Dunkle Kita-Erinnerung: Wegen Datenschutz geschwärzte Gesichter anstelle Fotos mit Spielgefährten

Dunkle Kita-Erinnerung: Wegen Datenschutz geschwärzte Gesichter anstelle Fotos mit Spielgefährten
Hier verbergen die Mützen zufällig die Gesichter zweier Mädchen einer Kita in Osterode. In einer Kindertagesstätte in Nordrhein-Westfallen griffen die Erzieherinnen aus Datenschutzgründen zum Stift und schwärzten die Fotos der Kinder.
Diese Geschichte aus einer Kita in Nordrhein-Westfalen sorgt für Schlagzeilen: Statt strahlender Kindergesichter in einem Fotoalbum, das die Kleinen als Geschenk zum Abschluss ihrer Kita-Zeit bekamen, prangen geschwärzte Gesichter. Kein Freund ist zu erkennen.

Fotos von zahlreichen Ausflügen, tollen Theatervorstellungen im Kindergarten oder einfach Bilder vom Herumtoben mit Kita-Freunden bekommen Vorschulkinder in einem Album zum Abschied geschenkt. Auch die ersten "geschriebenen" Buchstaben oder die selbstgemalten Pferde oder Feen zieren oft die Seiten solch eines Buches. Strahlende Gesichter der Kleinen dominieren. Es ist eigentlich ein mit viel Liebe gemachtes Fotoalbum, das die Kleinen später an ihre Zeit im Kindergarten erinnern soll. Nun aber "sorgt" genau solch ein Büchlein der Tagesstätte St. Katharina in Dormagen (NRW) für heftige Diskussionen. Grund ist die Sorge um hinreichenden Datenschutz.

Die Erzieherinnen wollten zwar auf diese beliebten Erinnerungsgeschenke nicht ganz  verzichten, da sie aber auch Angst hatten, gegen die neuen und strengeren Datenschutzregeln zu verstoßen, zückten sie den Edding und schwärzten die meisten Kindergesichter auf den Fotos.

Nicht nur die Eltern sind irritiert, auch einige Datenschützer schütteln den Kopf. Wirklich übertrieben falsch gehandelt hat der kirchliche Betreiber der Kita allerdings nicht, wie es scheint.

Die Neuß-Grevenbroicher Zeitung (NGZ) hatte berichtet, viele Eltern hätten sich über die geschwärzten Gesichter der spielenden Kinder geärgert und beschwert. Lediglich das jeweils eigene Kind sei auf den Fotos zu erkennen. Grund sei die neue Datenschutzgrundverordnung, zitiert die NGZ den Pfarrer der Gemeinde St. Michael Dormagen-Süd, zu der die Einrichtung gehört. Man habe "den sicheren Weg" gewählt, um Klagen vorzubeugen.

"Es ist juristisch ein hochsensibles Thema", sagte die Leiterin der katholischen Kita dem Kölner Stadt-Anzeiger. "Ich habe nur die Weisung des Trägers befolgt."

Nicht nur die Eltern sind irritiert über die absurd aussehenden Erinnerungsalben der Sechsjährigen. "Das Vorgehen der Kindertagesstätte in Dormagen ist merkwürdig", sagt der Vorsitzende der Konferenz der Diözesan-Datenschutzbeauftragten, Andreas Mündelein. Es wäre eigentlich einfach gewesen, den Wirbel zu umgehen:

Die Einrichtung hätte sich vorab von den Eltern eine Einwilligungsbescheinigung geben lassen können, um die Bilder für das Jahrbuch zu nutzen.

Er empfahl verunsicherten Einrichtungen wie dem Dormagener Kindergarten, bei allen Zweifeln auf Datenschutzexperten zuzugehen.

Erinnerungsbücher bedürfen vor Veröffentlichung grundsätzlich einer Einwilligung der Eltern

Einwilligungen zum Fotografieren lassen Kindergärten normalerweise im Vorfeld unterzeichnen. Eltern willigen damit beim Abschluss des Vertrags schriftlich ein, dass ihr Kind fotografiert werden darf. Bei der Dormagener Kita war das anders: Dort sei die Einwilligung "eher eine Art Generalvollmacht, die dem erhöhten Schutzniveau des Datenschutzrechts nicht gerecht wird", erklärt Stephanie Melzow vom Katholischen Datenschutzzentrum (KdöR) gegenüber Stadt-Anzeiger.

Und genau diese EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ist das Problem: Erinnerungsbücher seien zwar nach wie vor möglich, erläutert die NRW-Landesdatenschutzbeauftragte Helga Block der dpa.

Sie bedürfen jedoch vor Veröffentlichung grundsätzlich einer Einwilligung der Eltern.

Und wenn auf einem Foto mehrere Kinder abgebildet seien, so müssten eben auch alle einwilligen. "Werden Gesichter in Erinnerungsbüchern geschwärzt, erfolgt dies nicht aufgrund eines Verbots der Datenschutz-Grundverordnung, sondern aufgrund der fehlenden Einwilligungen der Erziehungsberechtigten", betont Block.

Komplizierte Datenschutzvorgaben verunsichern auch Schulen 

Deshalb sei es wichtig, das Gespräch mit den Eltern zu suchen. "Nur wenn die Betroffenen hinreichend konkret informiert sind, können sie wirksam in die Veröffentlichung einwilligen."

Während in den sozialen Medien gerätselt wird, ob die Betreiber der Kita noch ganz bei Trost sind, wirbt der Verband Bildung und Erziehung um Verständnis für die Kindergärtnerinnen:

Ich kann nachvollziehen, dass sie bei den komplizierten Datenschutzvorgaben verunsichert sind und auf Nummer sicher gehen wollen", sagt der Bundesvorsitzende der Lehrergewerkschaft VBE, Udo Beckmann.

Auch Schulen seien irritiert über die DSGVO, mit der Bürger seit Ende Mai mehr Mitsprache erhalten, was mit ihren Daten in Unternehmen, Vereinen oder Behörden passiert. "Es wird da eine gewisse Zeit und die eine oder andere Gerichtsentscheidung brauchen, um sich zu orientieren."

Mehr zum Thema - EuGH gibt deutschen Datenschützern in jahrelangem Streit Recht

(rt deutsch/dpa)

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