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Boris Johnson: Brexit-Anführer vor dem Einzug in die Downing Street?

Boris Johnson: Brexit-Anführer vor dem Einzug in die Downing Street?
Vieles, aber nicht langweilig: Boris Johnson im Juli 2019
Boris Johnson steht kurz davor, Nachfolger von Premierminister Theresa May zu werden. Hinter Johnson liegt eine abwechslungsreiche Karriere, der auch verschiedene Fehltritte nichts anhaben konnten. Langweilig wird es mit ihm als Regierungschef sicher nicht werden.

Es ist allgemein bekannt: Boris Johnson strebt schon seit Langem nach dem Amt des britischen Premierministers. Er selbst hält sich für dieses Amt zweifellos hervorragend geeignet. Der frühere Außenminister und vorherige Bürgermeister Londons trug zum Sturz der scheidenden Amtsinhaberin Theresa May tatkräftig bei.

May selbst hatte Johnson 2016 nach dem knappen Votum der Briten für den EU-Austritt als Chefdiplomaten in ihr Kabinett geholt. Später löste sich der heute 55-Jährige aus der Umklammerung. Er trat von seinem Kabinettsposten zurück und schrieb fortan in einer wöchentlichen Telegraph-Kolumne gegen Mays Brexit-Pläne an.

Boris Johnson macht Wahlkampf, London, Grossbritannien, 8. Juli 2019.

Nachdem May Anfang dieses Jahres dreimal mit ihrem Brexit-Deal im Parlament in London gescheitert war und Nigel Farage mit seiner Brexit-Partei bei der Wahl zum Europaparlament zur stärksten Kraft in Großbritannien wurde, musste May ihren Rücktritt ankündigen – und Johnson sah seine Chance gekommen.

Viele Briten trauen ihm zu, enttäuschte Brexit-Wähler, die sich von den Konservativen wegen des bis Ende Oktober verschobenen EU-Austritts abgewendet haben, wieder einzufangen.

Problemlos nahm Johnson die erste Hürde, eine Vorauswahl der Kandidaten innerhalb der einst skeptischen Tory-Fraktion. Auch in der Finalrunde, bei der die Parteimitglieder das Sagen haben, ist ihm ein Sieg so gut wie sicher. An der Basis war Johnson schon immer beliebt.

Den Brexit-Hardlinern in der Konservativen Partei verspricht er einen EU-Austritt zum 31. Oktober – mit Abkommen oder ohne. Gleichzeitig behauptet er aber, die Chancen eines No-Deal-Brexits seien eins zu einer Million.

Ob er tatsächlich einen detaillierten Plan hat, wie er das Brexit-Dilemma lösen will, ist unklar. Regeln oder Details interessieren Johnson kaum. Er ist gewohnt, sich mit Witz und Charme darüber hinwegzusetzen. Diese Strategie hat ihn in Großbritannien in das höchste politische Amt getragen. 

Trotz seines Talents, den vermeintlich einfachen Mann anzusprechen, ist Johnson ein Mitglied der britischen Oberschicht. Er besuchte das Elite-Internat Eton, studierte in Oxford und war zeitweise Präsident des Debattierclubs Oxford Union sowie Mitglied der als dekadent verschrienen Studentenverbindung Bullingdon Club.

Russlands Botschafter in Großbritannien, Alexander Jakowenko, während einer Präsentation zum Fall Skripal im April 2018.

Nach seinem Studium arbeitete Johnson als Journalist. Unter anderem war er fünf Jahre Korrespondent des Daily Telegraph in Brüssel, später wurde er Herausgeber dieser Zeitung. 1999 wechselte er zum konservativen Wochenblatt The Spectator.

Johnson gilt als Frauenheld; mehrmals sorgte er mit Affären für Schlagzeilen. Schlagzeilen verursachte er im Laufe seiner Karriere  auch immer wieder mit undiplomatischen Auftritten und beleidigenden und auch falschen Aussagen. 

Schlagzeilen dieser Art machte Johnson etwa, als er bei einem Parteitag der britischen Konservativen über die ehemalige libysche IS-Hochburg Sirte als potenzielles Touristenparadies sprach. Er scherzte:

Sie müssen nur die Leichen wegräumen.

Groß war die Empörung auch, als er in einem buddhistischen Tempel in Myanmar während eines offiziellen Besuchs ein kolonialzeitliches Gedicht rezitierte, in dem eine Buddha-Statue als "Götze aus Matsch" bezeichnet wird. "Nicht angemessen", zischte ihm der britische Botschafter zu.

Kritisiert wurden auch seine Ausfälle vor dem Brexit-Referendum. Er verglich die Ambitionen der EU mit dem Großmachtstreben Hitlers und Napoleons:

Napoleon, Hitler, verschiedene Leute haben das versucht, und es endete immer tragisch. Die EU ist ein Versuch, dieses Ziel mit anderen Methoden zu erreichen.

Den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan schmähte er mit einem frivolen Gedicht über eine Ziege. Den Briten versprach er, im Falle eines Brexits 350 Millionen Pfund (knapp 400 Millionen Euro) an EU-Beiträgen pro Woche in das Gesundheitssystem zu stecken. Er verschwieg jedoch, dass London einen großen Teil seiner Beiträge ohnehin zurückerhält. In diesem Fall droht ihm sogar noch ein gerichtliches Nachspiel.

Nach dem Anschlag auf Sergei und Julia Skripal in Salisbury im März 2018 behauptete der damalige Außenminister, das Labor in Porton Down habe ihm die russische Herkunft des Nervengiftes bestätigt. Wenige Tage später erklärte der Chef der Anlage, Gary Aitkenhead, dass seine Einrichtung die Substanz als "militärisches Nervengas identifiziert hat, aber nicht in der Lage war, seine Herkunft zu bestimmen". Das Außenministerium löschte einen Tweet, in dem von der angeblich "russischen Herkunft" dieser Substanz die Rede war.

Seiner Karriere schaden konnten diese Ausrutscher bislang nicht. Vom medialen und politischen Mainstream in Deutschland wird Johnson ausgesprochen kritisch gesehen. Eines allerdings muss man ihm gerade im Land von Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer zugutehalten: Mit ihm wird es sicher nicht langweilig.

Mehr zum Thema - Boris Johnson offenbart Wissenslücken zu seinem Brexit-Plan

(rt deutsch/dpa)

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