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Türkischer Ex-Offizier: "Türkei glaubt nicht mehr an westliche Werte, die von USA vertreten werden"

Türkischer Ex-Offizier: "Türkei glaubt nicht mehr an westliche Werte, die von USA vertreten werden"
Die Türkei ist zu einem Wackelkandidaten im westlichen Sicherheitskonstrukt geworden und kooperiert immer enger mit Russland. RT Deutsch sprach exklusiv mit einem hochrangigen türkischen Offizier a.D. über die Knackpunkte des türkischen Verhältnisses zu den USA.

von Ali Özkök

Coşkun Unal ist pensionierter Offizier der türkischen Armee und ehemaliges Mitglied einer Spezialeinheit. Er ist Militäranalytiker für die Forschungsgruppe Sidar Global Advisors, die in Washington ansässig ist. Seine Analysen wurden vom britischen militärwissenschaftlichen Verlag IHS und der US-Denkfabrik Washington Institute veröffentlicht.

Glauben Sie, dass das Potenzial für einen türkische Neuanfang mit den USA bezüglich Syriens vorhanden ist? Was könnte das für die YPG bedeuten?

Ein Neuanfang zwischen der Türkei und den USA vor allem in Afrin und Manbidsch ist möglich, aber das bedeutet nicht, dass die Türkei Toleranz für die PKK-nahe YPG-Miliz entwickeln würde. Die USA können ihre syrischen Milizen neu strukturieren und nach einer KDP-Beteiligung innerhalb Syriens suchen, also nach einer Kooperation mit Kurden, die dem irakischen Barzani-Clan nahestehen, um die kurdische Allianz in Nordsyrien aufrechtzuerhalten.

Die Türkei kooperiert in Syrien eng mit Russland. Glauben Sie, dass die Türkei noch Interesse an einem Konflikt mit Russland haben könnte, und wenn nicht, warum?

Die kurdische YPG-Miliz arbeitet mit den USA, aber in Nordsyrien auch mit Russland zusammen. Ihre derzeitige Haltung gegenüber Assad ist neutral. Sie erlauben die Stationierung von rund 200 syrischen Regierungskräften in Kamischli. Die YPG ist innerhalb des Kriegsgebietes im Norden noch immer der zuverlässigste Geheimdienstaktivposten für den syrischen Geheimdienst Al-Muchabarat und für Russland. Analysten liegen nicht falsch, wenn sie auf die Möglichkeit eines türkisch-russischen Konflikts hinweisen, falls Russland die Kurdenkarte offen ausspielen sollte. Bisher stand die russische Beteiligung hinsichtlich der YPG nicht im Vordergrund ihrer Syrien-Politik.

Sind die USA aufgrund ihrer Unterstützung für die YPG noch ein tragbarer Alliierter für Ankara?

Da die USA die Türkei als unzuverlässigen Partner für die Zukunft des Nahen Ostens und der Region betrachten, können wir für die türkische Sichtweise dasselbe Argument vorbringen. Die Beziehungen zwischen den USA und der Türkei verschlechtern sich, und Erdoğan ist keine beliebte Persönlichkeit bei US-Politikern, weder bei Republikanern noch bei Demokraten.

Was ist der Grund für das Misstrauen?

Dieses Misstrauen wurde seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs durch die Politik von Erdoğan und Davutoğlu geschaffen. Es war Erdoğan, der die Tür für eine Kooperation zwischen den USA und der Türkei geschlossen hatte. Stattdessen dachte er, er könne seine Interessen durch die sunnitischen Verbindungen des türkischen Geheimdienstes MIT zu Gruppen wie der ehemaligen al-Nusra-Front und Ahrar al-Scham durchsetzen, die alle irgendwie mit der Freien Syrischen Armee in Verbindung stehen.

Was trägt Ihrer Meinung aufseiten der Türkei zur allgemeinen Skepsis gegenüber Washington bei?

Da geht es vor allem um die zögerliche Haltung der USA bezüglich der Auslieferung von Fethullah Gülen. Das Verhalten kann zwar durch den Anwendungsbereich der westlichen Demokratie und des Rechts erklärt werden, doch weder kann die Türkei dies angesichts ihrer traumatischen Putscherfahrung verstehen oder akzeptieren, noch wird sie es versuchen.

Die Tatsache, dass die USA für Gülen einen sicheren Hafen darstellen, ist nur einer der vielen Gründe für die Türkei, westliche Werte infrage zu stellen, die seit sechs Jahrzehnten von den USA vertreten werden.

Die Türkei steht vor der für die YPG wichtigen Stadt Afrin. Wird die türkische Armee die Stadt einnehmen?

Die Türkei wird definitiv in Afrin einrücken, und das wird bald geschehen. Im Hinblick auf einen Häuserkampf, der möglicherweise länger dauern wird, als es bei den türkischen Städten Nusaybin oder Sur 2016 der Fall war, muss die Türkei Afrin vor dem Sommer einnehmen, damit sie ihre urbanen Fähigkeiten mit professionellen, aber begrenzten Ressourcen erfolgreich anwenden kann. Beteiligt sind militärische Spezialeinheiten sowie Spezialeinsatzkommandos der Polizei (PÖH) und der Gendarmerie (JÖH).

Wie beurteilen sie als ehemaliger hochrangiger Offizier die Kampffähigkeit der türkischen Armee im Zuge des gescheiterten Staatsstreiches?

Als ehemaliger Offizier einer Spezialeinheit der türkischen Streitkräfte denke ich, dass sich die Fähigkeiten der türkischen Spezialeinsatzkräfte derzeit verbessern und sich vom Gülenisten-Einfluss befreien. Dennoch stelle ich eine erhebliche Politisierung in diesen Reihen fest, die ebenfalls besorgniserregend ist. Die Waffensysteme und -technologien, die sie auf dem Schlachtfeld einsetzen, werden von den meisten westlichen Spezialeinheiten auch genutzt. Die schlimmste Auswirkung des Putschversuchs der Gülenisten auf die professionellen Kampftruppen der Türkei spiegelte sich im deutlichen Verlust von Offizieren und Unteroffizieren wider. Die rund 2.000 Mann starken Sondereinsatzkommandos der TSK wurden auf fast 1.000 Mann reduziert. Dies ist eine signifikanter Verlust an Elitesoldaten. Diese Zahl liegt bei den Spezialeinheiten der Polizei und der Gendarmerie sogar noch höher.

Kritiker im Westen behaupten regelmäßig, die Bedrohung durch Gülenisten werde übertrieben. Was ist Ihre Einschätzung, und wer hat die Lücke nach dem Putsch geschlossen?

Wir sollten versuchen, diese Kritiker des Westens zu verstehen, denn die gemeinsame Geschichte Erdoğans und Gülens reicht bis in die 90er-Jahre zurück. Der Westen neigt dazu, Gülens Einflussbereich zu unterschätzen, und die Abneigung des Westens gegen Erdoğan verstärkt dies. Meiner Meinung nach besteht keinen Zweifel an Gülens Rolle beim Putschversuch 2016.

Aber ich denke auch, dass die Regierung sich der bevorstehenden Konfrontation bewusst war und zumindest über eine begrenzte Menge an Informationen verfügte, weshalb die Führungspersönlichkeiten der regierenden AKP während des Putschversuchs unauffällig und unzugänglich bleiben konnten.

Es gibt zwei potenzielle Kandidaten, die ihr Bestes versuchen, um die Lücke zu füllen, die die Gülenisten hinterließen. Sie kommen sowohl aus der islamisch-politischen Arena als auch aus dem islamisch-internationalen Geschäftsnetzwerk.

Einer von ihnen ist der Menzil-Orden, der andere ist der Orden der Süleymancıs. Letzterer verfügt über jahrzehntelange, starke Netzwerkerfahrung, die ihn zu einem vielversprechenden Kandidaten macht. Der Menzil-Orden hingegen ist pragmatischer, und seine Ursprünge reichen bis nach Syrien. Erdoğan kann beides gutheißen und sie ermutigen, sich das Feld zu teilen, das früher Gülen zur Verfügung gestellt wurde.

Die Türkei will das hochmoderne russische S-400-Luftabwehrsystem kaufen. Warum will Ankara dieses System, und meint es die Türkei ernst mit dem Erwerb?

Der Versuch der Türkei, vier Stück des Langstrecken-Luftabwehrsystems S-400 zu beschaffen, ist sehr interessant. Objektiv ist der Grund für diese Bemühungen nachvollziehbar und der Erwerb für Ankara entscheidend. Die Aufnahme eines russischen Luftverteidigungssystems in den militärischen Blutkreislauf der Türkei ist eine sehr ernste politische Botschaft.

USA und NATO zögerten in der Vergangenheit, ähnliche Systeme für die Bedürfnisse der Türkei bereitzustellen. Dass die TSK nicht über das S-400 verfügt, war für die Türkei hingegen ein großes Problem, da Griechenland bzw. Zypern und der Iran im Jahr 2000 das Vorgängermodell S-300 von Russland erwarben.

Erdoğan schreibt für jedes Beschaffungsprojekt ausländischer Waffensysteme eine gemeinsame Produktion vor, um die heimische Industrie zu stärken und diese Produkte langfristig gesehen selbst zu produzieren. Die USA und der Westen wollen das nicht akzeptieren. Das S-400 kann deshalb eine Alternative sein. Sollte sich Russland am Ende doch gegen eine gemeinsame Produktion entscheiden, kann die Türkei sich noch an China oder Südkorea wenden.

Wirklich Sinn macht der Erwerb aber nur, wenn die Türkei am Ende Zugang zu bis zu 100 S-400-Systemen mit einer Option auf Know-how-Transfer hat. Natürlich, bereits vier Systeme sind wirkungsvoll, aber nicht langfristig abschreckend. Die Streitkräfte benötigen eine präventive Luftwaffen- und Raketenabwehr. Die Türkei braucht mindestens zehn S-400-Systeme, um die syrische Grenze vollständig abzudecken, aber das schreckt den Iran und Griechenland nicht ab.

Um alle Grenzen abzusichern, wären meinen Berechnungen nach 40 Systeme und weitere 40 als Ersatz nötig. Griechenland hat vielleicht kein effektives Raketensystem, aber ich denke, dass der Radar seines S-300 noch immer aktiv ist. Athen dürfte etwa fünf bis zehn S-300 haben, aber ohne solide Validierung auf Datenträgern.

Wie und womit könnten die USA Ihrer Meinung nach die Türkei beim Kauf der S-400 unter Druck setzen?

Die USA haben zum jetzigen Zeitpunkt keine Möglichkeiten, die Türkei unter Druck zu setzen. Sie, wie auch der übrige Westen, sind sich wahrscheinlich bewusst, dass sich die Türkei seit Beginn der Erdoğan-Ära immer weiter von den USA, der NATO, der UN und allen anderen westlichen Organisationen und Stiftungen entfernt hat.

Könnte die Türkei über kurz oder lang ihre Beziehungen zu Syriens Präsident Baschar Assad wieder normalisieren?

Eine Neuausrichtung mit Assad wäre notwendig, ist aber nicht möglich. Erdoğan mag versuchen, einen begrenzten Dialogkanal zu schaffen. Dabei könnten beide Seiten beispielsweise ihre Geheimdienste für den Kontaktaufbau nutzen. Aber Gespräche auf Regierungsebene sind höchst unwahrscheinlich.

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