London gesteht: Bislang kein Verdächtiger im Skripal-Fall identifiziert

London gesteht: Bislang kein Verdächtiger im Skripal-Fall identifiziert
Salisbury, 6. März: Ohne Schutzanzüge sichern Polizistinnen den Eingang des Hauses von Sergej Skripal. An der Haustür wurde laut britischen Behörden Nowitschok angebracht. Aufgrund der immer noch von diesem ausgehenden Gesundheitsrisiken erwägen sie, das Haus abzureißen.
Die britischen Behörden konnten bislang entgegen anderslautenden Medienberichten keinen Verdächtigen in der Skripal-Affäre finden. Moskau sei dennoch schuld. Derweil pfiff die OPCW ihren eigenen Chef zurück, der Fantasiezahlen zu Nowitschok verbreitete.

Im Fall der Vergiftung von Sergej und Julia Skripal hat die britische Polizei noch keine Verdächtigen identifizieren können. Das teilte der Nationale Sicherheitsberater zu Wochenbeginn Parlamentsabgeordneten mit.

Der russische Botschafter Alexander Jakowenko während einer Pressekonferenz.

Sir Mark Sedwill, der die Arbeit der Geheimdienste MI5, MI6 und des GCHQ koordiniert, gestand gegenüber dem Verteidigungskomitee ein, dass bislang weder die Quelle der gegen die Skripals eingesetzten Substanz noch ein Verdächtiger identifiziert werden konnten. Als Sedwill gefragt wurde, ob irgendein Verantwortlicher für den Giftanschlag ausgemacht werden konnte, antwortete er: "Noch nicht."

Der Guardian berichtete zudem, dass auch bekannte russische Spione in Großbritannien nach einer Untersuchung als Verdächtige ausgeschlossen worden seien.

Als einen der Gründe für die bislang nicht erfolgte Identifizierung von Verdächtigen nannte Sedwill einen Mangel an Videoaufnahmen von Überwachungskameras in Salisbury. In der englischen Kleinstadt wurden der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank aufgefunden.

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Dabei hatte die Polizei erklärt, Tausende Stunden von Videoaufnahmen zur Durchsicht gesichert zu haben, worauf auch der Korrespondent des Daily Mirror, Adam Aspinall, in einem Tweet hinwies.  

Grundsätzlich gehört Großbritannien weltweit zu den Ländern mit der intensivsten Überwachung. Daher stellt sich die Frage, wie der oder die Täter unerkannt entkommen konnten, nachdem sie in Salisbury angeblich Chemiewaffen eingesetzt hatten.

Brisantes Eingeständnis ist deutschem Mainstream keine Schlagzeile wert

Das Hauptquartier des MI6 in London. Der britische Auslandsgeheimdienst war einst Sergej Skripals Arbeitgeber.

Bemerkenswerterweise war das Eingeständnis von Sedwill hiesigen Mainstreammedien keinen Bericht wert. Ganz anders noch vor zwei Wochen, als beispielsweise die Bild titelte: "Britische Polizei hat Verdächtige identifiziert". Auch die FAZ machte mit der Überschrift auf: "Britische Behörden haben Verdächtige identifiziert".

Man sollte meinen, dass die Aussage von Sedwill, die einer überraschenden Kehrtwende gleichkommt, eine Schlagzeile wert wäre. Wobei es sich im Grunde nicht um eine neue Entwicklung handelt. Denn die britischen Behörden haben zu keinem Zeitpunkt Verdächtige identifiziert. Was in den Überschriften der genannten Zeitungen unterschlagen wurde, ist die Tatsache, dass der Telegraph lediglich unter Berufung auf anonyme Sicherheitskreise behauptet hatte, es seien Verdächtige identifiziert worden – übrigens hieß es in dem Artikel, die Polizei habe "umfangreiche Aufnahmen von Überwachungskameras in Salisbury ausgewertet, einschließlich solcher von Kameras, die Autonummernschilder erfassen".

London weiß so viel und doch so wenig

Ungeachtet der eigenen Ermittlungsergebnisse halten die britische Regierung und ihr Sicherheitsberater Sedwill an dem Vorwurf fest, Russland sei für das Attentat verantwortlich. In einem Schreiben an die NATO vom 13. April behauptete Sedwill, nur Russland verfüge über die technischen Fähigkeiten, Nowitschok herzustellen. Eine dreiste Lüge, da nicht nur das britische Chemiewaffenlabor Porton Down nahe Salisbury dazu in der Lage ist, sondern auch eine Reihe anderer Staaten. So hat etwa der Iran den Kampfstoff vor zwei Jahren unter Aufsicht der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) hergestellt.

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Und auch Tschechien hat das Nervengas noch bis Ende letzten Jahres hergestellt und getestet. Das erklärte Präsident Miloš Zeman am Donnerstagabend in einem Fernseh-Interview. Damit überführte er Premierminister Andrej Babiš der Lüge, der zuvor wiederum Moskau der Lüge bezichtigt hatte, weil Russland korrekterweise behauptet hatte, dass Tschechien zu den Ländern zählt, die mit Nowitschok experimentieren.

In seinem Schreiben an die NATO hatte Sedwill – ohne dafür auch nur das geringste Indiz vorzulegen – behauptet, Moskau betreibe ein speziell auf Attentate gemünztes geheimes Chemiewaffenprogramm:

Salisbury: Nach dem Anschlag auf Sergej Skripal und dessen Tochter sperrte die Polizei Fußwege in der Nähe seines Wohnhauses ab.

Im Rahmen dieses Programms wurden auch Möglichkeiten erforscht, wie verschiedene Nervengas-Arten am besten eingesetzt werden können, einschließlich ihres Anbringens an Türklinken.

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Laut London wurde Nowitschok an der Türklinke des Hauses von Sergej Skripal angebracht. Obwohl er Schutzhandschuhe trug, habe sich der Polizist Nick Bailey durch den Kontakt mit der Türklinke vergiftet, berichtete die Times. Bailey ist inzwischen wieder vollständig genesen.

Im Umkehrschluss muss der Täter wohl einen Schutzanzug getragen haben, um den Effekten des nach einhelliger Meinung tödlichsten Nervenkampstoffes der Welt zu entgehen. Laut des offiziell proklamierten Tathergangs hätte das Nervengift am helllichten Tag angebracht werden müssen.

Der Widerspruch springt ins Auge: Einerseits behauptet Sedwill, über tiefe Einblicke in ein streng geheimes Chemiewaffenprogramm in Russland zu verfügen, das er detailliert beschreibt. Andererseits können er und die ihm unterstellten Geheimdienste sowie die Ermittlungsbehörden trotz all der bestehenden Überwachungsmaßnahmen keinen Verdächtigen identifizieren, der sozusagen "vor der eigenen Haustür" in Salisbury Nowitschok verteilte.

OPCW-Chef geht mit Fantasiezahlen hausieren

Und das laut dem Vorsitzenden der OPCW in erheblichen Mengen – was einen Schutzanzug wohl zwingend notwendig gemacht haben dürfte. Denn laut Ahmet Üzümcü seien bis zu 100 Gramm Nowitschok in Salisbury verteilt worden. Diese Zahl sei ihm genannt worden, sagte er in einem Interview mit der New York Times. Die Menge liege demnach wesentlich über dem, was man zu Forschungszwecken für ein Gegenmittel herstellen müsste. Daher sei es laut Üzümcü wahrscheinlich, dass der Kampfstoff als Waffe produziert wurde.

Beamte packen Schutzanzüge weg, die vorher ihre Kollegen benutzt hatten, um ein forensisches Zelt über die Parkbank aufzustellen, auf der Sergej Skripal und seine Tochter Julia Anfang März im Zentrum von Salisbury in Großbritannien bewusstlos gefunden wurden.

Britische und deutsche Medien griffen diese Aussage auf, ohne die sich daraus zwingend ergebenden Fragen zu stellen. Beispielsweise die, wie es möglich sein soll, eine solche Menge unbemerkt an einer Türklinke anzubringen. Fraglich wäre auch, wie jemand mit einer so großen Menge des Kampfstoffes in Kontakt gekommen sein soll, ohne zu sterben – wobei zudem laut OPCW das Nervengift in "sehr reiner Form" vorgelegen haben soll.

Angesichts des offenkundigen Widersinns der Aussage ihres Chefs sah sich die OPCW veranlasst, dessen Angaben zu korrigieren. In einer Mitteilung der Organisation vom Freitag heißt es, die Menge könne "vermutlich in Milligramm ausgedrückt" werden. Die genaue Menge des Nervengiftes könne die OPCW aber nicht benennen. (Die New York Times tauschte den ursprünglichen Artikel einfach gegen das Dementi der OPCW aus.)

Woran sich die Frage anschließt, wer Üzümcü die Zahl von 100 Gramm genannt hat. Oder beabsichtigte der OPCW-Chef gar, gezielt die Botschaft zu verbreiten, das Nowitschok von Salisbury könne nicht aus einem Forschungsprogramm – etwa der Tschechen – stammen, sondern müsse einem geheimen Waffenprogramm entsprungen sein, um damit im Sinne der britischen Regierung die Fährte wieder Richtung Russland zu legen, die ja genau das behauptet?

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