"Sie wollen keine Unabhängigkeit": USA drohen Türkei wegen Kooperation mit Russland Sanktionen an

"Sie wollen keine Unabhängigkeit": USA drohen Türkei wegen Kooperation mit Russland Sanktionen an
Um die angespannten Beziehungen zu verbessern, forderten die USA die Türkei auf, ihre Entscheidung zu revidieren, das russische S-400-Verteidigungssystem zu kaufen. Washington droht Ankara mit Sanktionen. Türkische Beamte kritisierten gegenüber RT Deutsch, dass die westlichen NATO-Staaten keine "unabhängige Türkei" wollen.

von Ali Özkök

Ein hochrangiger US-amerikanischer Verwaltungsbeamter warnte vergangene Woche im Interview mit der türkischen Tageszeitung Hürriyet die Regierung in Ankara, keine militärischen und rüstungsindustriellen Beziehungen mit Russland aufzubauen:

Die USA verstehen, dass die Türkei ihre Luftverteidigung verstärken will. Wir haben jedoch Bedenken wegen eines möglichen Kaufs russischer S-400-Systeme. Wir bringen dies deutlich zum Ausdruck. Dieser Kauf könnte negative Auswirkungen auf die Interoperabilität der NATO haben und im Rahmen des vom Kongress neu verabschiedeten Gesetzes Sanktionen gegen die Türkei nach sich ziehen.

"Wir wollen der Türkei helfen, eine bessere Alternative zu finden, um ihren Luftverteidigungsbedarf zu decken", fügte der US-amerikanische Beamte beschwichtigend hinzu, der namentlich von Hürriyet nicht zitiert werden durfte.

Beamte in Ankara wiesen die US-Drohung zurück und unterstrichen, dass die Türkei ihre NATO-Verbündeten wiederholt gebeten habe, Verteidigungssysteme zu verkaufen oder Technologien zu teilen. Diese weigerten sich aber, mit der Türkei zusammenzuarbeiten, was die Türkei veranlasste, das russische S-400-System zu erwerben. Russland andererseits habe eine kooperativere Haltung als zahlreiche westliche Verbündete der Türkei.

"Die NATO-Staaten geben der Türkei kaum militärische und rüstungsindustrielle Unterstützung, weil sie keine unabhängige Türkei entstehen sehen wollen", kommentierte eine hochrangige Quelle aus dem türkischen Unterstaatsekretariat für Rüstungsindustrie, kurz SSM, quasi das Beschaffungsamt der türkischen Streitkräfte, gegenüber RT Deutsch.

"Das hat zwei Gründe. Diese Staaten wissen ganz genau, die Türkei entwickelt sich im Falle einer Zusammenarbeit schnell vom Käufer zum Konkurrenten. Der zweite Grund ist, sollte die Türkei in Fragen der Rüstungsindustrie vom Westen unabhängig werden, wird auch die türkische Außenpolitik unabhängig. Das will man nicht", fügte der türkische SSM-Vertreter kritisch hinzu, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Als in den USA ein neues Gesetz verabschiedet wurde, das russische Unternehmen auf die Sanktionsliste setzte, die an der Produktion des S-400 beteiligt sind, stellt sich die Frage, ob nun auch Türkei mit Sanktionen rechnen muss.

"Wenn die USA das Unternehmen, das das S-400-System verkauft, im Rahmen von Sanktionen einbezieht, besteht die Möglichkeit, dass die Türkei indirekt davon betroffen sein könnte. Allerdings können sie keine direkte Sanktion gegen die Türkei verhängen", äußerte Fikri Işık, stellvertretender türkischer Premierminister in Bezug auf das Thema.

Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu wies die Drohungen aus den USA zurück. Er kommentierte das Thema folgendermaßen:

Die Türkei braucht dringend ein Luftverteidigungssystem. Wir wollten eines von unseren Verbündeten kaufen, aber das ist gescheitert.

Er betonte, dass die Türkei nach anderen Alternativen suchen müsse, um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden. Der Beamte des Unterstaatsekretariats für Rüstungsindustrie in Ankara ergänzte auf Anfrage von RT Deutsch in diesem Zusammenhang:

Die Zusammenarbeit mit Russland derzeit nicht geht über die Kooperation beim S-400-System hinaus. Aber sollte der Westen sein verborgenes Embargo gegen die Türkei weiter aufrechterhalten, dann können wir auch nicht mehr vorhersagen, was passiert.

Im Dezember unterzeichnete die Türkei offiziell ein Abkommen mit Russland. Ankara lässt sich das fortschrittliche Langstrecken-Flugabwehrraketensystem aus Russland 2,5 Milliarden US-Dollar kosten. Die Türkei wird als erstes NATO-Mitglied das System übernehmen.

Darüber hinaus strebt die Türkei den Aufbau eigener Raketenabwehrsysteme an, da die Vereinbarung auch den Transfer von Technologie und Know-how beinhaltet. Das 2007 eingeführte System S-400 ist die neueste Generation russischer Luftabwehrsysteme, die Russland bisher nur nach China und Indien verkauft hat.

Die S-400 Triumf, auch bekannt unter dem Namen Growler, ist ein Luftabwehrsystem, das in der Lage ist, mehrere Flugzeuge und Raketen gleichzeitig zu verfolgen und auszuschalten. Das System hat eine effektive Reichweite von bis zu 250 Kilometern für langsamere Ziele und 60 Kilometern für taktische ballistische Raketen, die sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 4.800 Kilometern pro Sekunde bewegen.