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Gespaltene Reaktionen auf Fernsehserie "Chernobyl" in Russland

Gespaltene Reaktionen auf Fernsehserie "Chernobyl" in Russland
Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor 4 des Atomkraftwerks in der ukrainischen Stadt Tschernobyl. Eine internationale Fernsehserie versucht, das Ereignis "möglichst faktentreu" zu rekonstruieren. Doch nicht alle sind von dem Ergebnis überzeugt.

Rund 15 Kilometer von der weißrussischen Grenze entfernt, liegt die ukrainische Stadt Tschernobyl. International hätte vermutlich kaum jemand Notiz von der damals 14.000 Einwohner großen Ortschaft genommen, wenn sich nicht genau dort am 26. April 1986 eine Katastrophe ereignet hätte, deren Spätfolgen bis heute spürbar sind. 

Die Explosion in Reaktor 4 des örtlichen Kernkraftwerks kostete zwei Kraftwerksmitarbeitern direkt das Leben. 28 weitere Arbeiter und Feuerwehrleute erlagen in den folgenden Wochen und Monaten der akuten Strahlenkrankheit (ARS). In den Jahren darauf stieg die Opferzahl aber noch einmal dramatisch. Die WHO hält in einem gemeinsam mit den Vereinten Nationen und der Internationalen Atomenergie-Organisation erstellten Bericht insgesamt weltweit ca. 4.000 Todesopfer für möglich. Andere Schätzungen sprechen (Erkrankungen an Strahlenkrebs eingeschlossen) von bis zu 60.000 Todesfällen infolge der Katastrophe. Schätzungen zufolge leben heute nur noch zwischen 600 und 700 Menschen in Tschernobyl.

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Für sein Katastrophendrama "Chernobyl" – eine Kooperation der Bezahlsender Sky und HBO – versucht der US-amerikanische Serienschöpfer Craig Mazin, das Unglück nachzukonstruieren. Das Ergebnis ist ein Serien-Event, das auf der Ratingseite IMDb auf Anhieb auf Platz 1 landete, noch vor Zuschauermagneten wie "Game of Thrones" und "Breaking Bad". Somit wäre es die bis jetzt "beste Serie aller Zeiten". Dabei sind schon die ersten Minuten der insgesamt fünf Episoden umfassenden Serie verstörend. Man sieht einen Mann, der lethargisch durch seine karg eingerichtete Wohnung läuft, seine Katze mustert und sich, nachdem er ein Päckchen mit Kassetten verpackt hat, erhängt. Hier der offizielle Trailer der Serie:

Dafür, dass Craig Mazin bisher eher mit leichter Kost wie die "Hangover"-Filmreihe aufgefallen ist, ein dramatischer bis düsterer Beginn. Für das Drehbuch will sich Mazin nach eigenen Angaben auf das Buch "Tschernobyl-Gebet" von Swetlana Alexijewitsch gestützt haben. 

Obwohl in der Serie auch erfundene Helden zu finden sind, wie zum Beispiel Ulyana Homyuk, Wissenschaftlerin und Physikerin am Institut für Kernenergie in Belarus, haben die meisten anderen Figuren reale Vorbilder. Ein Großteil der Dreharbeiten wurden im KKW Ingalinskaya in Litauen durchgeführt. Ein Kernkraftwerk, das in den 1980er Jahren gebaut und 2009 auf Ersuchen der Europäischen Union stillgelegt wurde. Es verfügt über Reaktoren des gleichen Typs wie das Kernkraftwerk in Tschernobyl und gilt als "sein Zwilling".

Obwohl es das erklärte Ziel der Serie war, möglichst nah an den realen Geschehnissen zu bleiben, gibt es jedoch auch kritische Stimmen. Vor allem wird der Serie eine ideologisch verzerrte Sicht auf die damalige UdSSR vorgeworfen. Szenen wie die, in der Feuerwehrleute in einem Betonbunker behandelt werden und nicht im städtischen Krankenhaus oder Mitarbeiter mit vorgehaltener Waffe gezwungen werden, in den kontaminierten Bereich zu gehen, sollen laut Kritikern das stereotype Bild des "unmenschlichen Sowjets" für ein westliches Publikum bedienen.

So erklärte die stellvertretende Direktorin für wissenschaftliche Mitarbeit des Nationalmuseums "Tschernobyl" Anna Korolevskaya, die das Drehteam beraten hat:  

Ich selbst habe vor ein paar Jahren mit dieser Crew zusammengearbeitet und versucht, den wahren Weg zu beschreiten. Aber ich sehe immer noch, dass sie es nicht geschafft haben, die tendenziöse westliche Wahrnehmung der sowjetischen Geschichte loszuwerden.

Sie wirft den Filmemachern auch vor, dass sie "Blut wie im Krieg" gewollt hätten. Zudem gäbe es einige faktische Mängel, so zum Beispiel, dass die "Taucher" genannten Ingenieure im Poolbereich des Reaktors nicht alle gestorben seien. Korolevskaya verweist in einem Interview mit dem ukrainischen Online-Portal Iod darauf, dass mehrere dieser Ingenieure nach dem Vorfall ganz normal weitergelebt hätten. Auch sei der in der Serie gezeigte Hubschrauberabsturz später passiert. Der Hubschrauber sei zu dem nicht in den Reaktor gefallen, sondern an einer Wand zerschellt. Die Szene, in der Bergarbeiter nackt arbeiten, sei ebenfalls erfunden, so die Wissenschaftlerin. Die Arbeiter hätten Anzüge und Atemschutzmasken getragen.

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Der russische TV-Sender NTV strahlte eine Live-Sendung über die Serie aus, in der der damalige leitende Offizier, der für die Entfernung der hochradioaktiven Elemente zuständig war, Generalmajor Nikolai Tarakanow, interviewt wurde. Tarakanow erklärte, dass die Serie nur zu 50 Prozent dem entspreche, wie es tatsächlich gewesen sei. Er wies unter anderem darauf hin, dass es eine Begrenzung der Einsatzdauer der Soldaten vor Ort gegeben hat. Es sei eine maximale Menge an Strahlung festgelegt worden, die bei jedem Soldaten individuell gemessen wurde und 20 Rem betrug.

In den sozialen Medien Russlands wird der Film heiß diskutiert. So schreibt ein Twitter-Nutzer:

Oh mein Gott, so viele Erwartungen, und am Ende wurde es eine Serie darüber, wie jeder Angst vor dem KGB hat und wie das Personal nicht wusste, was es im Notfall tun sollte – was für ein Unsinn. Ja, es gibt vieles, was glaubwürdig ist, doch im Allgemeinen ist es nur eine Katastrophe.

Und ein weiterer findet:

Irgendwie gefällt mir die Tatsache nicht, dass HBO anstelle der Geschichte meines Landes eine schreckliche Dystopie mit schmutzigen, gefolterten Barbaren zeigt.

Doch es gibt auch lobende Kommentare. Ein Twitter-Nutzer schreibt:

Die Serie beeindruckt durch ihre Inszenierung und Erzählung. Ich würde sogar sagen, sie strahlt die Atmosphäre aus, die so sorgfältig aus dem wirklichen Leben auf die Bildschirme übertragen wurde.

Und ein weiterer stimmt in die positive Beurteilung ein:

Ich mag es, wie die Kamera den Helden folgt. Es ist, als wären wir ein Teil der Geschichte. Und jeder Charakter hat eine klare, greifbare Motivation. Ganz einfach. Bis zur Gänsehaut.

RT International hatte 2008 eine knapp 27-minütige Dokumentation zu dem Reaktorunglück veröffentlicht. Leider nur in englischer Sprache:

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