Enthüllungsbuch über Trump: Das Weiße Haus als Narrenschiff 

Enthüllungsbuch über Trump: Das Weiße Haus als Narrenschiff 
Was geht wirklich vor im Weißen Haus, seitdem Trump der neue Präsident ist?
Es ist kaum erschienen, wird aber schon als Sensation gefeiert: Ob sich in Trumps Weißem Haus wirklich alles so unfassbar zugetragen hat, wie es in "Fire and Fury" steht, weiß man nicht. Den US-Präsidenten und sein Umfeld trifft das Werk offenbar mitten ins Mark.

Es ist das erste echte Enthüllungsbuch der Ära Donald Trump. Dass es heftig werden würde, heißt es, habe das Weiße Haus gewusst. Dass es aber so schlimm werden würde, nicht. "Fire and Fury", Feuer und Zorn: Das ist auch eine passende Zusammenfassung dessen, was dieser Tage in Washington jäh aufbrach und nun hell lodert: Hitze satt für den Präsidenten - und Trumps heiliger Furor.

"Ich versuche, das Leben in Trumps Weißem Haus durch die Augen derer zu sehen, die ihm am nächsten sind", beginnt Autor und Journalist Michael Wolff sein Buch. Eigentlich hätte er es zu 100 Tagen Trump veröffentlichen wollen, aber dann sei einfach zu viel Stoff zusammengekommen. Das Buch, schreibt Wolff, basiere auf 18 Monaten Gesprächen auch mit Trump selbst - was der vehement bestreitet - sowie auf etwa 200 Interviews mit Trumps engstem und weiterem Umfeld.

"Fire and Fury" ist extrem süffig geschrieben, dicht, spannend, oft elegant, im lässigen Stil angelsächsischer Historiker. Man sitzt mit Trump am Tisch, streift durch dunkle Gänge des Hauses, das er angeblich so wenig leiden kann, duckt sich mit anderen vor dem Gebrüll des Präsidenten.

Seit Beginn seiner Präsidentschaft wurde immer wieder medienwirksam über den mentalen Gesundheitszustand Donald Trumps spekuliert - nun folgt ein weiteres Kapitel.

Aber - ist alles so gewesen? Wolff beharrt mit Vehemenz darauf, andere verweisen auf sachliche Fehler. Eine journalistische Grundregel kommt beim Lesen in den Sinn: Sei misstrauisch, wenn etwas einfach zu gut klingt, um wahr zu sein.

Trump um 18.30 Uhr im Bett mit ein paar Cheeseburgern, fröhlich telefonierend, seine Hemden eigens auf den Boden werfend, damit ein Bediensteter sie aufhebe: Das mag für den, der Mensch wie Präsident nicht mag, prächtig ins Bild dieser bizarren Zeit passen. Aber ist es wahr? Und wären diese Details wichtig, oder wären sie vor allem die endgültige Verwischung von Politik, Entertainment, Gerüchten und Geschwätz?

Der Journalist Wolff soll keinen tadellosen Ruf haben, so munkelt man. Auch wenn manche Betrachtung nicht neidlos sein mag angesichts des ungeheuren Erfolgs. Politico beschreibt ihn als eitlen Geck, rücksichtslos im Umgang mit Quellen. Er sei jemand, schreibt die New York Times, der zwar immer alles über sein Sujet wisse, aber in der Umsetzung schludere.

Einige Kritiker beschuldigen Wolff, für "Fire and Fury" Quellen verbrannt zu haben: Niemals könne all das, was er zitiert habe, für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen sein. Reporter der großen US-Zeitungen sagen, sie hätten Ähnliches in Erfahrung gebracht, ihren Quellen aber zugesagt, es nicht zu verwenden.

Das führt zu einem Kern dieser Sensation. Vieles war schon bekannt, wurde über Monate berichtet. Wolffs Verdichtung und Trumps jähe Reaktion machen die gesamthafte Darstellung nun so unglaublich, als würde man ein weit verstreutes Mosaik eines Schlachtgetümmels zu einer Dystopie zusammenschieben.

Trumps Jähzorn, seine emotionalen Achterbahnfahrten, seine vollkommene Beratungsresistenz, sein Unwillen zu lesen, das stand auch schon andernorts. Wolff spricht ihm die Lesefähigkeit sogar ab, sei Trump doch "post-schriftsprachlich" und mithin ganz Fernsehen. Trumps Wortschatz habe sich über Jahre signifikant verringert.

Mit Blick auf Macht, Rolle, Verantwortung und Ausstattung eines Präsidenten der USA ist manche Schilderung allerdings nicht deswegen weniger beängstigend, weil man es schon vorher wusste.

Beispiele aus dem Buch:

Trump geht jede Fähigkeit ab, Informationen von dritter Seite aufzunehmen. Er reagiert fast phobisch auf alle formalen Anforderungen an seine Aufmerksamkeit."

Oder auch:

Er vertraut seiner eigenen Einschätzung mehr als jeder anderen, wie irrelevant sie auch immer ist und wie vollständig er sie auch ständig ändert."

Und:

Für Trumps Weißes Haus ist alle Expertise, diese Tugend der Liberalen, überschätzt.»

Trumps Sicht der Außenpolitik, schreibt Wolff, sei vollkommen wahllos, uninformiert und offensichtlich launenhaft. "Seine Berater wissen nicht, ob er ein Isolationist ist oder ein Militarist, und ob er zwischen beidem eigentlich unterscheiden kann." Er liebe es, von Generälen umgeben zu sein - aber er hasse es auch, wenn sie ihm sagten, was er tun solle.

Politik im Weißen Haus werde seit Längerem so gemacht, dass sein Stab irgendetwas an die Wand werfe und sehe, was davon des Präsidenten Gefallen finde. "Sie hoffen dann, dass Trump sich erinnert, dass er einen Vorschlag gut fand." Immer wieder müsse sein Stab Trump beruhigen, auf eine Bahn zurückführen, irrlichternde Ausführungen einhegen. "In manchen dunklen Stunden sagen sie einfach Ja, das beendet die Situation am schnellsten." Es gebe aber auch Momente, in denen Trump so wütend sei, dass er von niemanden mehr erreicht werden könne.

Steve Bannon, Alabama, USA, 11.Dezember 2017.

Wer und was Trump ist, schrieb der Atlantic am Freitag mit einiger Verzweiflung, sei doch für alle ein offenes Geheimnis, sowohl auf internationaler Bühne als auch in Kongress und Partei. "Alle wissen es. Und sie könnten etwas tun: Ermittlungen, Anhörungen, Vorladungen - Amtsenthebung", es geschehe aber nichts.

Heikel - und in dieser Form neu - ist der Part, in dem Wolff gestützt auf Trumps engstes Umfeld darlegt, dass alle den Präsidenten für amtsunfähig halten. Wolff beschreibt Trump als einen verrückten König, umgeben von Narren, auf einem Schiff ohne Kurs oder Kapitän. Dass Trump sich ständig wiederhole, sich nichts mehr merken könne, Freunde nicht mehr erkenne. Was würden Ärzte diagnostizieren, was Psychiater?

Die 336 Seiten "Feuer und Zorn" sind randvoll mit unglaublichsten Geschichten, Anekdoten und Details. Dass Tochter Ivanka und Mann Jared Kushner einen Plan hatten, wer erste Präsidentin der USA werde. Die schweren Anwürfe von Steve Bannon an Kushner, dessen Verbindungen zur Deutschen Bank wohl der Sargnagel für den Schwiegervater würden. Bannons Äußerungen waren einer der Gründe, warum Trump über Nacht mit seinem Ex-Chefstrategen brach und sich reiche Gönner abwenden.

Emsig befeuert von der Skandalisierungslust der US-Medien wird dieses Buch Washington, wird es das Weiße Haus und seinen Präsidenten wohl über Wochen beschäftigen. Die Auswirkungen könnten bis in die Kongresswahlen im November reichen. Folgt der schwer gekränkte Trump seinem üblichen Muster, wird er alles tun, um von Werk, Details, Zitaten und all den schwer zu vergessenden Bildern abzulenken.

(rt deutsch/dpa)