, dass dies vor allem bei chronisch Erkrankten zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes geführt habe:

Insbesondere Menschen mit akuten Verschlechterungen chronischer Krankheiten, etwa Lungen- oder Herzkrankheiten, aber auch Tumorerkrankungen, haben in diesem Zeitraum keine medizinische Hilfe gesucht.

Besonders tragisch ist außerdem die Tatsache, dass im Vergleich zu den Vorjahren mehr als doppelt so viele Menschen allein und leblos in ihren Wohnungen aufgefunden wurden.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, fordert eine andere Strategie in der Corona-Krise.

Doch die Zunahme der "Kollateralschäden" lässt sich nicht nur darauf zurückführen, dass die Menschen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus nicht mehr zum Arzt gingen. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass auch Kontaktbeschränkungen und die Praxis des "Social Distancing" zu zusätzlichen Todesfällen führten. Gerade bei älteren Menschen sind es oft die Familienangehörigen und das nahe Umfeld, die sich um diese sorgen und einen Arztbesuch veranlassen. Dadurch, dass Senioren kaum noch Besuche von Angehörigen bekamen, wurden Verschlechterungen des Gesundheitszustandes oft nicht bemerkt.

Die Mediziner kritisieren auch, dass die gesamte öffentliche Berichterstattung ausschließlich auf das Thema COVID-19 fokussiert war und noch immer ist. Andere medizinisch relevante Themen seien in den Medien völlig in den Hintergrund getreten und damit auch aus der öffentlichen Wahrnehmung.

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen empfehlen die Autoren der Studie daher dringend, die Krisenkommunikation und die mediale Berichterstattung ausgewogener zu gestalten, um "Menschen mit akuten gesundheitlichen Problemen nicht von der Inanspruchnahme der erforderlichen medizinischen Hilfe abzuhalten". Zudem sollten die geltenden Kontaktbeschränkungen, so die Mediziner, vor allem im privaten Umfeld kritisch überprüft und auf ein Minimum reduziert werden.

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