Interview mit Journalisten aus Palästina: "Saudi-Arabien hat Palästina an Israel verkauft"

Interview mit Journalisten aus Palästina: "Saudi-Arabien hat Palästina an Israel verkauft"
Ein Junge hält beim Protest in Gaza am Montag eine palästinensische Flagge.
Das Vorgehen Israels gegen palästinensische Demonstranten sorgte für Empörung. Kritisiert wurde auch die geringe Solidarität aus der arabischen Welt, angeführt von Saudi-Arabien. RT Deutsch sprach mit einem palästinensischen Journalisten aus Jerusalem.

von Ali Özkök

Mahmoud Adameh ist palästinensischer Journalist und Blogger aus Jerusalem, der sich auf die palästinensisch-israelischen Beziehungen fokussiert hat und darüber in mehreren lokalen arabischen Medien berichtet.

Wie ist die Stimmung unter den Palästinensern nach den massiven israelischen Übergriffen gegen palästinensische Demonstranten im Gaza?

Nach den entsetzlichen israelischen Angriffen auf die palästinensischen Demonstranten, insbesondere an der Grenze des Gazastreifens, die zur Ermordung von 60 palästinensischen Menschen und 2.000 Verletzten geführt hatten, fühlt sich das palästinensische Volk machtlos und frustriert. Wir Palästinenser sind uns aber auch bewusst, dass unser Volk in Gaza unter unmenschlichen Bedingungen lebt und nur vier Stunden am Tag mit Strom versorgt wird. Viele berichten, dass die Palästinenser mit ihrem Aktivismus im Gaza Selbstmord begehen. Aber das entspringt der Leidenschaft für den Kampf um Freiheit, der Liebe zum Leben und dem Festhalten an der Wahrheit über die Rechtmäßigkeit von Palästina.

Benjamin Netanjahu mit seinem Sohn Yair

Was sind Ihre Beobachtungen über das Schicksal der Palästinenser, wenn es um die internationale Gemeinschaft, insbesondere den Westen, geht?

Was mit den Palästinensern wirklich geschieht, hat die westliche Welt offenbar nicht erreicht. Israel begeht neue Massaker an den Palästinensern, und die internationale Gemeinschaft muss dringend handeln, um die Rechte der Palästinenser zu sichern. Israel schreibt seine Geschichte auf Kosten der Palästinenser.

Der türkische Präsident Erdoğan sagte am Montag, dass die USA Teil des Problems im israelisch-palästinensischen Konflikt geworden seien und damit ihre Rolle als Vermittler verlören. Ist das auch Ihre Meinung?

Ja, er hat absolut recht. Die Worte des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, dass die Vereinigten Staaten von Amerika Teil des Problems im israelisch-palästinensischen Konflikt geworden seien und ihre Rolle als Vermittler verloren hätten, entsprechen der vorherrschenden Meinung unter den Palästinensern. Auf den Straßen wird gefordert, dass die palästinensische Führung eine Alternative finden muss oder eine starke eigene Position beziehen sollte, um der Besatzung zu widerstehen, die real ist und mit jedem Tag immer deutlicher sichtbar wird.

Israelische Journalisten berichteten, dass es keine Demonstrationen in den palästinensischen bewohnten Gebieten Jerusalems gab. Sie leben in Jerusalem. Ist das wahr, und wenn ja, warum ist die Situation in Jerusalem für die Palästinenser anders als in Gaza?

Die Situation in Gaza ist völlig anders als in Jerusalem. Gaza ist quasi zu einer lebendigen Unterwelt verkommen. Der kleine Streifen mit rund zwei Millionen Einwohnern ist ein verbotener Zeuge, der der Welt seine Geschichte über die kompromisslose Politik Israels erzählen möchte. Im Gaza gibt es keine beständige Elektrizitätsversorgung, und zahlreiche humanitäre sowie medizinische Institutionen weisen eine deutlich schwächere Infrastruktur als andere palästinensische Städte auf.

In Jerusalem ist die Situation dahingehend anders, dass die palästinensische Bevölkerung einen friedlichen Widerstand in der Stadt verfolgt. Israels Kontrolle über Jerusalem ist auch deutlich stärker als über Gaza. Deshalb kontrolliert es die Situation in der Stadt schnell und unterdrückt jeden Marsch.

Warum soll Jerusalem Ihrer Meinung nach eine wichtige Stadt für eine zukünftige Staatlichkeit Palästinas sein?

Jerusalem ist wichtig für die Errichtung eines künftigen palästinensischen Staates, weil es die Stadt mit der größten palästinensischen Identität ist. Natürlich ist Jerusalem auch die Wiege der drei großen monotheistischen Weltreligionen und damit auch der jüdischen Religion. Sie ist aber auch voller palästinensischer und arabischer Geschichte. Darüber hinaus gibt es eine supranationale Ebene, die berücksichtigt werden muss. Als erstes betete die muslimische Welt in Richtung Jerusalem. In dieser Stadt findet sich die die drittwichtigste heilige Moschee der muslimischen Welt. Eine Staatlichkeit der Palästinenser ist kaum denkbar, ohne auch Jerusalem Teil eines künftigen Staates nennen zu können.

Die israelische Seite rechtfertigt ihr Vorgehen gegen palästinensische Demonstranten mit der Erklärung, dass die Hamas diese Massen als Schutzschilde für Angriffe instrumentalisiere. Ist die Ansicht Israels nach Ihren Beobachtungen gerechtfertigt?

Dieses Argument ist bei genauerer Beobachtung der Dynamik fragwürdig. Wenn man sich anschaut, wer ins Visier der israelischen Sicherheitskräfte gerät, dann wird deutlich, dass es neben der Hamas eben auch um zivilgesellschaftliche Elemente geht. So richteten sich Sicherheitskräfte ebenso gegen Journalisten, ganz zu schweigen von Frauen und Kindern.

Fakt ist, die Hamas will trotz ihrer Propaganda keinen neuen Krieg. Das kann sie sich gar nicht leisten, weil die humanitären Folgen einfach zu verheerend wären. Diese würden auch die Basis der Hamas nicht unangetastet lassen. Am Ende würde Israel die Besatzung lediglich weiter ausweiten.

Wie gestaltet sich die Solidarität unter den muslimischen und arabischen Ländern in der Region? Stehen die traditionellen Unterstützer immer noch hinter den Palästinensern?

Die Türkei spielt eine wichtige Rolle mit dem Abzug des israelischen Botschafters. Die arabischen Länder spielen unterm Strich bei der Unterstützung der palästinensischen Sache keine Rolle. Insbesondere Saudi-Arabien, das sich ansonsten immer wieder als muslimische Schutzmacht in Szene setzt, ist außen vor. Das löste große Besorgnis unter den Palästinensern aus. Denn es scheint offensichtlich geworden zu sein, dass die reichen Golfstaaten die palästinensische Sache verkauft haben, um die Beziehungen zu Israel zu normalisieren.

Der israelische Botschafter in der Türkei Eitan Naveh am Abflugterminal des Atatürk International Airport in Istanbul

Eines der wenigen arabischen Länder, das von Anfang an hinter den Palästinensern stand, ist der Libanon. Er lehnt jede Form der Normalisierung mit Israel ab, solange nicht die Rechte der Araber berücksichtigt werden. Der Libanon solidarisiert sich bei jeder Gelegenheit mit den Palästinensern.

Immer wieder wird auch der palästinensische Präsident Mahmud Abbas kritisiert, er kämpfe seine eigenen Konflikte mit Oppositionellen aus. Wie sehen Sie die politische Landschaft in den palästinensischen Gebieten? Gibt es eine Alternative zum Status quo?

Was die Kritik am palästinensischen Präsidenten betrifft, so wird er sicherlich kritisiert, weil er nicht mehr in der Lage ist, die palästinensischen Forderungen zu kanalisieren und den palästinensischen Widerstand zu unterstützen.

Die politische Szene in Palästina ist schwach. Der palästinensische Präsident könnte als ersten Schritt die sogenannte Sicherheitskoordinierung Israel einstellen, die vor allem den israelischen Sicherheitskräften dient. Außerdem ist es sinnvoll, die Beziehungen zu den arabischen Golfstaaten einzustellen, die mit Israel kooperieren.

Aber genauso mangelhaft wie die politische Vertretung der Palästinenser durch Abbas ist die Rolle der palästinensischen Medien bei der Gestaltung der politischen Landschaft bei uns. Die Medien können auch die Botschaft der Palästinenser nicht mehr in die Welt tragen. In diesen Fällen muss es einen einheitlichen palästinensischen Mediendiskurs geben.

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