Wir backen uns eine Terrororganisation - USA erfinden syrische Dschihadistengruppe "Khorasan"

Quelle: The U.S. Army/CC BY 2.0
Quelle: The U.S. Army/CC BY 2.0
Ein anschauliches Beispiel dafür, wie Herdentrieb-Journalismus und Konformismus es westlichen Geheimdiensten leicht machen, die Bevölkerung durch das Lancieren nicht substantiierter Gerüchte oder sogar frei erfundener Räuberpistolen in Unruhe zu versetzen, hat jüngst eine Begebenheit aus dem September 2014 illustriert. Die Terrorgruppe „Khorasan“, die angeblich noch schlimmer als der IS war und von den USA zerschlagen wurde, hat es nie gegeben.

Damals hatte Associated Press (AP) unter Berufung auf ungenannte US-Offizielle behauptet, diese würden in einer Zeit, da die Welt immer noch vom Vormarsch der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS; ehem. ISIS) in Syrien und im Irak geschockt war, bereits über eine neue, zuvor nicht bekannte Bedrohung durch eine Terrorgruppe diskutieren, die den Namen „Khorasan“ trage.

Diese soll, so die AP unter Berufung auf angebliche US-Offizielle, mit Al-Qaida-Veteranen bestückt sein und vor allem Angriffe auf Fluglinien planen, die mit den USA verkehren. Die Gefahr, die von „Khorasan“ ausgehe, hieß es damals, wäre mutmaßlich noch größer als jene durch den IS.

Quelle: Sceenshot aus einem Propaganda-Video der al-Nusra-Front bei Ariha

James Clapper, der oberste Geheimdienstkoordinator des US-Präsidenten soll im Januar davor tatsächlich von einer solchen Gruppe gesprochen haben. Die Gruppe sei, so hieß es, benannt nach einer historischen Region, die in vor- und frühislamischer Zeit Teile des heutigen Iran, Irak, Afghanistans, Turkmenistans und Usbekistans umfasste.

Khorasan soll bereits eifrig Dschihadisten aus dem Westen rekrutieren, hieß es sogar in Geheimdienstquellen, und sie plane bereits Anschläge im Westen.

Die Liste der Medienorgane, die über die Gruppe berichtet hatten, liest sich wie ein Who is Who westlicher „Qualitätsmedien“ und reicht von der New York Times über die Washington Post bis hin zur CNN, CBS oder auch den führenden Medienorganen in Deutschland wie Handelsblatt oder N24.

Seit September 2014 hat man von dieser „Terrorgruppe“, die angeblich eine noch größere Bedrohung als der IS darstellen soll, nichts mehr gehört.

Heute weiß man auch den Grund: Die Story war frei erfunden, eine Terrorgruppe dieses Namens existiert schlichtweg nicht.

Jüngst hat der Führer der syrischen Dschihadistengruppe Al-Nusra, Abu Mohammad al Jolani, auf dem arabischen Kanal von Al Jazeera erklärt, dass es eine solche Gruppe auch zu keiner Zeit zuvor gegeben habe. „The Intercept“ zitiert al Jolani wie folgt:

„Die so genannte Khorasan Gruppe, die angeblich in unseren Reihen aktiv sein soll, gibt es nicht. Wir hörten zum ersten Mal von ihr aus den Medien, nachdem die US-geführte Koalition uns bombardiert hatte. Es ist nur eine westliche Erfindung, die Bombenanschläge auf uns zu rechtfertigen. Es gibt allerdings einige Brüder aus Khorasan, die sich uns angeschlossen haben.“
Dies sei nach Meinung von Nahost-Experten auch die näher liegende Erklärung dafür, wie überhaupt die Begriffe „Khorasan“ und „Terrorismus“ sinnvollerweise in einen Zusammenhang gebracht werden konnten. „The Intercept“ zufolge seien Kämpfer von Ayman al Zawahiri aus dem Irak nach Syrien geschickt wurden, um für al Nusra zu kämpfen.

Quelle: Screenshot von einem IS-Propagandavideo

Um den Flurschaden infolge der Bombardierung eines der Hauptquartiere al Nusras durch die USA zu begrenzen, einer Gruppe, die über ein gewisses Maß an Ansehen innerhalb der lokalen Bevölkerung genieße, habe man die Story mit der „Khorasan“-Gruppe erfunden.

FBI-Direktor James Comey habe auch unmittelbar nach der Bombardierung damit begonnen, die Bedrohungslage durch „Khorasan“ zu relativieren. Auch syrischen Aktivisten vor Ort war die angeblich „gefährliche Terrororganisation“ nie ein Begriff. Mittlerweile ist es mehr oder minder offiziell, dass es eine solche Gruppe nie gegeben hat.

 

 

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