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Mit Wasserstoff zur "Klimaneutralität"?

Mit Wasserstoff zur "Klimaneutralität"?
Umweltministerin Svenja Schulze präsentierte am Mittwoch "Die Nationale Wasserstoffstrategie" in Berlin (Bild vom 10. Juni).
Neun Milliarden Euro will das Bundeskabinett für die Förderung und Aufbau einer Wasserstoffindustrie zur Verfügung stellen, um Deutschland bis zum Jahr 2050 "klimaneutral" zu machen. Damit setzt die Bundesregierung auf einen Energieträger, der auch in anderen Ländern immer mehr Anklang findet.

Um die sogenannten Klimaziele zu erreichen und die Kohlekraft abzulösen, bedarf es weiterer Lösungen als nur auf Windräder und Solaranlagen zu setzen. Sogar die Atomkraft ist dafür wieder im Gespräch, nachdem die heimische Produktion verteufelt und stillgelegt wurde. Mit Wasserstoff soll Deutschland "klimaneutral" gemacht werden, wie aus der am Mittwoch vom Bundeskabinett verabschiedeten "Nationalen Wasserstoffstrategie" hervorgeht.

Neuer Ökostrom-Rekord: Erneuerbare Energiequellen liefern 52 Prozent des Verbrauchs (Symbolbild)

Dass diese Strategie mehr als ein halbes Jahr später kommt als geplant, ist eigentlich kein Wunder: Es geht nicht nur um sehr viel Geld, sondern so ziemlich jeder Wirtschaftszweig will ein Stück vom Kuchen abhaben. Dazu kommt, dass Energie auf Wasserstoff-Basis den "Klimaschutz" voranbringen kann – aber nicht muss. Und dass Deutschland allein bei dem Thema nicht sehr weit kommen kann. Aber der Reihe nach.

Wie Wasserstoff das Klima "retten" soll:

Wenn weniger Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre gelangen soll, müssen weniger Kohle, Erdöl und Erdgas verbrannt werden. Nicht immer kann Strom aus Wind, Sonne oder Biomasse fossile Brennstoffe so direkt ersetzen, wie wenn ein E-Auto mit Strom statt mit Sprit fährt. Hier kommt der Wasserstoff ins Spiel. Die technischen Details sind eher etwas für an der Chemie Interessierte: Wasserstoff entsteht zum Beispiel durch Elektrolyse von Wasser, das dabei in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespaltet wird. Dafür braucht es elektrischen Strom.

Wasserstoff kann Brennstoffzellen betreiben, etwa für Lastwagen. Aus Wasserstoff können gasförmige und flüssige Kraft- und Brennstoffe gemacht werden. Man spricht dabei oft von Power-to-X: Aus Strom (Power) entsteht etwas anderes: X. Und der Wasserstoff speichert dabei Energie, was wichtig ist, wenn der Strom komplett aus Erneuerbaren kommen soll.

Grün, grau, blau: Warum nicht jeder Wasserstoff dem Klima "hilft":

Je nachdem, woraus Wasserstoff gewonnen wird und woher der Strom kommt, gibt es unterschiedliche Bezeichnungen: "Grüner" Wasserstoff entsteht mit erneuerbaren Energien aus Wasser und ist der Liebling der Klimaschützer. "Grauer" Wasserstoff dagegen wird aus fossiler Energie hergestellt, etwa aus Erdgas. Bei dieser Art Produktion von einer Tonne Wasserstoff entstehen rund 10 Tonnen CO2 – kein guter Deal für das Klima. Als "blau" wird Wasserstoff bezeichnet, wenn das dabei entstehende CO2 gespeichert wird, also nicht in die Atmosphäre gelangt. Die Methoden dafür sind umstritten. "Türkiser" Wasserstoff schließlich wird über die thermische Spaltung von Methan gewonnen.

Was die Bundesregierung plant:

Der Bund hat schon viele Hundert Millionen Euro in die Erforschung der Wasserstofftechnologien gesteckt, weitere milliardenschwere Förderprogramme laufen. Im großen Konjunkturpaket gegen die Corona-Krise sind weitere 7 Milliarden Euro für die Marktreife von Wasserstofftechnologien vorgesehen und 2 Milliarden für internationale Partnerschaften. Denn es wird längerfristig so viel Wasserstoff gebraucht, dass Deutschland den nicht allein produzieren kann – allein schon wegen der enormen Strommengen, die dafür notwendig sind.

Schwarz oder Weiß: Greta Thunberg in der vergangenen Woche in der Schweiz

Bis 2030 sollen in Deutschland Erzeugungsanlagen von bis zu fünf Gigawatt Gesamtleistung entstehen, heißt es in der Strategie, samt der dafür notwendigen zusätzlichen Ökostrom-Anlagen, vor allem Windräder auf See. Das soll etwa ein Siebtel des erwarteten Bedarfs decken. Der Rest muss importiert werden. Die SPD ebenso wie auch das CDU-geführte Forschungsministerium wollten doppelt so viel Kapazität. So unterzeichnete Entwicklungsminister Gerd Müller am Mittwoch eine Vereinbarung mit der marokkanischen Regierung zum Aufbau einer ersten industriellen Produktionsanlage für Wasserstoff in dem nordafrikanischen Land.

Umstritten war auch, welche Rolle "nicht-grüner" Wasserstoff spielen soll. In der Strategie heißt es nun, dass nur "grüner" Wasserstoff "auf Dauer nachhaltig" sei – aber auf dem weltweiten und europäischen Markt auch "blauer" oder "türkiser" Wasserstoff gehandelt werde, der daher auch in Deutschland "eine Rolle spielen und, wenn verfügbar, auch übergangsweise genutzt" werde.

Ziel ist es, neben der Förderung von Investitionen auch einen Markt für Wasserstoff zu schaffen, damit Unternehmen überhaupt im großen Stil auf die Wasserstoff-Produktion setzen. Denn bisher ist oft die Rede von einem "Henne-Ei-Problem": Es ist nicht genug Wasserstoff da, um ihn anzuwenden – und es gibt andererseits nicht genug Nachfrage, um in die Produktion einzusteigen.

Im Gespräch sind unter anderem eine Quote für Kerosin, also Flugzeug-Treibstoff, in Höhe von mindestens zwei Prozent für das Jahr 2030 sowie eine Quote für "klimafreundlichen" Stahl. Beschlossen ist das aber nicht. Die Produktion von "grünem" Wasserstoff soll zudem über eine Befreiung von der Ökostrom-Umlage gefördert werden, die die Bürger dann mit ihrer Stromrechnung zahlen.

Wofür der Wasserstoff verwendet werden soll:

Klar ist, dass er etwa in der Stahl-, Chemie- und Zementbranche verbraucht werden kann, um CO2-Emissionen zu senken. Auch "Teile des Wärmemarkts" hat die Regierung "im Blick", wie es in der Strategie heißt. Und wie sieht es beim Verkehr – dem "Klimaschutz-Sorgenkind" – aus? "Sowohl im Luft- als auch im Seeverkehr sind für die Dekarbonisierung klimaneutrale synthetische Kraftstoffe erforderlich", heißt es in der Strategie. Das bezweifelt keiner, auch sind Brennstoffzellen in Bussen, Zügen und Lkw ziemlich unstrittig.

Der Satz "Auch in bestimmten Bereichen bei Pkws kann der Einsatz von Wasserstoff eine Alternative sein", kommt dagegen bei Umweltschützern eher schlecht an: Sie werfen der Branche vor, nicht auf batterieelektrische Fahrzeuge umsteigen zu wollen, in denen Strom effizienter genutzt werde als über den Wasserstoffumweg.

Deutschland ist nicht das einzige Land, das auf Wasserstoff setzt. Belgien gehört bereits zu den führenden Nationen auf diesem Gebiet, und Russland möchte bis 2035 Weltmarktführer in der Produktion werden. Oman und Saudi-Arabien setzen auf "grünen" Wasserstoff und auch Japan und Südkorea treiben die Industrialisierung dieses Energieträgers voran.

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(rt/dpa)

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