Türöffner für Russland: Österreichischer Konzern will Gas in West-Sibirien fördern

Türöffner für Russland: Österreichischer Konzern will Gas in West-Sibirien fördern
Logo des österreichischen Energieunternehmens OMV auf dem Gebäude des Hauptquartier in Wien.
Der Einstieg des österreichischen Energieunternehmens OMV in die Gasförderung im westsibirischen Juschno-Russkoje-Feld sorgt für Aufsehen. Mit einem Viertelanteil will die OMV Erdgas fördern und sich an der Erschließung neuer Felder beteiligen.

Es ist ein Milliardengeschäft. Und nicht einmal der erste große Deal des Konzerns mit den Russen. Die Beteiligung der Österreicher an der Erschließung des Juschno-Russkoje-Feldes in West-Sibirien beläuft sich auf 1,75 Milliarden Euro, was einem Anteil von 24,99 Prozent entspricht.

Damit hievt der teilstaatliche Konzern seine Eigenproduktion insgesamt um 100.000 Fass pro Tag nach oben. Künftig wird ein Viertel des OMV-Gases in Russland gefördert. Ein Tauschgeschäft mit Gazprom ermöglicht es der OMV perspektivisch sogar, das Volumen ihrer russischen Gasförderung auf 150.000 Barrel auszuweiten.

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Im Jahr 2016 hatte die OMV vor dem Hintergrund ihrer eigenen Gasförderungsprojekte in Norwegen eigene Aktien mit Gazprom gegen eine Beteiligung an der Erschließung neuer Felder in Westsibirien ausgetauscht. Auf diesem Wege will Gazprom in die Gasförderung in Norwegen einsteigen. Der Deal ist aber bis jetzt noch nicht abgeschlossen, weil Gazprom für die Schätzung der OMV-Assets mehr Zeit in Anspruch nehmen will als geplant.

Sowjetische Wurzeln des österreichischen Vorzeigeunternehmens

Neben Schell und Uniper ist die OMV auch im Rahmen des Projekts Nordstream 2 Partner von Gasprom. Damit gehören die Österreicher zu den wichtigsten Stakeholdern, wenn es um Gaslieferungen aus Russland für Europa geht. Der Konzern hatte sich ursprünglich als Raffinerieunternehmen entwickelt. Ursprünglich hatte die frühere Österreichische Mineralölverwaltung 1956 nach dem Ende der Besatzungszeit infolge des Zweiten Weltkriegs die Bestände der Sowjetischen Mineralölverwaltung übernommen. Bis 1987 blieb sie vollständig im Besitz der Republik Österreich. Heute gehört das Unternehmen auch zu den wichtigsten Kraftstofflieferanten in Deutschland: So betreibt die OMV ein Zehntel aller deutschen Tankstellen.

Teil der OMV-Raffinerie Wien-Schwechat. Mit einer Gesamtfläche von 2,4 Quadratkilometern ist die Anlage größer als die Fläche des Fürstentums Monaco. Nach dem Staatsvertrag 1955 ging die Raffinerie aus sowjetischer Verwaltung in den Besitz der Österreichischen Mineralverwaltung über.

Die Sicherung des eigenen Energiebedarfs durch langfristig geplante Gaslieferungen aus Russland wird bei der OMV aber immer noch teilweise vom österreichischen Staat mitbetrieben. Dieser hält immer noch 31,5 Prozent der Aktien des Unternehmens und verhandelt auch mit. Zahlreiche Treffen des österreichischen Außenministers Hans Jörg Schelling mit Gazprom-Chef Alexej Müller sprechen eine deutliche Sprache. Mit einem Anteil der Russischen Föderation in Höhe von 50,2 Prozent ist auch die Gazprom teilstaatlich.

Interessant ist jedoch, dass der entscheidende Impuls für das Russland-Geschäft des österreichischen Unternehmens ausgerechnet von einem deutschen Vorstandschef kam. Der langjährige Vorstandchef von Wintershall, Rainer Seele, wechselte im Juli 2015 nach Wien. Er verhandelte bereits für Wintershall über eine Beteiligung an Juschno-Russkoje. In Österreich setzte er seine Russland-Strategie fort und stärkte die Geschäftsbeziehungen des einstmals sowjetisch geführten Mineralölunternehmens in die Russische Föderation.

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Betriebswirtschaftlich weitsichtiger Schritt

Diese Strategie ist, wie DerStandard schreibt, "so simpel wie einleuchtend". Die vom Ölpreisverfall ordentlich gebeutelte OMV trennt sich von teuren Förderstätten in Norwegen und will ihren Eigenanteil mittels billigerer Produktion steigern. Der Wandel wird in atemberaubendem Tempo vollzogen, so DerStandard.

Die Vorteile der russischen Verbindungen für die OMV liegen auf der Hand. Bei Juschno Russkoje sollen die Produktionskosten nur zwei Dollar je Barrel betragen, was um ein Vielfaches günstiger ist im Vergleich zur Förderung in der Nordsee.

Damit gelingt Seele das Kunststück, die Kosten zu senken und die Reserven aufzufetten. Und das, ohne neue Schulden zu machen", wie das Blatt unter Berufung auf Seele selbst mitteilt.

Angesichts dieser Kalkulation lässt sich Seele seine umfangreichen Verträge mit den Russen auch ungern ausreden. Auch nicht durch die Skepsis der Presse, die - obgleich nach eigener Aussage kritisch, unabhängig und ohne staatlichen Auftrag - offenbar nur das Unbehagen weiter Teile der europäischen politischen Klasse ausdrückt. Gegner seines Engagements gibt es zur Genüge. Sie reichen von Polen, dem Baltikum und der Ukraine, die gegen das Projekt Nordstream 2 protestieren, bis hin zu den Verfechtern und Lobbyisten der Flüssiggaslieferungen aus den USA.

Vertreter von Politik und Wirtschaft fanden sich unter anderem aus Belarus, Russland, Armenien und Deutschland zur AHK-Konferenz ein. Vierter von rechts: Staatssekretär Uwe Beckmeier. Foto: Igor Vagan.

Sie alle weisen unisono auf vermeintliche politische Risiken des Russland-Geschäftes hin. Rainer Seele, der den politischen Kontext der Russland-Sanktionen gegenüber der Presse nicht bestreitet, zeigt sich von dieser Kritik nicht beeindruckt. Auch der Iran ist für die OMV ein wichtiger Gas-Lieferant, aber da liegen die Risiken um ein Vielfaches höher, lautet nur eines seiner Argumente.

Schließlich liegt es auch an Seeles eigener Energie und Entschlossenheit, seine Kritiker stumm zu halten. Als Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer warb er jüngst wortgewaltig auf dem Russland-Forum der deutschen Wirtschaft für einen weiteren Ausbau des Russland-Geschäftes. Dabei ging es ihm um die Kontakte in allen Facetten, nicht nur im Energiesektor.